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  Lehrerzimmer | Markus Orths
 
 
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Lehrerzimmer
Markus Orths

Dtv, 2004 - 160 Seiten

Kundenbewertung:(32 Bewertungen)
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Literatur über Lust und Leid des Schülerdaseins hat eine lange Tradition, von Hermann Hesses Unterm Rad bis Crazy von Benjamin Lebert. Markus Orths wirft nach seinem viel beachteten Romandebüt Corpus zur Abwechslung mal einen Blick hinter die Lehrerzimmer-Türen.

Studienassessor Kranich tritt seine erste Stelle in der schwäbischen Provinz an und gerät in eine Bildungsanstalt, die Kafka und Orwell ersonnen haben könnten. Weil der Junglehrer beim Chef, Direktor Höllinger, sogleich einige Minuspunkte verbucht ("Alkoholexzesse, falscher Wohnort, Vornotenignoranz"), versucht er als dessen GSB ("Geheimer Sicherheitsbeamter") Boden gutzumachen und unbotmäßige oder bloß schlampige Kollegen, die ihren Schlüsselbund liegen lassen, ans Messer zu liefern. Gleichzeitig sympathisiert er mit der KG, den rebellischen Elementen unter den Kollegen, trifft sich mit ihnen im Hinterzimmer einer Stuttgarter Gaststätte und bekommt auf der Lehrer-Toilette gut gemeinte Warnungen zugeflüstert. Das Ganze ist -- natürlich! -- als Parodie gedacht: James Bond meets Schulbürokratie. Auf diesem Grat balanciert der ehemalige Lehrer Orths in einigen Szenen recht gekonnt ("nieder mit dem Maulwurf!"), insgesamt jedoch stürzt er böse ab.

Statt auf die realsatirische Wirkung der Schulszenerie zu setzen, dreht er fieberhaft an der Absurditätsschraube: Da geilen sich dauerfrustrierte Studienrätinnen an ihrem prallen Wissensschatz auf ("Weiter, Kranich, machen Sie weiter, hören Sie nicht auf."), wird besagter Maulwurf nach erfolglosen Verhören bei zugezogenen Vorhängen kurzerhand per Los ermittelt oder stürmen als Frösche verkleidete Schergen der "Klett-Diktatur" eine Fachkonferenz. Richtig getimte Slapstick- und Screwball-Einlagen bleiben die Ausnahme, es dominiert die umständliche indirekte Rede, die das Bürokratendeutsch mehr imitiert als persifliert. Nicht einmal die Schüler tragen zur Belebung bei, denn sie schaffen es auch hier wieder einmal nicht bis ins Lehrerzimmer.

Der Roman trägt Züge einer Abrechnung aus persönlicher Betroffenheit -- und insofern wird er sein Publikum unter Ex- und Noch-Lehrern wohl finden. Wer nicht zu den Insidern gehört, wird bei der Lektüre weder wirklich schlauer noch besonders gut unterhalten. Schade! --Patrick Fischer


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Fast wie ein Lifemitschnitt!

Wer die mitunter skurrile Welt des Pädagogendaseins von innen kennt, weiß bei der Lektüre dieses Büchleins manchmal nicht, ob er sich halb totlachen oder in nachdenkliche Pose verfallen soll. Angesichts des Ratschlages von Camus, dass man dem Absurden ins Auge sehen soll, fiel meine Entscheidung dann aber doch eindeutig zugunsten ersterer Alternative aus. Dies allein schon deshalb, weil gesünder lebt, wer über sich selbst lachen kann und die Welt des eigenen beruflichen Wirkens nicht über alle Maßen ernst nimmt. Markus Orth hat hier etwas auf humorvolle und sicherlich auch bewußt überzeichnende Weise schriftstellerisch eingefangen, was jenseits aller bildungspolitischen Diskussionen mit Sicherheit über Erfolg oder Misslingen schulischer Arbeit mitentscheidet, nämlich die Frage, ob die dort wirkenden Lehrkörperinnen und Lehrkörper die wirklich wichtigen Sachen klären und die Menschen stärken (Hartmut v. Hentig) oder sich in Banalitäten verlieren. Letzteres spräche dann eher für die nachdenkliche Pose. Leider haben kurzsichtiger Pragmatismus, Besserwisserei, ja auch Eitelkeit und sogar Mobbing an Schulen einen Stellenwert, der die pädagogische Arbeit viel zu oft in den Hintergrund treten lässt und den ich selbst nie für möglich gehalten hätte, bevor ich wagemutig eine "pädagogische Karriere" in Angriff nahm. Doch Orths Roman sollte nicht nur die Lachmuskeln trainieren. Er transportiert zugleich eine unglaublich ernste Botschaft, die für ein Überleben als Pädagoge im Schulbetrieb unverzichtbar ist, und die da lautet: Wage es Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen, übe Dich in Zivilcourage und Menschlichkeit, auch wenn die Strukturen scheinbar Anderes abverlangen. Die von den mittlerweile wie Pilze aus dem Boden schießenden Agenturen für Qualitätssicherung anvisierten Qualitätsziele und Bildungsstandards werden nur erreichbar sein, wenn nicht Pragmatismus, sondern Menschlichkeit den Rhythmus schulischer Arbeit vorgibt.


