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  Mord im Auftrag Gottes. Eine Reportage über religiösen Fundamentalismus | Jon Krakauer
 
 
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Mord im Auftrag Gottes. Eine Reportage über religiösen Fundamentalismus
Jon Krakauer

Piper, 2004 - 478 Seiten

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Am 24. Juli 1984 trat Dan Lafferty im Hause seines Bruders Allen mit einem Ausbeinmesser an das Kinderbett seiner kleinen Nichte Erica. "Ich weiß nicht genau, worum es hier geht", sagte er, "aber anscheinend ist es Gottes Wille, dass du diese Welt verlässt; vielleicht können wir später mal darüber reden." Dann schlitzte er der Kleinen die Kehle auf und tötete anschließend ihre Mutter Brenda. Zu dem Doppelmord angestiftet worden war er von seinem Bruder Ron, und der hatte den Mordauftrag angeblich direkt von Gott.

Ron wurde später zum Tode verurteilt. Dan selbst zu zweifach lebenslanger Haft. Das sind kurz zusammengefasst die Fakten dieser von zwei aus der "Kirche Christi der Heiligen der Letzten Tage" exkommunizierten fundamentalistischen Mormonen begangenen Bluttat. Als Hintergrund vermutet man Rache. Offenbar machte Ron seine Schwägerin dafür verantwortlich, dass ihm seine Frau im Streit um den rechten Glauben zuerst den Gehorsam verweigert hatte und ihm dann auch noch davongelaufen war. Wohl daraufhin befahl der entrüstete Mormonengott -- "Es ist mein Wille und Gebot, dass du die folgenden Menschen beseitigst" --, Brenda samt ihres Kindes zu töten.

Doch von dem vordergründig persönlichen Motiv darf man sich nicht in die Irre führen lassen. Der "religiöse" Hintergrund ist nämlich, wie Jon Krakauer in seinem neuen Buch sehr anschaulich belegt, aus mehreren Gründen über die konkrete Tat hinaus von einiger Bedeutung. Zwar gehören Ron und Dan Lafferty zu einer Splittergruppe mormonischer Fundamentalisten. Doch auch die offizielle "Kirche Jesu der Heiligen der Letzten Tage", die -- bei beängstigend hoher Geburtenrate -- über eine Millionenschar äußerst missionsfreudiger Anhänger verfügt, beruht selbst auf dem extrem verqueren Gebräu einer vermeintlich göttlichen Offenbarung. Diese soll 1823 dem Wahrsager Joseph Smith aus Vermont in der Gestalt eines Engels mit dem Namen Mormoni zuteil geworden sein, der ihm eine in massive Goldplatten geprägte heilige Schrift zuspielte, die er mithilfe einer wundersamen Brille und eines Zaubersteins entziffert und übersetzt haben will. Das Ergebnis ist das 1828/29 von ihm diktierte Book of Mormon, das der 1830 gegründeten mormonischen Kirche seither als Bibel gilt.

Einige Jahre später hat der mit seiner Goldplattenfantasie unerwartet erfolgreiche Autor unter dem Titel Lehre und Bündnisse ein weiteres, die mormonische Lehre ausdifferenzierendes Werk mit angeblichen Offenbarungen vorgelegt, das den Erfolg noch beschleunigte. Außer der darin vorgeschriebenen (und für die enorme Geburtenrate mitverantwortlichen) Vielehe, die die "Kirche Christi der Heiligen der Letzten Tage" mittlerweile offiziell verworfen hat, gibt es noch so manch anderes denkwürdige Gebot, für das mancher Mormone notfalls sein eigenes Leben herzugeben bereit ist. Dan Lafferty sieht selbst eine Parallele zwischen sich und den Terrorpiloten vom 11. September. Diese, so sagt er, seien bereit gewesen, im Wesentlichen dasselbe zu tun wie er, allerdings mit dem Unterschied, dass sie im Gegensatz zu ihm einem falschen Propheten gefolgt seien. Die Islamisten dürften dies genau umgekehrt sehen. Woraus wir einmal mehr den Schluss ziehen, dass jeder gefährlich ist, der vorgibt einen direkten Draht zu Gott zu haben. Egal um welchen Gott es sich handelt! Eine aufschlussreiche Lektüre. --Andreas Vierecke


