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  Derrida, ein Ägypter | Peter Sloterdijk
 
 
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Derrida, ein Ägypter
Peter Sloterdijk

Suhrkamp, 2007 - 73 Seiten

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Über das, was ist, und was es immer sein wird.

Alles was zusammenfällt, wird am Ende die Form einer Pyramide haben. Eine Pyramide ist damit in der Konstruktion auf Ewigkeit angelegt, sie ist bereits das, was sie sein wird, damit fällt Ursprung und Zerfall in eines. Derrida, der in der Komplexität seines Denkens Unvereinbares versuchte in sich zu vereinen, trifft posthum auf Sloterdijk, der zu nichts anderem sich veranlasst sieht, als von Ferne auf eben diese Komplexität zu sehen und sie mit den Mitteln eines Derrida zu de-konstruieren. Ziel ist, diesen hervorragenden, dennoch komplex mehrdeutigen Denker in der Dialektik Ich und Tat (Werk) zu synthetisieren durch die Betrachtungsweisen unterschiedlicher Details. Diese werden in Miniaturen im Vergleich von Stellvertreterpositionen zu erhellen versucht, Illumination, um einen Benjaminschen Ausdruck zu verwenden, könnte man dieses denkende Sehen nennen. Auf dem Wege wird Sloterdijk begleitet von (1) Luhmann, ebenso Vollendungsarbeiter des Denkens, (2) Freud, der mit Moses, der Ägypter die Vorlage zum Titel gab, (3) Thomas Mann, der mit Joseph und seinen Brüdern die alttestamentarischen Ideen ebenso bewegte, (4) Borkenau mit seiner psycho-historischen Kulturbetrachtung zum Tode, (5) Debray, der den Migration fähigen Gott in seiner Wandlung und Interpretation beleuchtet unter dem Gesichtspunkt der Transportabilität; (6) Hegel, der die Verbindung von Willkür der Zeichen und Freiheit des Geistes herzustellen weiß; (7) Groys, der die Interpretation des Phänomens Pyramide aus Sicht der Innenkammer neu beleuchtet und den musealen Raum als den re-installierten toten Raum einer Pyramide betrachtet.

Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen; dieses ist die wittgensteinsche Vorgabe für Derrida, der allem außerhalb von Texten seine Bedeutung verweigert. Der Mensch wird so zum Abhängigen der Sprache, dem anfänglichen Wort. Nur muss dieses in seiner Bedeutung zu einem allgemeinen und gültigen Begriff säkularisiert werden.

Sloterdijk will mit diesem Essay der Sorge Derrida entgegenwirken, auf eine bestimmte Identität festgelegt zu werden. Dennoch beanspruchte Derrida für sich, im Spotlight der höchsten Intelligenz zu stehen, der intellektuellen Sichtbarkeit. Und so bleibt Sloterdijks Entscheidung, von Ferne auf Derrida zu sehen, wenn man will, auf Distanz zu gehen, ein hervorragender Verdienst gerade gegenüber Derrida, da er mit seiner Mannschaft keine bessere Wertschätzung dem großen Denker hätte vermitteln können. So stellt er in der Wahrung der souveränen Unentschiedenheit fest, dass Derrida Körper im kritisch beäugten Heimatland seit 2004 beerdigt liegt, seine Tat, sein Werk jedoch in der wortgebauten Pyramide am Rande der Buchstaben Ewigkeit verspricht.

Dass Sloterdijk wie immer ein interkontextuelles Verständnis erwartet und es auch selbst gewährleistet, muss nicht gesagt sein. Positiv anzumerken ist jedoch, dass er sich der Attitüde, neue Wortgebilde zu kreieren, fernhalten konnte und so der Hauptperson Derrida ein deutliches Tribut zollte.


