Herr Dr. Leonhard Heydinger, ich hoffe, Sie haben sich im Krankenhaus wieder erholen können. Doch jetzt, da Sie wieder auf den Beinen sind,können Sie doch wenigstens ein bisschen von dieser geheimnisvollen Wiener Verschwörung erzählen, denke ich. Es ist ja auch immerhin schon einige Jahre her.
Im Café Imperial, damals, im Januar 1905,sprach Sie Herr von Fringsheim an, ein angehender Sektionsrat im Wiener Innenministerium, den Sie von einem Sektempfang in Köln her kannten. Anlass für diese Gesellschaft war die Uraufführung von Gustav Mahlers 5. Sinfonie, die er selbst dirigierte. Jedenfalls, eröffnet von Fringsheim Ihnen nun, dass ein Verräter im Innenministerium sein müssse. Der Regierung in Belgrad sei ein Bericht über die Wehrfähigkeit der k.u.k.Infanterie in die Hände gespielt worden. Es geht wieder einmal um Serbien... und um jüdische Künstler, die aus Wien mit aller Macht vertrieben werden sollen, das Ziel "der schwarzen Hand", einer antisemitischen Geheimloge. Sie ist wieder aktiv, geht ihnen gleich durch den Kopf.
Ich merke schon, Herr Doktor, Sie werden nervös. Bleiben Sie ruhig, Sie haben nichts zu befürchten! Doch ich verstehe schon, was Sie so erregt: Sechs Jahre zuvor tauchten Erpresserbriefe an jüdische Persönlichkeiten auf. Sie waren als Nichtjude zwar nicht unmittelbar betroffen,aber auf Grund Ihrer gesellschaftlichen Stellung und Ihres Engagements im kulturellen und politischen Leben Wiens wurden Sie immer mehr in die Affäre verstrickt., die mit der Ermordung der Kaiserin Elisabeth nicht endete,jedoch von nun an totgeschwiegen wurde. Nur Graf von Rheinsperg, Sie und einige wenige wussten von der Existenz "der schwarzen Hand".Ihnen waren damals die Hände gebunden. Sie durften nicht weiter ermitteln. Und tatsächlich, jetzt sollte es in die nächste Runde gehen.
Neben vielen Musikern der Hofoper ist auch Arnold Schönberg Ziel der Verschwörung; auch Siegmund Freud ist unter merkwürdigen Umständen mit den Erpressungen verwoben. Vor allem aber ist Gustav Mahler, der umstrittene und eigenwillige Komponist, der Direktor der Wiener Staatsoper, von der Hasstritade betroffen.
Es geschehen Morde, die als Selbstmorde kaschiert sind. Und wie steht es um Gustav Mahlers Tod? Sie haben Mahler über die ganzen Jahre, mehr oder weniger, begleitet. War es wirklich die Schuld "der schwarzen Hand", dass man sein Leben nicht retten konnte? Wer waren die Drahtzieher? Von wo aus agierten sie?
Dr. Heydinger, nun reden Sie doch endlich! Sie haben nach all den Jahren doch nun wirklich nichts mehr zu befürchten!Nun gut, Sie wollen Ihr Schweigen nicht brechen. Um so besser, dass C.S.Mahrendorff Ihr Wiener Tagebuch aus dem Jahre 1924 gefunden und es zu einem großartigen Roman verarbeitet hat.Ein Roman wie süffiger Wein.Eine Hymne für Gustav Mahler, ein Thriller vor der Kulisse der Metropole Wien, dieser Stadt "mit ihren Ausdünstungen, ihrer Kopflastigkeit und ihrer Intrigen, ihrer Presse und ihrer Salons, ihrer Demonstrationen und ihren Ausschreitungen." Wien eben, am Vorabend des ersten Weltkriegs.
Ach, beinahe hätte ich es vergessen, Dr. Heydinger, wie geht es Ihrer geliebten Freundin Lena von Rother. Ich sehe, Sie haben gerade ihren Brief gelesen. Ist sie noch immer in New York? Hat sie wieder eine Überraschung für Sie bereit wie seinerzeit in Köln? Na, das war ja eine schöne Bescherung! Ich hoffe, diesmal geht es gut aus...