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Lea
Pascal Mercier

Hanser, 2007 - 256 Seiten

Kundenbewertung:(38 Bewertungen)
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Musik als Gegenbewegung zur Entfremdung

Pascal Mercier, der mit bürgerlichem Namen Peter Bieri heißt, Professor an der Uni Berlin war, hat mit seinem Buch "Nachtzug nach Lissabon" bereits über zwei Millionen Leser gefunden und es ist damit in den letzten Jahren eines der erfolgreichsten Bücher im deutschen Buchmarkt. Sei neuestes Buch ist die Novelle "Lea".

Zwei Männer, in den besten Jahren, beide geschieden beziehungsweise verwitwet, beide Berner treffen sich zufällig in der Provence. Der eine war erfolgreicher Chirurg, der andere erfolgreicher Bio Kybernetiker und beide stehen gewisser Weise vor den Trümmern ihrer Biografie. Beide haben je eine Tochter, aber doch eine deutliche Lebenskrise hinter sich. Sie treffen sich unter merkwürdigen exterritorialen Bedingungen und der eine, Martin Van Vliet beginnt sich zu öffnen, schüttet quasi gegenüber dem anderen, Adrian Herzog, sein Herz aus.

Im Zentrum der Erzählung von Martin Van Vliet steht dessen Tochter, eben jene Lea, die als Mädchen sehr verschlossen war, eigentlich als achtjährige, nach dem Tod der Mutter, eine Art kindliche Depression hatte und dann, als sie eine Straßengeigerin hört sich in die Musik, in dieses Instrument, in die Geige verliebt. Der Klang der Geige holt sie ins Leben zurück, sie wird erfolgreiche Geigenvirtuosin, der später als achtzehnjähriger Teenager die Musikwelt und das Publikum zu Füßen liegen.
Musik spielt eine ganz wichtige Rolle in diesem Roman. Und es ist ja nicht das erste Buch, wo Musik eine zentrale Rolle spielt, schon bei "Der Klavierstimmer" nahm es einen großen Raum ein.
Diese Lea fängt also an eine Geigenvirtuosin zu werden, aber sie entwickelt eine Leidenschaft für das Geigen spielen, für die Musik, die beinahe schon obsessive Züge annimmt. Zunächst ist sie nur erst einmal völlig ausgefüllt von der Musik, von deren Bedeutung und von ihrer eigenen Begabung zur Musik. Doch dann wird sie sich im Laufe der Zeit als Musikerin fremd, weil sie der Musik in ihrem Leben zu viel Platz einräumt. Und das ist eigentlich das Schrecklichste was passieren kann, denn die Musik ist doch eigentlich der Ort an dem Fremdheit nicht sein sollte.

Nicht nur Lea, sondern eine weitere Figur stößt an die Grenzen der Selbstbestimmtheit. Das ist der Vater Martijn. An einer Stelle sagt er ganz drastisch, dass er der Sklave der Wünsche seiner Tochter geworden ist. Der Vater ist jemand, der eigentlich keine Kinder wollte, weil er von sich sagt, er wisse überhaupt nicht wie das geht, die Verantwortung für jemand anderen zu übernehmen, er wisse ja noch nicht einmal wie es geht, Verantwortung für sich selber zu übernehmen. Plötzlich sieht er sich einem Kind gegenüber das diese enorme Begabung hat, gleichzeitig aber auch ein enorm zerbrechliches Kind ist. Der Geist von Lea fängt langsam an sich zu verdunkeln. Das geschieht in winzigen Schritten, man erkennt es anfänglich an ein paar "verrutschten" Sätzen die sie sagt. .
Und dieser Vater schlägt sich extrem mit dem Verdacht herum, dass er seine Tochter eigentlich nie verstanden hat, wobei dieser Verdacht ja auch durch einen Arzt implementiert wird. Ferner wird in recht anschaulicher Weisegegenübergestellt, einerseits die analytische Brillanz dieses Vaters, also Biokybernetiker und andererseits das musikalische Genie der Tochter,
Aber das Thema, jemand verstehen zu können, findet man in allen Büchern von Pascal Mercier. Und so tauchen auch hier noch zwei Frauenfiguren auf, die eine ist die Geigenlehrerin, die heiß und innig Geliebte der Tochter. Dann gibt es eine Musikalienhändlerin, bei der die erste Geige gekauft wurde, die kann angeblich "lesen wie in einem Buch". Das ist nichts Mysteriöses, denn diese Katherina ist eben eine sehr lebenskluge Frau, die alle Sympathie für den Vater empfindet und die ihm ansieht, was in ihm vorgeht und was er gerade verkehrt macht. Was den Vater erschrocken macht ist die Tatsache, dass er die Tochter, für die er eigentlich alles tun möchte, als Fremde erlebt. Sie wird ihm immer fremder durch die Musik und darin liegt seine Erschütterung. Und so gibt es einen wiederkehrenden Satz, der Vater sagt nämlich "was verdammt noch Mal wissen wir schon"? Das ist wie ein Refrain. In dem Sinne ist es ein sehr skeptisches Buch und es ist klar, dass die Figuren so sein müssen, wenn das Thema Fremdheit und Zerbrechlichkeit ist. Insofern handelt das Buch von der Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens, davon, dass uns so vieles im Leben so leicht verrutschen kann. Dabei ist Musik als Gegenbewegung zur Entfremdung gesehen, ein Medium um sich innerlich zu sammeln.