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Der kurze rote Faden durch die Religionsgeschichte

Man mag über Peter Sloterdijk unterschiedlicher Meinung sein. Sicherlich ist sein Auftreten in der Glasfabrik wenig überzeugend. Sloterdijk ist ein Alleinunterhalter, dann erweist er sich als ein genialer Analytiker und umfassend gebildeter Generalist. Dabei ist Peter Sloterdijk nicht originell, er schafft keine neuen Denkgebäude, doch schafft es unter den Philosophen kaum jemand so überzeugend Zusammenhänge herzustellen. "Derrida ein Ägypter" kann man wie einen spannenden Krimi lesen. Mit jedem weiteren Kapitel erkennt man als Leser die Lösung des Falls. Sloterdijk erklärt Derrida im Vergleich zu Luhmann, Freud, Thomas Mann, Franz Borkenau, Règis Debray, Hegel und Boris Groys. Die jüdisch-christliche Kriminalgeschichte wird aufgerollt und der Fall "Pyramide" aufgeklärt. Dabei versteht es Sloterdijk, in einfacher Sprache zu erklären, welche philosophischen Fäden bei Derrida zusammen liefen und welches Problem Derrida mit dem Dekonstruktivismus lösen wollte. Im Gegensatz zu anderen Büchern ergeht sich Sloterdijk nicht in abgedrehte Satzkonstruktionen und Neologismen, er bleibt bodenständig und das mag daran liegen, dass das Buch auch um den Tod kreist. Einmal ist der Anlass des Buches der Tod von Derrida, dann ist jedoch auch das Thema Derridas im tieferen Sinne der Tod oder die Frage nach der Unsterblichkeit, die Derrida mit einem Paradoxon gelöst hat.
Dieses Buch ist Pflichtlektüre für alle Sloterdijkfans und alle, die verstehen wollen, was die Welt im Innersten zusammen hält.


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Annäherung an den Erfinder der Dekonstruktion

Jacques Derrida, beziehungsweise seine Texte, bleiben auch drei Jahre nach seinem Tod im Jahr 2004 vielen ein Rätsel. Was wollte er denn eigentlich, der Erfinder der Dekonstruktion, der die gesamte abendländische Philosophie ob ihres Logozentrismuses anklagte und somit zu einem Superstar der Postmoderne avancierte: Il n'y a pas d'hors text, es gibt nichts außerhalb eines Textes, so sein Credo. Gemeint ist damit, dass wir in allen Aspekten unseres Lebens vom Medium der Sprache abhängig sind, einem höchst unzuverlässigen Medium noch dazu. Denn da das Verhältnis zwischen Sprache und Umwelt, zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem, gemäß dem Strukturalismus eines von Arbitrarität, sprich von Willkür, ist, ist unsere gesamte Umwelt ein durch Sprache konzipiertes Konstrukt, welches dementsprechend durch genaue Analyse und Lektüre dekonstruiert werden kann: "Was der Philosoph die Dekonstruktion nennt, ist ja zunächst nichts anderes als ein Akt der gründlichen semantischen Säkularisation - sie ist semantischer Materialismus im Vollzug. Man könnte das dekonstruktive Verfahren als eine Anleitung zur Übergabe der Kirchen und Schlösser des metaphysisch-immoralistischen ancien regime in die Hände der bürgerlichen Sterblichen bezeichnen" (41).

In seinem Essay "Derrida der Ägypter" untersucht Peter Sloterdijk den Einfluss Niklas Luhmanns, Sigmund Freuds, Thomas Manns, Franz Borkenaus, Regis Debrays, Hegels und Boris Groys auf die Philosophie Derridas. Im Zentrum steht dabei jeweils das Medium der Sprache. Besonders interessant ist dabei Hegels Gedanke, dass die Arbitrarität der Zeichen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Saussure zu einem festen linguistischen System ausgearbeitet wurde, philosophisch zu motiviert sein scheint, "weil erst durch die Beliebigkeit der Zeichenwahl die Freiheit des Geistes an die Macht gelangt" (58). Dekonstruktion hat somit nichts mit Destruktion zu tun, sondern ist vielmehr ein Zeichen der Freiheit des Menschen seiner Umwelt gegenüber. Ägyptisch an Derrida ist, dass er die Pyramide als einziges nicht zu dekonstruierendes Konzept begreift, "weil ihre Form nichts anderes ist als der undekonstruierbare Rest einer Konstruktion, die dem Plan des Architekten zufolge so gebaut wird, wie sie nach ihrem Einsturz aussehen würde" (35).

Sloterdijk nähert sich dem Phänomen Derrida über die Gedanken anderer Philosophen oder Schriftsteller, die ihren Eingang in die Schriften Derridas gefunden haben. Dies ist in bekannter Sloterdijk-Manier bestens gelungen. Präzise und auf einem rhetorisch ansprechenden Niveau umkreist der Autor das Kernelement von Derridas Gedankenwelt.



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