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Diogenes: Die Gedanken und Taten des frechsten und ungewöhnlichsten aller griechischen Philosophen
Karl-Wilhelm Weeber

Nymphenburger, 2001 - 240 Seiten

Kundenbewertung:(2 Bewertungen)
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Geh mir aus der Sonne! soll Diogenes geantwortet haben, als der mächtige Alexander der Große anbot, dem Philosophen jeglichen Wunsch zu erfüllen. Das ist die bekannteste der zahlreichen Anekdoten über Diogenes von Sinope -- vielleicht sogar die berühmteste Anekdote der gesamten Philosophiegeschichte. Das nicht ganz Unproblematische am griechischen Denker aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert -- und zugleich an allen Büchern über ihn -- ist die Tatsache, dass ausschließlich Anekdoten über ihn und seine Philosophie überliefert sind.

Karl-Wilhelm Weeber ließ sich davon nicht abhalten, ein ausgesprochen differenziertes und explizites Bild des "Tonnenphilosophen" und seiner Botschaft an die Welt zu zeichnen: "Mit ironischem Biss und treffsicherer Schlagfertigkeit stellt Diogenes alles und jedes in Frage; er stellt die Werteordnung auf den Kopf und geht den Leuten mit seinem ständigen Hinterfragen und Verspotten alles 'Selbstverständlichen' entsetzlich auf die Nerven. Diogenes tritt als Bürgerschreck, unbequemer Sonderling auf, der die Satten und Denkfaulen provoziert -- und manch einen sogar zum Nachdenken bringt."

Kein Wunder, dass Weeber der "Botschaft aus der Tonne" hintergründige Aktualität und zeitlose Frische bescheinigt und Diogenes als "Aktionskünstler unter den Philosophen", als "kreativ-komischen Typ irgendwo zwischen Till Eulenspiegel und den Marx-Brothers" beschreibt, der auch uns Heutigen, die wir in Überfluss und Bequemlichkeit zu erstarren drohen, den Spiegel vorhält.

Das Buch fällt stilistisch aus dem üblichen philosophischen Rahmen: verständlich, unterhaltsam, teilweise sogar mitreißend. Der Widerspruch, der über dem ganzen Vorhaben schwebt, wird deshalb leider nicht kleiner. Weeber gesteht selbst ein, dass wir über Diogenes Leben "fast gar nichts wissen" und bald nach dessen Tod eine so dichte Legendenbildung einsetzte, "dass es unmöglich ist, Wahres und Falsches voneinander zu unterscheiden". Alles, was wir haben sind diese vielen Anekdoten. Und in einer Logik, über die man vielleicht länger nachdenken müsste, um sie zu begreifen, folgert der Autor: "Wenn sie erfunden sind, dann sind sie (in der Regel) gut erfunden, will sagen: Sie veranschaulichen auf ebenso einleuchtende wie unterhaltsame Weise die wesentlichen Positionen des Kynikers". --Christian Stahl


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Unbedingt zu empfehlen

Obgleich das umfangreiche Inhaltsverzeichnis (die Zahl der Seiten ist nicht bedeutend höher als die der "Kapitel") auf den ersten Blick Gegenteiliges vermuten lassen mag: Bei Weebers Versuch einer Lebensbeschreibung des griechischen Ausnahme-Philosophen (nach dem Lesen des Buches bin ich umso überzeugter, dass diese ? wenngleich zugegebenermaßen ungebührend simple ? Betitelung Diogenes? zutreffend ist) handelt es sich um mehr als eine schlichte Aneinanderreihung von Anekdoten (wenngleich diese freilich das Grundgerüst des Buches ausmachen, der Leser bekommt also, was er in erster Linie erwartet).
Soll heißen: Weeber ist stets darum bemüht, die zentralen theoretischen Grundlagen der kynischen Philosophie hinter den nur vermeintlich substanzlosen cheap publicity stunts des "Philosophen aus der Tonne"(von Onanie auf offener Straße bis hin zur ? die meisten Interessierten werden es von Nietzsches "tollen Menschen" kennen ? vergeblichen Suche nach Menschen mit einer Laterne am helllichten Tag auf einem überfüllten Marktplatz) aufzuzeigen und diese zu erläutern, ebenso wie die Spannungsverhältnisse zwischen dem Hauptprotagonisten des Buches und den auftretenden, teilweise heute fast vergessenen, teilweise bis dato gleichsam weltberühmten Zeitgenossen: Das heißt bspw., dass sich die Beschreibung der Beziehung zwischen Diogenes und Alexander dem Großen eben nicht nur auf das oftzitierte "Geh mir aus der Sonne" beschränkt, das eh schon jeder kennt und für dessen Niederschrift man sich nicht extra ein Buch zu kaufen braucht.

