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  Madame | Antoni Libera
 
 
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Madame
Antoni Libera

Dtv, 2002 - 493 Seiten

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Leicht und glänzend wie ein blauer Zeppelin

"Sie war stark und stolz. Und sie schien unabhängig von der entsittlichenden polnischen Realität, geschaffen in düsterem Wahn von der Volksdemokratie. Mit ihrem ganzen Wesen sagte sie nein zu dieser Welt." (405) Wenn der Leser auf diese Sätze stößt, ist er schon weit vorgedrungen in diesem außerordentlichen Roman. Er spürte schon lange ihr Gewicht, bevor die Sätze ausgesprochen sind, ja er "erleidet" sie mit - die Unwürdigkeit der Verhältnisse und die Obsession für eine Frau. "Sie" das ist "Madame" - eine einunddreißigjährige Lehrerin der französischen Sprache von beklemmender Schönheit und Intelligenz, höchster Bildung, "weltläufiger Eleganz" (Klappentext) und - Schuldirektorin. Er, der diese Sätze denkt, ist ein siebzehnjähriger junger Mann von attraktivem Äußeren und schier unglaublichem Hunger auf Bildung und ein authentisches Leben. Stolz, Einfallsreichtum, Eloquenz und seine große Sehnsucht sind Wesensmerkmale des Protagonisten, und er ist - ihr Schüler. Der Ort, an dem die beiden Ausnahmemenschen aufeinander treffen: Warschau in den sechziger Jahren. Alles beginnt als Geschichte, in der ein Schüler der Abiturklasse sich in seine junge Lehrerin verliebt. Eine normale, eine häufige Geschichte, doch nicht, wenn ein solcher Autor sie erzählt. Natürlich - sie spürt seine Avancen, sie kennt das, die halbe Schule ist ihr verfallen. Sie ist kühl, sehr kühl, abweisend, und sie hat ein Geheimnis. Er ist unrettbar verloren. Verloren für die Mitschülerinnen, die Laien-Theatergruppe, das Jazz-Quartett, die er gegründet hatte und für die regellose Lektüre alles "Westlichen". Seine Lebensperspektive fokussiert sich auf "Madame" und er rüstet sich, um hinter das Geheimnis der "Basaltplatte" (88) zu kommen. Mit Witz und Chupze steigt er ihr nach. Wo wohnt sie, und wohnt sie allein? Bald hat er es heraus. Wo hat sie studiert, erinnert man sich dort an sie? Die Recherche führt ihn zu Herrn Konstanty und dessen Sohn Freddy. Der Alte kannte Vater und Mutter von "Madame" und entstammt der "großen Epoche" (7) der dreißiger Jahre, in der es noch "interessante Zeiten, ungewöhnliche Begebenheiten, phänomenale Menschen gab." (7) Der Sohn studierte Romanistik wie "Madame", liebt sie unglücklich und kümmert am romanistischen Institut / Warschau als gerade noch gelittener Dozent vor sich hin, da er den Handschlag mit den Exponenten des kommunistischen "Stumpfsinns" im Land verweigert. Die beiden überwintern, sind bitter und voller böser Erinnerungen. Unversehens geraten wir in eine Abrechnung mit Stalin und dessen Politik im spanischen Bürgerkrieg. "Wie ermordet man den, den man zu begünstigen vorgibt?" - nämlich die spanische sozialistische Republik. (227) Konterkariert wird die Erzählung des alten Konstanty durch eine Schulfeier zum Gedenken an diesen Krieg, einem alarmierenden Beispiel von Geschichtsklitterung. Und immer wieder begegnen wir mit dem Ich-Erzähler zusammen Leuchttürmen der französischen und deutschen Kultur: Racine und Picasso, Goethe und Hölderlin, Johanna Schopenhauer und Simone de Beauvoir. "Faust", Hölderlins Dichtung "Der Rhein", Joseph Conrads "Sieg", Picassos Bilder, Racines "Phädra" sowie Thomas Manns Leverkühn und Tonio Kröger; leitmotivisch durchweben sie den Roman und werden zu Kilometersteinen auf dem Weg des jungen Erzählers, denn sie gehören zur Welt von "Madame" - und er muss ihr ebenbürtig werden, nur dann hat er eine Chance. Alles, was im "Sumpf und Aberwitz" (405) des damaligen Systems davon zu ergattern ist, durch Radio Freies Europa und das gerade noch gelittene französische "Centre de Civilisation" (!). - Film, Theater und immer wieder antiquarische Bücher - schlürft er wie Nektar in sich hinein. Das sonst schwere Gewicht abendländischen Kulturguts, hier wird es leicht und glänzt wie ein blauer Zeppelin am westlichen Horizont. Das Idealistische, Klassische, Bildungsbürgerliche noch einmal zu solcher Frische und Erotik aufpolieren zu können, wo viele es doch bei uns seit Jahrzehnten nach Kräften demontieren, dazu muss man wohl - wie der Autor - aus Polen kommen. Fechtboden der Treffen mit spitzem verbalen Florett bleibt lange das Klassenzimmer während der Französisch-Stunden bei "Madame". Erst eine geraume Zeit nach Abgabe seines genialischen Aufsatzes "L `astrologie -magie ou science?" (133) gelingt es dem Jungen, ihr auch an anderen Orten zu begegnen: in ihrem Büro in der Schule, im Theater bei einer Phädra-Aufführung, im Kino zur einmaligen Aufführung des damaligen Kultfilms "Ein Mann und eine Frau", bei der Eröffnung einer Picasso-Ausstellung. Ganz öffnet sie sich ihm nie. Aber sie geht, für ihre Verhältnisse, sehr weit. Und es gelingt ihm, hinter ihr Geheimnis zu kommen. Mehr als das und einige Berührungen der Hände - gönnerhaft von ihr, keck von ihm - war nicht zu erwarten. Sie entschwindet in blaue Fernen, er bleibt zurück mit der Erinnerung an eine Zeit des Fiebers, die ihn für das Leben prägt