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Authentizität

Auch wenn's zum Schluss ein wenig ausufert - noch nie habe ich Lehrermentalitäten und Schulatmosphäre so befreiend komisch und zugleich sensationell stimmig wiedergegeben gefunden (und das sage ich nach über 20 Jahren Schuldienst). Man kann das Werk jedem jungen Lehrer bzw. jeder jungen Lehrerin zur Lektüre empfehlen, damit er bzw. sie weiß, was da auf einen zukommt... Die Details sind überzeichnet, keine Frage, aber die Atemlosigkeit des Junglehrers - daran erinnere ich mich genau - ist von beeindruckender Authentizität und nicht im mindesten übertrieben!




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Bitterböse Realsatire

Wer jemals an der Lehrerausbildung (passiv) teilgenommen hat, wird vieles bestätigen können. Leider hat Markus Orths seine Erlebnisse als Berufsanfänger im Lehrberuf in ein Lehrerzimmer verlegt; das macht viele Schilderungen zwar immer noch nachvollziehbar, aber ich denke, dass die satirischen, aber realitätsnahen Erfahrungen aus der Referendarzeit stammen ...
Das Buch sollte man keinem Lehramtsanwärter oder -studenten schenken, weil es wirklich abschrecken kann. Wer aber die Zeit erlebt hat, wird vieles von dem, was da geschildert wird, unterstreichen können.
Dem Berufsanfänger sei aber gesagt, dass es im oder um das Lehrerzimmer so nicht aussieht (meistens).


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Das Leiden des jungen Kranach

Man muss diesem Autor danken. In kafkaesker Weise führt er den Leser durch das Labyrinth eines Schulgebäudes, das zugleich auch ein Labyrinth aus institutionellen Hierarchien und Abhängigkeiten, ein Irrgarten aus Intrigen, Erwartungen, Enttäuschungen und Lügen ist. Das Bild, das Orths von dem schwäbischen Gymnasium im schönen, schönen Göppingen zeichnet, ist auf der einen Seite hoffnungslos überzeichnet - und auf der anderen Seite beklemmend realistisch. Das Bild zeigt Lehrer, die sich im Laufe der Jahre im Labyrinth der Schule verlaufen haben und trotz guten Willens, fachlicher Kompetenz und pädagogischem Fingerspitzengefühl in irgendeiner Sackgasse des Systems steckengeblieben sind und die Suche nach einem Weg oder Ausweg längst aufgegeben haben.

Diese tragische Narration verfolgt der Leser aus der Sicht des Junglehrers Martin Kranach, der, im Irrgarten des Systems angekommen, nach einem eigenen Weg sucht - und am Ende auch findet, wenngleich dieser Weg nur noch in der Satire, nicht aber in der Wirklichkeit funktioniert, die eine Satire ja auf ironische Weise bespiegelt. Ohnehin ist das Leiden des jungen Kranach nur über den Umweg der Ironie und Satire auszuhalten, insofern hätte Orths gar kein passenderes Genre finden können. Bei diesem Buch lohnt sich übrigens ausnahmsweise einmal ein Blick auf die Biographie des Autors: Dieser hat nämlich das Labyrinth Schule verlassen und als Romancier einen ganz neuen Lebensweg eingeschlagen.

Als Absage an unser Schulsystem ist Orths Roman dennoch nicht zu lesen, und schon gar nicht als Absage an unsere Lehrerinnen und Lehrer. Ganz im Gegenteil, diese werden im Roman eben nicht - und völlig zurecht - mit gesellschaftlichen Klischees ausgestattet, sondern als Menschen dargestellt, denen die Bürokratisierung ihres pädagogischen Wirkens das Ausüben ihres Berufes erschwert und ihre Hauptfunktion, das Unterrichten, zur Nebensache werden lässt. Ich begreife Orths Satire als Vorschlag, den Lehrerinnen und Lehrern mehr Zeit und Ruhe für das Wesentliche zu geben: die Arbeit mit unseren Kindern. Es ist kein Zufall, dass im ganzen Roman an keiner einzigen Stelle von den Kindern die Rede ist. Darüber wird nachzudenken sein.



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