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Fremdes Land Amerika

Dem europäischen Bewusstsein erscheint die nicht mehr ganz so neue Welt zumeist als vertrauter größerer Bruder. Eigentlich ist er fast so wie man selber, halt nur ein bisschen größer, toller, spannender. Und natürlich übernimmt man all die kleinen Eigenarten und Allüren des großen Bruders. Er ist halt ein Vorbild. Und all das, was man nicht versteht - nun ja, es ist halt der große Bruder.
Wer einmal ein Stück von der völligen Andersartigkeit des amerikanischen Bruders verstehen will, der lese dieses Buch. Jon Krakauer erzählt - ausgehend von dem äußerst brutalen Mord an Brenda Wright Lafferty und ihrem Baby - die Geschichte des Mormonentums, einer Religion, die Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der sogenannten 2. großen Erweckung entstand und die heute die "schnellstwachsende Religion in der westlichen Hemisphäre" darstellt. "Auf dem gesamten Planteten übersteigt die Zahl der Mormonen mittlerweile die der Juden", schreibt Jon Krakauer am Beginn seiner Reportage. Es handelt sich um eine Sekte nahezu weltreligiösn Ausmaßes, die den meisten von uns völlig unbekannt ist, aus deren Kreisen sich nichtsdestotrotz bereits Präsidentschaftskandidaten rekrutieren. Was hat es also auf sich mit den Mormonen?
Der weitaus größte Teil der Mormonen lebt heute in einer unwegsamen wüstenartigen Welt im Staate Utah und im Arizona Strip nördlich des Grand Canyon. Innerhalb der äußerst strengen Religion, in der jegliche Freude und Ablenkung wie Zeitung, Fernsehen, Alkohol usw. untersagt sind, existieren jedoch noch weit strengere fundamentalistische Gruppierungen wie die "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage". Diese fundamentalistische Abspaltung predigt und praktiziert die Polygamie und sie ist deshalb nach schweren Auseinandersetzungen mit dem Staat Utah im Jahre 1887, dem sogenannten Utah-Krieg, verboten. Dennoch existieren die Polygamisten fort und ihre Zahl nimmt laufend zu.
Die Familienbeispiele, die Krakauer hier aufzählt, ziehen dem ordentlichen Bürger schlichtweg die Schuhe aus. In den Gemeinden der Polygamisten haben Frauen faktisch keinen Rechtsstatus. Sie werden vom zeugungsfähigen Alter, ab 14 Jahren, gegen ihren Willen verheiratet und leben dann in Familien mit bis zu weiteren 10 Frauen. Die Kinderschar nimmt astronomische Ausmaße an. Die Schicksale der Mädchen, die in Krakauers Buch geschildert werden, sind erschütternd. Wenn sie aufsässig sind, werden sie innerhalb der Familie oder an den kirchlich höhergestellten weitergereicht. Inzest ist die Tagesordnung. Von Frauen der Kingston-Sekte der Mormonen wird berichtet, sie hätten angeblich "nur Protoplasmaklumpen" zur Welt gebracht und seien acht oder neunmal schwanger gewesen, ohne nur eine einziges lebendes Kind zu gebären. Vielfach nimmt der Mann neben der Mutter auch noch die Stieftöchter aus früheren Verbindungen dieser Frau zum Weib.
Abenteuerlich ist auch die Entstehung der Mormonen. Der junge, aus einfachen Verhältnissen stammende Joseph Smith aus Vermont, 1805 geboren, ruft im Jahre 1830 die neue Religion ins Leben, nachdem ihm ein Engel zu den goldenen Tafeln auf der Erhebung Cumorah geführt hat, deren Entzifferung schließlich das Buch Mormon ergibt. In dem Buch Mormon wird der Kampf zwischen den Ureinwohnern Amerikas, den weißen Nephiten und den roten Lamaniten geschildert, die beide von Jesus auf seiner Reise nach Amerika missioniert werden. Dennoch bringen die Lamaniten 400 Jahre später alle Nephiten um. Tja, deshalb traf Kolumbus 1498 auch nur auf Indianer. Allerdings hat ein Nephite überlebt: Moroni, der Sohn des heldenhaften Mormon - und dies ist auch der Engel, der Smith den Weg zu den Tafeln weist. Nun, ja.
Mit der sich rasch vergrößernden Mormonensekte gibt es jedoch in der Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder fast kriegerische Auseinandersetzungen, so dass sie 1846/47 schließlich ihren Exodus nach Utah quer durch das noch unerschlossene Land des amerikanischen Westens antreten.
Krakauer erzählt die Geschichte der Mormonen lebendig und leicht. Allerdings ist er so detailgenau, dass das Buch auch manche Längen hat. In erster Linie handelt es sich um eine Reportage über den schrecklichen Mord an Brenda Lafferty in den 80er Jahren; diese weitet sich aber schnell zu einem gesamten Panorama des Mormonentums aus. Eine sehr lohnende Lektüre, die uns europäischen Nivellieren auch einmal die uns unverständliche Andersartigkeit dieses großen Landes aufzeigt. Thomas Reuter