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Kunstvoll, aber nie gekünstelt - ein literarischer Genuss

Was ist es, das den Leser 500 Seiten lang in einem Roman ohne nennenswerte Handlung in Atem hält? Antoni Libera schickt den Leser auf eine Reise des Geistes und geistreicher Entdeckungen. Seine faszinierende Botschaft, die er genüßlich langsam enthüllt, lautet: das größte erlebbare Abenteuer sind Geist und Seele eines Menschen. Auch wenn der Roman im stickigen, von Misstrauen und Engstirnigkeit geprägten kommunistischen Polen angesiedelt ist, gleicht das Grundmuster doch eher einem mittelalterlichen höfischen Epos: Der junge Held, ein Gymnasiast, zieht - im übertragenen Sinne - aus, um die Aufmerksamkeit und Minne einer edlen Herrin, seiner Französischlehrerin, zu erringen. Die geringsten Gunstbeweise, etwa ein blutgetränktes Taschentuch, werden zu Liebestrophäen von unschätzbarem Wert. Madame, die Königin in einem königlichen Spiel, alle anderen Personen an Glanz und Herrschaftsanspruch übertreffend, macht es ihrem Ritter nicht leicht. Er muss sich von Station zu Station bewähren, Missachtung und Erniedrigung erdulden, bis er sich der Herrin als würdig erweist und vom grauen Knappen zum Prinzen aufsteigt. Mit detektivischem Spürsinn versucht der Gymnasiast das Geheimnis der Persönlichkeit und der Vergangenheit seiner Lehrerin zu lüften. Er plant die erhoffte Eroberung der Königin wie ein genialer Schachspieler, der nichts dem Zufall überlässt, um am Ende zu erkennen, dass das Mysterium der Liebe in der gegenseitigen Achtung der Persönlichkeit und des Geistes des anderen besteht. Leitmotivisch, verstärkt durch viele literarische Belege, durchzieht den Roman der Glaube des Autors an die Macht und Magie des Wortes, die er selbst in erstaunlichem Maße beherrscht. Die Vereinigung der Liebenden findet nicht bin der Realität, sondern folgerichtig im Geiste statt, indem sie sich als ebenbürtig erkennen und anerkennen, ja, aus der geistigen Verbindung heraus wird - symbolisch - sogar ein gemeinsames "Kind" "geboren", indem dem von der Königin geformten und an ihr gereiften Protagonisten, bevor er zur Legende erstarrt, wiederum ein Gleichgesinnter nachfolgt. Libera ist ein sehr dichter Roman gelungen. Alle Bezüge in der kunstvollen, aber nie gekünstelten Romankomposition aufzuzeigen, böte genügend Stoff für ein literarisches Seminar. Es ist ein zutiefst anrührender, aber nie sentimentaler Roman. Er lebt von einer inneren Spannung, die auf äußere Effekte nicht angewiesen ist. Im Elend kommunistischer Knechtung des Geistes entfaltet sich Individualität in der Gestalt zweier wahrhaft adeliger Menschen (die doch alles andere als Traumtänzer sind) in der reinsten Form.


