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  Buch: Unter Verdacht: Eine Phänomenologie der Medien | Boris Groys
 
 
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Unter Verdacht: Eine Phänomenologie der Medien
Boris Groys

Carl Hanser, 2000 - 231 Seiten

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Was ist Kunst? Oder, andersrum gefragt, wie wird aus einem profanen Objekt ein Kunstwerk? Denn "all diese Dreiecke, Vierecke und sonstigen Müllkippen", die wir in den Museen moderner Kunst bestaunen dürfen, scheinen, um es mit Groys Worten auszudrücken, auf den ersten Blick "öde, langweilig und unattraktiv" zu sein. Und doch werden sie dem Publikum neben anerkannten Kunstwerken präsentiert. Sind sie ein fester Bestandteil unserer Hochkultur.

Seit langem wird eine nicht enden wollende Diskussion darüber geführt, was Kunst sei und was nicht. Die überkommenen Normen des Wahren, Schönen, Guten haben offensichtlich ausgedient. Die Hochkultur darf nicht mehr bloß gefallen, sie muss Erklärungen, Diskussionen und neue theoretische Ansätze provozieren, um als erfolgreich zu gelten. Da es keinen allgemein akzeptierten Kunstkanon mehr gebe, an dem man sich orientieren könne, sei Kunst heute das, was sich durchsetzt, erklärt Groys. Oder, anders ausgedrückt, was sich verdächtig macht.

Tatsächlich haben wir keine verbindlichen Normen mehr, mit denen wir ein Kunstwerk als solches identifizieren könnten. Im Medienzeitalter liegt die Bringschuld allein beim Kunstwerk: Nur wo es ihm gelingt, sich bemerkbar zu machen, könne es als Kunstwerk gelten. Erst die Kunstkommunikation, die ein Objekt auszulösen vermag, adelt es zum Kunstwerk. Der Verdacht ist das Medium dieser Kommunikation. Er ist, wenn man so will, das Medium aller anderen Medien.

Mit seiner Phänomenologie der Medien bleibt Boris Groys seinem Ruf als einer der originellsten und einflussreichsten Kunsttheoretiker treu. Er entwickelt damit die zentralen Thesen seiner viel beachteten Studie Über das Neue fort und erklärt, wie die "Ökonomie des Verdachts" in den unterschiedlichsten Medien funktioniert. --Stephan Fingerle


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Eine witzige Idee, für den Verlag zur Theorie aufgehypt

Boris Groys ist ein lustiger Mann, er denkt quer, formuliert erheiternd und plastisch und erfrischt den pompösen Kultur-Diskurs mit seinen eigenständigen Beiträgen. Ich habe ihn in einem Kluge-Interview zu einer von ihm kuratierten Ausstellung über totalitäre Kunst gesehen, war begeistert und habe mir daher blind dieses Buch gekauft. Es ist wohl ein philosophisches Werk, wenngleich der Tonfall überwiegend feuilletonistisch ist, und der Stil sich durch Humor, Brillianz und Wiederholungen kennzeichnet - und weniger durch Strenge, Gründlichkeit und Präzision. Aber das ist sehr angenehm! Groys zentraler Einfall ist, dass der Mensch jeglichen Medien gegenüber eine Art vorbewußtes Unbehagen, ein Misstrauen verspürt. Dieses soll sich darauf gründen, dass sich hinter einer jeglichen 'Zeichenoberfläche' (etwa ein Text) ein so genannter "submedialer Raum" befindet, (das Papier, die Leinwand), dessen 'wahre Natur' wir jedoch nie kennen können, da wir ihn nicht analysieren können, ohne gleichzeitig die vom submedialem Raum getragene Zeichenoberfläche zu zerstören. Alles klar soweit? ;-) Das Konzept wird suggestiver, wenn Groys, scheinbar als Beispiel, den Menschen anführt, der gegenüber dem Anderen auch immer einen Verdacht hegt, weil er dessen Gedanken hinter der Oberfläche nicht kennt. Und da unsere Welt letzlich auch nur ein Zeichensystem ist, charakterisiert der Verdacht, die Unterstellung und die Paranoia unsere gesamte Welt-Wahrnehmung, ständig wollen wir dem Universum die Maske vom Gesicht reissen und sie "zu einem Geständnis" zwingen. Der Effekt aber, dass wir in bestimmten Situationen plötzlich Kunst, Mitmenschen oder die Welt als "aufrichtig" empfinden, sei vollkomen formal begründbar, durch die Fremdartigkeit des vermeintlich "aufrchtigen" Zeichens in einem bestimmten Kontext. Groys stilistischer Trick besteht nun darin, überraschend schlichte Vergleiche aus der Sphäre des Menschlichen zu nehmen, wenn er seine Gedanken erläutert. Das wirkt immer witzig, natürlich, und - das ist der beste Beleg für seine Thesen - im aktuell aufgeblähten Diskurs - überzeugend. (So kommt wohl auch der gegen ihn mitunter erhobene Vorwurf des Trivialen zustande). Die besten Momente hat das Buches folgerichtig auch dann, wenn es locker-polemisch zugeht. Köstlich sind etwa die Seitenhiebe gegen die klassische Postmoderne, so vernichtet Groys im Vorübergehen die von Deleuze und Guttari im Rückgriff auf Thomas von Aquin erhobene Charakterisierung des Menschen als "Wunschmaschine", als "unendliches Begehren" mit dem kurzen Bonmot: "Manche Menschen sind ab zu einfach nur zu müde, um immer unendlich zu begehren". Unterm Strich ist dieses Buch also eine unterhaltsame, anregende und stets geistreiche Kamin-und-Rotwein-Spinnerei. Dumm, dass man als Philosoph immer in würdigen und unlesbaren Druckerzeignissen daherkommen muss, um ernst genommen zu werden. Ich denke, dass Groys printmässig in den kleinen Form besser aufgehoben ist, und würde ihn lieber in Glossen, Kolumnen, Kommentaren und Einwürfen lesen - aber am besten ist er vermutlich als Redner, als Diskussionspartner oder als Zechkumpan.


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