Nach der Beschreibung der verschiedenen Anekdoten stellt Weeber häufig die Frage nach deren historischen Gehalt. In diesem Zusammenhang ist Weebers Umgang mit Quellen Anlass zu Lob und Kritik zugleich: Zum einen ist es lobenswert, dass der Autor überhaupt den Aufwand auf sich nimmt, im Sinne der Nachprüfbarkeit auf die Überlieferung der einzelnen Anekdoten hinzuweisen, andererseits ist es jedoch kritikwürdig, dass sich Weebers Quellenkritik bei Fällen zweifelhafter Authentizität stets auf Hinweise, a la "zweifelhaft-" bzw. "extrem unwahrscheinlich dass es jemals so passiert ist" beschränkt, was vereinzelt zwar hilfreich-, auf Dauer aber doch unbefriedigend ist.

Dieses Defizit macht der hervorragende Preis für die gebundene Ausgabe meines Erachtens aber wett, insofern gebe ich Buch und Angebot gerne fünf Sterne.


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Freiheit als Frechheit und Bedürfnislosigkeit

Weeber gelingt es, aus den überlieferten Anekdoten ein sehr interessantes und in sich konsistentes Bild von Diogenes sowie seiner Philosophie zu entwerfen. Dabei geht es nicht um verstaubte Antike, sondern um stets, damit auch heute relevante Fragen der richtigen und glücklichen Lebensführung, also um Philosophie im besten Sinne. Da mögen die Fachwissenschaftler unter sich ausmachen, ob das gezeichnete Bild tatsächlich der historischen Wahrheit entspricht.

Diogenes geht es (gemäß Weeber) in erster Linie um die Freiheit, die er jedoch nicht als äußere, sondern innere Freiheit versteht. Auch als Sklave hätte er sich frei gefühlt und seinen Herrn mit Philosophie traktiert. Unter Räubern hat er nichts zu befürchten, auch Tyrannen trotzt er, dem Tod sieht er lachend entgegen. Seinen Trinkbecher schmeißt er weg, als er einen Jungen mit den Händen trinken sieht. Seine Bedürfnislosigkeit bezieht sich auf die irdischen Güter. Zugleich ist er kein Einsiedler, der nur für sich lebt, sondern versucht seine Philosophie anderen Menschen zu lehren. Dies tut er nicht für Geld, sondern weil es und sie ihm wichtig sind.

Diogenes ist nie um einen "coolen Spruch" verlegen und onaniert oder kopuliert auf dem Marktplatz. Aber diese Frechheiten sind Teil seiner Philosophie und sollen die Hohlheit seiner Gesprächspartner bzw. gesellschaftlicher Konventionen demonstrieren. Auch die Antwort "Geh' mir aus der Sonne!" an Alexander den Großen auf die Frage, welchen Wunsch dieser ihm erfüllen solle, ist mehr als ein Scherz. Reichtum oder Macht als Wunsch hätten nicht einfach nur seiner Philosophie widersprochen, sondern ihn ganz direkt alle Unabhängigkeit und vermutlich in kürzester Zeit sein Leben gekostet. Alexander der Große erkennt, zumindest der Sage nach, die Größe dieses Philosophen, wenn er bemerkt, er wäre am liebsten Diogenes, wenn er nicht Alexander wäre. Der Philosoph ist aber selbst hier schlauer und lieber gleich Diogenes und um keinen Preis ein maßloser Feldherr.

So konsequent und mutig wie Diogenes wird kaum einer sein. Aber etwas mehr Maßhalten und Besinnen auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind zumindest bedenkenswert. Dazu kann dieses empfehlenswerte Buch einen Anstoß geben.


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