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Das beste Buch, das ich kenne

Meine Vorgänger haben die Brsonderheiten Madames treffend beschrieben und mir bleibt nur zu sagen, dass mich noch nie ein Buch so angesprochen hat. Es ist für mich schon nahezu eine Lebenspholosophie. Jeder, der Kunst, Literatur, Theater schätzt wird all diese Dinge hier in wundervoller Art vereint finden und einen namenlosen Protagonisten, der die herausstechendste Persönlichkeit der Literatur für mich ist.


Fast schon selbst ein Glasperlenspiel

Liberas Hommage an Bildung, Ästhetik und Stil ist ein wunderschöner, berauschender, farben- und detailsprühender Roman. Libera spielt mit literarischen Motiven, indem er seinen jungen Helden - der fast schon etwas zu altklug erscheint - seine Umwelt und deren Geschichte entdecken lässt. Dabei findet der junge, sensible Held natürlich nicht nur etwas über seine angebetete "Madame" und die jüngere Vergangenheit heraus, sondern findet auch seinen eigenen Weg im zensurbelasteten Polen der 60er. Ich habe dieses Buch gelesen, geliebt und gleich weiterverliehen.


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Gut mit Schwächen

Die Liebesgeschichte zwischen dem begabten Schüler und der geheimnisvollen Französischlehrerin ist spannend und mitreißend erzählt.

Die Geschichte erzählt über ein Land unter einer Diktatur mit ihren Zwängen, ihren ebenso lächerlich anmutenden, aber brutalen Ansprüchen an ihre Untertanen, wie sehr das Leben von grundsätzlichen Entscheidungen geprägt wird -den eigenen und denen anderer- und einfach von der Faszination, die eine Frau auf einen jungen Schüler ausübt, der in ihr alles sieht, wovon er in diesem tristen Land träumt. Der Schüler unternimmt mit Hilfe seiner Phantasie eine höchst sympathische Flucht in die Kunst und in die Liebe. Er läßt dabei nichts unversucht, sowohl das Objekt seiner Liebe als auch die Kunst und ihre Wirkung zu erforschen.

Leider ist mitunter die Begabung des Schülers etwas überzeichnet. Das ärgert umso mehr, als der Roman in der Ich-Form geschrieben ist. Immer wieder zu lesen, was der Erzähler alles kann und wie leicht es ihm fällt, kann schon ermüdend sein. Hier hätte sich der Autor etwas zurückhalten können.

Interessant ist auch, wie sehr Libera es schafft, den Leser für die im Buch erwähnte Literatur zu interessieren (Joseph Conrad, Hölderlin, Racine). Ich habe mir die erwähnten Bücher gekauft und lese sie jetzt durch. Daß das so ist zeigt, daß es Libera wirklich gelingt, seine Geschichte und seine Figuren zum Leben zu erwecken. Man möchte lesen, was Madame und und den Helden bestimmt und begeistert.


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reviews: 1, page 2, 3



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