In der Figur des Vaters ist es manchmal eine hyperbolische Intelligenz, ein agrorythmischer Verstand und dann trifft er auf die Musik und die Leidenschaft zur Musik und vor allem trifft er in sich selber auf eine dunkle Unterströmung , der er nicht recht Herr wird, die er auch nicht recht versteht.
Das Buch handelt auch in ganz zugespitzter Weise von den Grenzen der Selbsterkenntnis, des Selbstverstehens. Deshalb ist es auch ein Buch über die Sprache der Gefühle, im gewissen Sinn auch, über die Schwierigkeit, die Sprache der Gefühle zu beherrschen. Bei der Suche nach der richtigen Sprache taumeln die Protagonisten, vergreifen sich, finden große Worte, fliehen dann wieder in kleine Worte, ziehen sich schließlich wie in ein Schneckenhaus zurück.

Außerdem zeigt uns der Autor In dieser großartigen Novelle an verschiedenen Beispielen und Formen, wie Menschen eben nicht mehr Akteure sind, sondern zunehmend unfrei werden. Dabei werden gekonnt, auf der einen Seite Facetten touchiert, wo im Leben, innere Freiheit und Ausgeglichenheit gelingen und andererseits Facetten, wo das nicht gelingt, wo eher innere Monotonie, innerer Zwang und innere Widerständigkeit herrschen.

Ich empfehle dieses Buch mit Nachdruck und Leidenschaft aus vielerlei Gründen.





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wunderbar schlicht

ein wunderbar schlichtes und berührendes buch. muss es immer mainstream sein? nein, muss es nicht. danke für diese schönen zeilen. im unterschied zu den all so wissenden kritikern hat pascal mercier das buch geschrieben und jene eben nicht.


Danke

Ja, da hat der Mercier nicht gleich nochmal den Nachtzug geschrieben, sondern in großartiger Max-Frisch-Tradition einen weiteren Roman verfasst (der angeblich "eitle" Medienmann hat ihn selbst offenbar "nur" Novelle genannt, was an sich nichts anderes ist, aber doch viel über die eher bescheidenene Haltung Merciers aussagt), der das Existenzielle des Menschen aufgreift, sich wiederum mit Schicksal beschäftigt, sehr treffend aber nicht immer unbedingt harmonisierend die Frage nach dem eigenen Willen weiterbearbeitet und dabei nie das radikal Subjektive des Menschseins übergeht.
Lieber Pascal Mercier. Wie schön, dass Ihr Tellerrand gelegentlich Ihre Leser und deren Angst vor angeblichen Klischees überfordet. Weniger erwarte ich nicht von einem Autor. Danke für dieses sicher nicht hübsch-befriedigende und auch deshalb gelungene Buch.
Martin Grundmann.



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reviews: 1, 2, 3, page 4, 5, 6, 7, 8



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