Der Chinese | Henning Mankell
Bücher:
Der Chinese
Henning Mankell
ZSOLNAY-VERLAG
, 2008 - 603 Seiten
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Ein historisch-spanndenden wie aktuell-brisanten Roman
Was wie ein atemberaubender Thriller á la Mankell anfängt, entwickelt sich bald zu einem ebenso historisch-spanndenden wie aktuell-brisanten Roman rund um die chinesische Geschichte und Gegenwart. Mankell spannt dabei einen Bogen von den sklavischen Lebensbedingungen der chinesischen Leiharbeiter beim amerikanischen Eisenbahnbau des 19. Jahrhunderts bis hin zu den aktuellen politischen Strömungen in einem Land zwischen Kommunismus und knallhartem Kapitalismus. Wer sich im olympischen Jahr für das Gastgeberland China interessiert, findet hier mehr als nur einen spannenden Thriller.
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Hoch-komplexer, semi-historischer und doch brisanter Thriller
Der neue Thriller von Henning Mankell hat weiterhin nicht die Wallander-Figuren als Handlungsträger. Doch auch treue Wallander-Freunde sollten nicht enttäuscht sein, der aktuelle Roman ist komplex, spannend und gefühlvoll inszeniert und verfügt darüber hinaus über eine politisch aktuelle Brisanz.
Zum Thema: fast alle Anwohner eines kleinen, verschlafenen, schwedischen Dorfes wurden Opfer eines brutalen Massakers, doch die Polizei ist mit dem Fall überfordert, es fehlen Tatverdächtige wie auch Tatmotive. Eine mit einem Anwohner entfernt verwandte Richterin wird aufgrund ihrer Verwandschaft neugierig und darf in dem Dorf sich mit der Vergangenheit ihrer dort aufgewachsenen Eltern auseinandersetzen. Sie findet Tagebücher ihrer Urgroßeltern aus dem vergangenen Jahrhundert und zufällig ein Indiz, das auf den möglichen Täter schließt. Bizarr, scheinen doch die Tagebücher aus dem 19. Jahrhundert Motive für die heutige Tat darzustellen, so vermutet sie. Die Tagebücher handeln von dem usamerikanischen Eisenbahnbau und dem Umgang mit aus Afrika und China verschleppten Zwangsarbeitern. Doch dies ist nicht das einzige Tagebuch aus diesem Zeitalter, denn parallel beschäftigt sich in Peking ein hoher Wirtschafts- und Politik-Funktionär mit einem anderen Tagebuch, das nun einer seiner - damals verschleppten - Vorfahren, schrieb. Und er ist gewillt, Rache zu nehmen. Rache an der Verschleppung, an der Folter, an der Zwangsarbeit und den emotionalen Grausamkeiten, die andere an seinen Vorfahren vorgenommen hatten. Es dauert nicht lange, bis sich verschiedene Wege kreuzen und die Vergangenheit alle Charaktäre dieser Geschichte einzuholen scheint...
Was ursprünglich als Schweden-Krimi beginnt, erweist sich im Verlauf der Geschichte als komplexes Sammelsurium verschiedenster Handlungsstränge und -träger: Mankell nimmt uns mit auf eine Zeitreise und berichtet aus beiden Perspektiven die Zwangsverschleppung chinesischer Arbeitskräfte in die USA in Form von Erzählungen und Tagebucheinträgen. Zwei grundverschiedene Ansichtsweisen prallen heftig aufeinander und entladen sich erst in der heutigen Zeit in Form des eingangs erwähnten Gewaltverbrechens ungeahnten Ausmasses. Doch nicht nur das bestialische Massaker im heutigen Schweden, die geschichtshistorischen Ereignisse von Zwangsarbeitern im vergangenen Jahrhundert in den USA, auch der möglich künftige China-Afrika-Konflikt wird in die Handlung geschickt mit eingeflochen.
