Leider hat mir die Lektüre des Buches keinen Spass gemacht. Mich hat gestört, dass der (autobiografische) Roman in der Ich-Form erzählt wird, und der Ich-Erzähler mir bei jeder Gelegenheit mitteilt, wie begabt und gebildet er ist. Schlimmer ist, dass man über das ganze Buch hinweg fühlt, dass er dieses nur tut, um über seinen Komplex in Bezug auf seine Nationaliät hinwegzukommen.
Das autobiografische Ich ist mit Leib und Sehle polnisch, doch empfindet es Scham darüber wegen der Geschichte des Landes, das immer wieder besetzt wurde und zur Zeit des Romans seine eigene Form des Stalinismus durchlebte. Es ist nur konsequent, dass er sich ausgerechnet in seine Französischlehrerin verliebt, da Frankreich für viele Polen das symbolisierte, was sie gern sein wollten.
Für mich leidet das Buch zu sehr unter diesem Komplex. Der Stil und die Beschreibungen sind nicht ausgeglichen und haben mich nervös gemacht. Ich habe es zwar fertiggelesen, doch dabei keinen rechten Spass gehabt. Ich würde mich freuen, wenn künftige Bücher dieses Autors etwas vom Stolz der Polen über ihre Erfolge seit dem Ende des Kommunismus mitbekommen und dadurch selbstverständlicher werden.
Es werden die Unmenschlichkeiten, Schwächen und Umstände des korrupten und alles zersetzenden kommunistischen Regimes, mit seiner Treue zur Sowjetunion, bis hin zur vollkommenen Untergebenheit, die Repression und Deportationen ins stalinistische Sibirien auszeichnen, an Hand einer Liebesgeschichte erzählt. Antwort auf die Frage wie schwer es bei all den staatlichen Verboten und Regulierungen in dieser für Polen unglücklichen Zeit war, Toleranz zu üben, mit anderen Kulturen, Gedankengängen, schon überhaupt mit politischen Einstellungen und Meinungen gibt Antoni Libera die Geschehnisse um seinen Protagonisten bauend, die typisch für die Jugend eines intelligenten Gymnasiasten gewesen sind.
Wen das moderne Polen interessiert und wer wissen möchte, wie es um den verblendenden Kommunismus stand, gleichzeitig aber ein Freund der Literatur, speziell der Liebesliteratur ist, der wird an diesem Meisterwerk von Antoni Libera, das mit dem Nike Preis der Polnischen Literatur ausgezeichnet wurde, seinen Genuss finden. Eine Leseempfehlung, die ich als polnischer Zwangsemigrant und Sohn politisch verfolgter Eltern jedem geben möchte, der die Seele seines östlichen Nachbarn an Hand seiner jüngsten Geschichte und deren Schmähungen verstehen möchte. Ein Buch für jeden, egal ob junger (werdender) Lehrer, Schüler, Student oder erfahrener und betagter Mensch.
Und es ist ein Ostblock-Roman, der das grazile Frankreich als Garten Eden des Schöngeistes porträtiert, der die unbändige Sehnsucht nach Freiheit und der französischen Lebensart in Worte faßt und der nicht zuletzt einen Einblick in die sozialistische Realität gewährt.
Ein Herz für die Kunst, für das Theater sollte der Leser mitbringen. Doch dann steht dem ungetrübten Lesevergnügen bei dieser Huldigung an die Sprache nichts im Weg.
Dass das Buch doch auf knapp 500 Seiten kommt, liegt vor allem daran, dass Libera es zum Vorwand nimmt, dem Leser seine Belesenheit unter die Nase zu reiben. Das gibt der Geschichte einen altklugen Beigeschmack, der mitunter die Grenzen des Erträglichen auslotet. Die Gedankengänge mögen unter einem literaturwissenschaftlichen Blickwinkel durchaus reizvoll sein, hier geht es jedoch auf Kosten erzählerischer Stringenz und Überzeugungskraft. Die beiden Hauptfiguren, der Ich-Erzähler, ein siebzehnjähriger Gymnasiast, in dessen Neunmalklugheit sich die des Autors spiegelt, und seine vergötterte Lehrerin »Madame« wirken in charakterlicher Hinsicht teilweise karikativ überspitzt und daher nicht selten unglaubwürdig. Die weitschweifigen Überlegungen, Spekulationen und Strategieentwürfe des Ich-Erzählers nehmen breiten Raum ein und strapazieren die Geduld des Lesers.
Dies ändert sich erst zum Schluss des Buches, wo sich die Vielschichtigkeit der angelegten Gedankenstränge auch in der Handlung niederschlägt und diese an Schwung und Atmosphäre gewinnt. Die Figuren werden menschlicher, ihr Verhalten und die Ereignisse glaubwürdiger und die vielen Fäden, die im Laufe der Geschichte ausgelegt wurden, werden nun in erzählerischer wie intellektueller Hinsicht kunstvoll zusammengeführt. Das macht dann wieder Spaß. Ein zwiespältiges Gefühl bleibt trotzdem.