In seinem lesenswerten Plädoyer für die Melancholie betont Zehentbauer den Facettenreichtum dieser bittersüßen Gemütshaltung, die allen Machern und Optimisten ein Dorn im Auge ist: Weil der Melancholiker ständig Sand ins Weltgetriebe streut, die Oberflächlichkeit unserer Kultur und die pausenlose Jagd nach Erfolg, Konsum und Vergnügen durchschaut und auf die Vergeblichkeit und Endlichkeit allen menschlichen Strebens verweist. Ziel des Buches ist es nebenbei auch, "den Millionen von Melancholikern zu mehr Selbstbewusstsein zu verhelfen und die ausgesprochen positiven Aspekte der Melancholie -- neu -- zu entdecken".
Offenbar neigen manche Volksseelen stärker zur Melancholie als andere. Man denke nur an den Tango der Argentinier oder den Fado der Portugiesen. Eine Definition der portugiesischen "Saudade", die im Fado ihren Ausdruck findet, gibt einen Hinweis auf den durch und durch ambivalenten Charakter: "Schmerz, der einen mit Freude -- Glück, das einen mit Leid erfüllt." Dazu gehört bisweilen das Inszenieren und Stilisieren dieses Lebensgefühls -- manchmal auch das Pathos. Nach Zehentbauer ist das Pathos ein wichtiger Aspekt der Melancholie, was sich leider auch in seinem Schreibstil bisweilen etwas stark widerspiegelt. Stattdessen hätte er vielleicht eine andere Facette stärker herausarbeiten sollen: die besondere Art von Humor -- eher schwarz gefärbt --, mit der die Melancholiker auf Distanz zur Welt gehen. --Christian Stahl
Zehentbauer, selbst Arzt und ausdrücklicher Verfechter einer ?empfindsamen Wissenschaft" gegenüber der ?wunderbaren Charaktereigenschaft" der Melancholie und depressiven Erkrankungen, die er aber strikt voneinander abgrenzt, unternimmt hier den Versuch einer Beschreibung melancholischer Seelenlandschaften. Melancholiker sind für ihn sehr kreative Menschen, die dadurch hohes künstlerisches und auch menschliches Potential besitzen. Der sprichwörtliche (irdische) See, auf dem diese Menschen treiben, ist aussichtloser Ankerpunkt und ihr Wissen darum lässt sie sich bisweilen vom diesseitigen Konsumdenken abkehren. Die Spannweite des Buches reicht von melancholischer Ästhetik, immer unvollkommen bleibender Liebe und Romantik zu der Stilisierung der Angst als ?wohlwollender Begleiterin" der Melancholie, die - unverzichtbar für die eigene (melancholische) Existenz - ebenso wie ihre ?Schwester' nach Wahrheit strebt.Josef Zehentbauer hat meines Erachtens mit vielen seiner Ausführungen recht: die Melancholie an sich ist in ihrem Facettenreichtum nicht fassbar und trägt damit sogar fast Züge, die das Transzendente suchen.
Für meinen Geschmack ist das Buch jedoch in einem merkwürdig ?odenhaften', stellenweise auch hymnenartigem Ton gehalten, der bei fortschreitender Lektüre immer mehr störend und bisweilen sogar lächerlich anmutete. Diese Tatsache ist auch, die dieses Buch leider nicht zu dem macht, was es eigentlich sein könnte: eine kurze und - soweit überhaupt möglich - fundierte Einführung in das Mysterium der Melancholie.