Schon anfangs, als Zumbach auf der Fähre unterwegs ist, erfährt der Leser viel über diesen unentschlossenen, weichen, für allerlei emotionale Einflüsse anfälligen Journalisten, der seinen Eltern vorgaukelt, beim "Spiegel" zu arbeiten, der immer noch seiner großen Liebe Stefanie nachhängt, trotz aller Demütigungen durch die viel stärkere, selbstbewußtere Frau. Und so erzählt der Roman vier Geschichten: Eben jene von der vergangenen Liebe, jene von der Suche nach den Schauplätzen der Mord-Vorgeschichte, jene von Natalie, die in der geschlossenen Abteilung sitzt, und die von Kolk, der Zumbach einige Briefe geschickt hat. Zumbach bewegt sich durch Irland, folgt der Spur der tragischen Urlaubsreise des frischverliebten Paars, aber gleichzeitig ist er sehr passiv, nimmt zur Kenntnis - die Dinge passieren ihm. Seine größte, aktivste Leistung besteht darin, sich überhaupt auf den Weg zu machen. Er ist insofern ganz Journalist, Chronist, aber gleichzeitig fehlt ihm die Fähigkeit, sein eigenes Leben von dem zu trennen, was Gegenstand seiner Recherchen ist. Das Buch - Zumbachs Buch - ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
"Der Papierkönig" scheint unglücklich betitelt, aber hier wie auch ansonsten im Roman nehmen vordergründige - wie diese - und weit weniger vordergründige Doppeldeutigkeiten großen Raum ein. Die Suche, die stattfindet, ist auch die Suche nach dem eigenen, verlorenen Leben; obwohl noch vergleichsweise jung sieht die Bilanz von Zumbachs Leben niederschmetternd aus.
Ich bin hin- und hergerissen, denn das Buch ist fantastisch erzählt, Schertenleibs Sprachgewalt und Bilderreichtum nehmen den Leser sehr schnell für sich ein. Seine Figuren sind plastisch, seine Geschichten sind spürbar, seine Beschreibungen erzeugen fast visuelle Eindrücke. Lange, lange habe ich keinen deutschsprachigen Roman mehr gelesen, der so vortrefflich geschrieben war. Aber, aber. Irgendwas an der Geschichte stimmt nicht - viele Motivationen, Ursachen, Zusammenhänge bleiben unscharf bis völlig unerklärt, Schertenleib stößt seine Hauptfigur ein bißchen zu sehr herum, das Ende hat reichlich unbefriedigende Züge, eigentlich stiehlt sich der Autor aus der Verantwortung. Dennoch lohnt sich das Buch, alleine eben wegen der Tatsache, daß es sprachlich rundum überzeugt.