Deutsche Zustände. | Wilhelm Heitmeyer
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deutsche zustände.
Deutsche Zustände.
Wilhelm Heitmeyer
Suhrkamp
, 2005 - 279 Seiten
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Einzelbefunde für sich genommen durchaus interessant und beachtenswert
Heitmeyers Theorie schreit geradezu nach einer ideologiekritischen Analyse, die an dieser Stelle freilich nicht geleistet werden kann. Einige Punkte seien aber angedeutet: Erstens unterzieht er seine zentrale Hypothese, wonach gruppenbezogene Vorurteile vor allem ideologisch motiviert seien, keiner Überprüfung und erwägt keinerlei Alternativhypothesen. Zweitens beruft er sich bei der Ableitung verschiedenster Vorurteile aus einem gemeinsamen Syndrom auf unveröffentlichte Analysen. Drittens sieht er die Angehörigen von Minderheiten ausschließlich als Adressaten von Vorbehalten der Mehrheitsgesellschaft, wobei Wechselwirkungen zwischen Mehrheit und Minderheiten unberücksichtigt bleiben - für einen Soziologen eine erstaunliche Perspektive. Viertens spricht er der Mehrheitsgesellschaft das Recht auf die legitime Vertretung von Eigeninteressen ab, nach dem Motto: Wenn Minderheiten ihre Gruppenidentität pflegen, dient es der kulturellen Vielfalt; wenn
Deutsche
es tun, ist es gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit". Fünftens gehört das Wort Phobie" (Homophobie", Islamophobie") in den Wortschatz des Psychiaters, nicht des Sozialwissenschaftlers und dient dazu, Andersdenkende in durchaus menschenfeindlicher Weise als Träger eines psychischen Defekts zu diffamieren. Sechstens strotzt das Buch nur von linksideologischen Annahmen, die nicht offengelegt, sondern mit verblüffender Selbstverständlichkeit als zutreffend vorausgesetzt werden. Siebtens ... aber lassen wir das, es wird uferlos!
Dabei sind etliche Einzelbefunde für sich genommen durchaus interessant und beachtenswert, etwa Jürgen Leibolds und Steffen Kühnels differenzierte Analyse islamfeindlicher Einstellungen oder Beate Küppers und Andreas Zicks Hinweis auf die Bedeutung von sozialer Dominanz als individueller Grundorientierung. Solche verborgenen Schätze wird aber nur heben können, wer im kritischen Umgang mit sozialwissenschaftlichen Theorien einige Übung hat; er sollte also Soziologie oder ein angrenzendes Fach studiert (und dabei auch in den Statistikvorlesungen nicht geschlafen) haben.
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Ein zivilgesellschaftliches Projekt
Es gibt wenige Bücher, die dem interessierten Bürger eine gut lesbare und zugleich gehaltvolle Auswahl an Texten zu soziologischen Fragestellungen der Gegenwart an die Hand geben. Heitmeyers "
Deutsche
Zustände
" sind ein Musterbeispiel für diese Art Bücher.
Wem die Häppcheninformationen, die in der aktuellen Medienberichterstattung vorherrschen nicht genügen, sollte auf jeden Fall einmal einen Blick in das vorliegende Buch werfen.
Die jährliche repräsentative Befragung von 3000 Personen zu "Erscheinungsweisen, Ursachen und Entwicklungen 'Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit' wie Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Heterophobie und Sexismus" sind die Grundlage dieses Reportes.
Heitmeyer fordert das Nachdenken über Gegenmaßnahmen in "angemessener Unaufgeregtheit".
Ein großes Problem der Gegenwart besteht darin, dass spektakuläre Ereignisse zwar kurzzeitig zu Aktiviät führen, sich das Interesse dann aber schon bald lege. Eine längerfristige Lösung fordere allerdings "antizyklisches Verhalten", das heißt, dass in Zeiten relativer Ruhe nachhaltige Aktivitäten gestartet und durchgehalten werden müssten.
Die zahlreichen Fallbeschreibungen tragen zu einer Veranschaulichung des Reportes bei, was das Lesen auch dem interessierten Laien "schmackhaft" macht.
Ein empfehlenswertes Buch, das eigentlich Pflichtlektüre für Politiker sein sollte!
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Wissenschaft für die Öffentlichkeit
Ich habe das Buch gelesen, weil der Name "Heitmeyer" an der Uni Bielefeld allgegenwärtig ist. Und ich muss sagen - es ist unglaublich interessant. Wer sich für die psychologischen und soziologischen Ursachen von Menschenfeindlichkeit, also die Ablehnung ganz verschiedener Gruppen unserer Gesellschaft interessiert, sollte zu diesem Buch greifen. In niveauvoller und vor allem verständlicher Weise werden hier Zusammenhänge dargestellt und Ursachen analysiert. Das Buch ist gerade für die Leute geeignet, denen wissenschaftliche Literatur zu kompliziert klingt, die aber trotzdem gerne aus erster Hand und nicht über die Kurzmeldungen in Tageszeitungen informiert werden wollen. Neben wissenschaftlichen Analysen gibt es anschauliche Fallbeschreibungen, die das (leserfreundlich aufbereitete) Zahlenwerk ergänzen.
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Ein gelungenes Beispiel engagierter soziologischer Wissenschaft
Diese von Wilhelm Heitmeyer und seinem Bielefelder Forschungsprojekt herausgegebene Reihe ist eine wichtige Lektüre für Bürger, die auf verständlichem und doch absolut wissenschaftlichem Niveau über die
Zustände
in unserem Land informiert bleiben wollen.