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Jon Krakauer öffnet eine neue Welt

Das Buch wurde mir empfohlen. Keine "Soap" sondern ein "Dokumentarfilm". Keine Belletristik, sondern die Präsentation von gut untersuchtem Forschungsmaterial. Auch hier gilt, dass der Neuigkeitswert des Buches von den bereits vorhandenen Vorkenntnissen abhängig ist. Mir waren die fundamentalistischen Strömungen innerhalb des Glaubens der Mormonen nicht bekannt. Erschreckend was man da liest, aber das gilt für jede Art von Fudamentalismus. Auch erschreckend die Tatsache, das Fliehen vorm Fundamentalismus fast unmöglich ist. Schön, dagegen, der Gedanke, dass jedes Mitglied der Mormonen im Prinzip in Kontakt zu Gott kommen kann. Empfehlenswert für diejenigen mit wenigen Vorkenntnissen, die sich mit der Religion der Mormomen vertraut machen möchten. 3 Sterne von mir, aber das ist nicht schlecht.


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Begegnung mit einer Religion über einen Kriminalfall

Man liest einen spannenden Kriminalfall, und ehe man es sich versieht, ist man mittendrin in der Entstehungsgeschichte einer Religion, von der jeder gehört hat, und die doch keiner kennt. Und man weiß nicht, was spannender ist, das Heute oder das Gestern? Auf jeden Fall kriegt man Appetit auf mehr. Was soll man wirklich vom Mormonentum halten? Dazu muß noch einiges gelesen werden - und das Buch von Jon Krakauer ist erst der Anfang...!


Interessant, aber sehr sperrig

Die Vorgänger von Jon Krakauer "Into thin air" und "Into the wild" habe ich gerne gelesen. Nun also ein Buch über extremen christlichen Glauben in den USA. Der Inhalt ist faszinierend und erschreckend zugleich - wer hätte gedacht, dass in den USA so viele Fundamentalisten und Polygamisten leben? Das es wirklich "Rechtsfreie" Räume dort gibt? Also, von der Motivation her ist das Buch empfehlenswert. Auch ist es ungemein gut recherchiert. Man lernt eine Menge über die Geschichte der Mormonen, der mormonischen Fundamentalisten und natürlich über den religiös mitivierten Mord der Lafferty-Brüder an einer Frau und ihrem Baby.
Allerdings macht Krakauer die Lektüre nicht gerade einfach: Ständige Zeitenwechsel zwischen der Zeit des Mordes und der Geschichte der Kirche machen das Lesen schwer. Zumal es dadurch auch schwierig wird die zahlreichen Namen noch zuordnen zu können. Und zwischendurch lässt der Autor auch zu sehr seine eigene Meinung durchscheinen - legitim aber an vielen Stellen störts den Lesefluss.
Alles in allem eine interessante Lektüre, auf die man sich aber einlassen muss und bei der man sich zwischenzeitlich auch etwas beissen muss, um bei der Stange zu bleiben. Aber wenn die Thematik interessiert, dann lohnt sich das auch.


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reviews: page 1, 2, 3



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