Diese Beobachtung ist der archimedische Punkt, an dem Jürgen Hargens den Hebel zur strategischen Gestaltung seiner Gespräche mit KundInnen ansetzt. In einem angenehm-freundlichen Ton legt er dar, wie er aus eigenem Erleben und aus weit zurückreichenden Anmerkungen in Klassikern der einschlägigen Literatur zu jener Einsicht gekommen ist, die diesem Buch den Titel vermittelt hat. Jedes Gespräch zwischen Therapeut und KundInnen ist ein erstes und für jedes gilt ein einziges Grundkonzept.
Mehr als die Hälfte des Buches ist den einzelnen Komponenten dieses Konzeptes gewidmet. Die Antwort auf die Frage, was den größten Einfluss auf den Therapieerfolg hat - nämlich das, was KundInnen mitbringen - führt den Autor geradewegs zur Erkenntnis, dass es eine wesentliche Aufgabe eines Gesprächsbeginns ist, die Ressourcen und Möglichkeiten der KundInnen zu erkennen, herauszuarbeiten und auszuweiten. Die KundInnen in jedem Moment als kundige Menschen zu sehen gehört hier untrennbar dazu. Und führt weiter zu der Feststellung, die im Grunde schon de Shazer gemacht hat – „Widerstand ist erwartungswidriges Verhalten“ der KundInnen; gegenüber den Erwartungen der Fachleute nämlich. Widerspenstige KundInnen verfolgen einfach andere Ziele als ihre Therapeuten. Was nur bedeutet, dass Letztere die Motive Ersterer auf dem Weg übersehen und verloren haben. Es wäre vielleicht gut, diese einfachen Sätze einwirken zu lassen, um sich vorstellen zu können, wie sich KundInnen unter solchen Begleitumständen fühlen dürften. Womit bereits ein weiterer Teil des Konzeptes angedeutet ist - das konjunktivistische Sprechen, mit dem Hargens seinen KundInnen selbst im Detail, in jeder einzelnen seiner Aussagen, immer noch Wahlmöglichkeiten anbietet, Entscheidungen treffen lässt und sie zur Eigenverantwortung einlädt. Welche Beispiele sollte ich Ihnen noch schildern, um Ihnen den Nutzen dieses Konzeptes (und von ebenso effektiven wie effizienten Eröffnungsfragen) zu demonstrieren?
Im zweiten Teil setzt der Autor akribisch-feinfühlig sein Konzept in die Praxis um. Er gibt zunächst Beispiele für die wichtigsten Gesprächsabschnitte und verliert dabei konsequenterweise auch den Anfang aller Anfänge nicht aus dem Auge, nämlich die Selbstdiagnose der KundInnen und ihre Entscheidung, einen Termin beim Therapeuten zu vereinbaren. Eigentlich logisch – bloß auf die Idee muss man kommen. Und schon das folgende Anmeldegespräch wird in einer ausführlich kommentierten Transkription dargestellt. Drei als Lehrbeispiele ausgebaute Erstgespräche samt Erläuterungen zeigen schließlich, wie das alles zusammenpasst, wie jeder Anfang, jede Frage, jeder Satz stimmt. Das Ende bestimmen dann die KundInnen – sie wissen am besten, was sie brauchen.
Was ist Ihnen an Positivem passiert, seit Sie diese Rezension zu lesen begonnen haben? Und was müsste noch alles passieren, damit auch Sie finden: Anfang gut, alles gut...
So kann man mittels dieses Buches immer wieder anfangen, seine eigenen Gesprächsverläufe kritisch zu hinterfragen und angemessen zu modifizieren.