?Die Ängste in der Gesellschaft, das zeigen unsere Ergebnisse der Bevölkerungsbefragungen seit 2002, haben deutlich zugenommen. Zugleich lassen sich auch Problemausblendungen erkennen, die u.a. Wahrnehmungsverengungen von politischen, medialen und wissenschaftlichen Eliten aufzeigen, die nicht selten die schwachen Gruppen in der Gesellschaft treffen. Diese Verhaltensweisen können ein Indiz dafür sein, daß keine Lösungswege der krisenhaften Entwicklung sichtbar sind bzw. nur wenige profitieren. Es bedeutet, daß zunehmend ?Überflüssige? entstehen mitsamt dem damit einhergehenden Anerkennungsverlust. Dies hat vielfach zur Folge, daß der Schutz der psychischen und physischen Integrität von schwachen Gruppen im Zuge von Abwertungen, Ausgrenzungen und Diskriminierungen in einer solchen Entwicklung vermehrt zur Disposition steht, wenn z.B. die vermeintliche oder tatsächliche Konkurrenz um knappe Güter weiter rasant zunimmt.?
In seinem das Buch einleitenden, höchst informativen Aufsatz beschreibt Heitmeyer eine ?verstörte Gesellschaft?, und nennt die Quellen und den Ausdruck dieser Verstörtheit. Er stellt das Konzept der ?gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit? vor und fragt am Ende:
?Die zentrale Frage: Wo ist das Gegengift? Die Antwort ist naheliegend, aber uneingelöst: Gefährliche Orientierungslosigkeit kann nur durch überzeugende Visionen zur Zukunft dieser Gesellschaft entgegengewirkt werden, die gegen Kontrollverluste gerichtet sind, der gesellschaftlichen Entwicklung eine Richtung geben und schließlich die Beeinflußbarkeit von ökonomischen Abläufen erhöhen. Aber ?Reformen? ohne Programm und Orientierungsangebot zur Verbindung von ökonomischer Entwicklung und sozialer Integration charakterisieren die Situation. Daß zur Zeit dazu keine tragfähigen Gegenentwürfe vorliegen, belegt, daß es nicht nur um die Verstörungen von Menschen geht, sondern um eine gesellschaftliche Verstörung.?
Die durchweg lesenswerten Aufsätze und Forschungsberichte gehen in diesem Buch verschiedenen Themen nach. ?Relative Deprivation? wird beschrieben als zunehmenden Angst weiter Teile der Bevölkerung im Vergleich zu anderen benachteiligt zu sein.
?Anomia. Unsicher in der Orientierung, sicher in der Abwertung?, beschreibt den Zusammenhang von zunehmender Orientierungslosigkeit bis hinein in die Eliten und der wachsenden Feindseligkeit gegenüber Fremden. ?Zugleich führt die Sehnsucht nach alten Orientierungs- und Handlungsmustern vor dem Hintergrund der Ungewissheit gesellschaftlicher Prozesse, der Unbeeinflussbarkeit ökonomischer Entwicklungen und den Kontrollverlusten in der Politik in eine Sackgasse.?
Doch die Forscher bleiben nicht nur bei der traurigen Analyse. Sie machen Vorschläge, zeigen Beispiele gelungener Zivilcourage, berichten vom Engagement von Bürgern, das Hoffnung macht. Den Abschluß des Buches bildet ein Gespräch mit dem Bischof von Berlin und Ratsvorsitzenden der EKD, Wolfgang Huber. Er stimmt den Forschern im wesentlichen zu, stellt sich auch bereitwillig kritischen Fragen zur Rolle der Kirche und dem gesellschaftlichen Bewusstsein von Christen und ihren Vorurteilen, macht aber an einer Stelle eine wichtige Einschränkung, der ich im Hinblick auf die im Band breit ausgewälzte Islamophobie nur zustimmen kann:
?Auch bei früheren Analysen von Ihnen ist mir aufgefallen, daß die von Ihnen verwendete Kategorie der Schuldzuweisung ?so jedenfalls ist mein Eindruck- zu kurz greift. Wenn Sie formulieren, die Vorstellung, die Gruppe X habe selber schuld an dem Bild , das andere von ihr haben, sei in jedem Fall ein Vorurteil, dann rechnen Sie überhaupt nicht mit der Möglichkeit, daß das faktische Verhalten der Gruppe X auch einen Anteil an der Realität haben könnte, die das Bild dieser Gruppe X auslöst. Ich habe immer, wenn ich die entsprechenden Passagen in Ihren Studien gelesen habe, gedacht, daß das Verhältnis zwischen dem Bild, das eine Gruppe auslöst, und dem Vorurteil, mit dem eine andere Gruppe auf diese Gruppe zugeht, komplexer ist, als es in der Kategorie der Schuldzuweisung zum Ausdruck kommt, Sobald wir auf den Islam kommen, wird uns das ja notgedrungen beschäftigen.?
Huber schließt diesen absolut empfehlenswerten Band programmatisch:
?Klare Bilder von der Zukunft sind notwendige Voraussetzungen für die Wandlungsbereitschaft, die Menschen heute brauchen. Das Ziel muß ihnen viel deutlicher gezeigt werden, dem solche Veränderungen dienen sollen.?
Wie wahr.
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