Mankell hat erneut einen untypischen, komplexen und auch weltpolitisch kritisierend-motivierten, sehr emotionalen und packenden Roman verfasst, der sich endlich wieder der Gattung 'Thriller' einordnen lässt, was viele Wallander-Freunde längst vermisst hatten. Es geht auch ohne die beiden Kommissare Wallander und bekannte Figuren: pure Hochspannung in einem ungewöhnlichen Geflecht aus historischen und aktuellen und vielleicht auch künftigen Ereignissen einer neuen Art der Globalisierung, der Kolonalisierung und Ausschöpfung bzw. Missbrauch menschlicher Ressourcen, verwoben und verbunden mit traurigen, menschlichen Schicksalen, der Sehnsucht nach Rache und Gerechtigkeit. Ein echter Mankell. Endlich.
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Von Zorn und Rache
Dass dieses Buch kein herkömmlicher Krimi ist, haben schon meine Vorrezensenten beschrieben. Ja, Henning Mankell ist ein politischer Autor und sein Buch hat eine Mission, die den normalen Krimileser abschrecken kann.
Auch wenn "Der
Chinese
" mit einem Paukenschlag - dem Blutbad in einem schwedischen Dorf - beginnt, so entwickelt sich die Geschichte danach doch ganz allmählich, fast so wie beim Pellen einer Zwiebel enthüllen sich die einzelnen Schichten, die uns vom Amerika des 19-ten Jahrhunderts in das heutige Afrika bzw. in das vorolympische China führen. Wer sich dabei nur auf die "Krimiseiten" des Buches konzentriert - wie von einem Vorrezendeten vorgeschlagen - verpaßt dabei das Wichtigste. Auch die anderen Inhalte haben nämlich durchaus Ihre Berechtigung und sind nicht nur einfach ein politisches Bekenntnis von Mankell! Er macht in diesem Werk nämlich die Frage von Schuld und Rache zum Leitfaden des Buches. Die Taten von heute stehen in einem komplexeren Zusammenhang, als es den Anschein hat. Oder anders ausgedrückt, die Vergangenheit lebt und wer sie nicht begreift, der wird auch die Gegenwart nicht erfassen.
Er zeigt aber auch so nebenbei in der Chinesin Hong sowie in der Richterin Birgitta die alten, guten Prinzipien in Form von Solidarität, Loyalität und Freundschaft und bewahrt dadurch die Möglichkeit, daß sich doch noch alles zum Guten wenden kann. Das etwas düstere Bild der heutigen Welt (von Korruption bis zum modernen Kolonialismus) wird dadurch relativiert und dem Leser bleibt am Ende die Hoffnung auf eine bessere Welt.
Meiner Meinung nach Lesenswert!
PS: Eines noch ... zuletzt bleibt ein loses Ende übrig, für welches weder Birgitta noch Vivi oder die anderen Polizisten eine Erklärung haben. Tatsächlich ist es im echten Leben häufig so, daß man am Ende nicht immer alles schlüssig nachvollziehen kann. Es bleibt dem Leser überlassen, eine Lösung für dieses Rätsel zu finden. Immerhin ist ein gesamtes Kapitel diesem roten Band gewidmet, so daß ihm meiner Meinung nach doch eine gewisse Bedeutung zukommt. Ein Hinweis könnte die Reaktion der Bevölkerung sein. Die Polizei erhielt nämlich - nachdem dieses rote Band öffentlich bekannt gemacht wurde - vor allem Informationen, daß es sich um ein Geschenkband handelt. Das erinnerte mich doch tatsächlich an das Geschenk von Hong an ihren Bruder, die Feder und der Stein ... verpackt mit einem roten Geschenkband. Eine Anspielung an ein Gedicht von Mao: die Feder für das Leben, das weggeworfen wird, und der Stein "für ein Leben und einen Tod, der etwas bedeutete".Die offensichtliche Aufforderung an ihn sich zu entscheiden: Gut oder Böse? War das rote Band am Tatort die Antwort?
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