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  Abschied von Chautauqua | Stewart O'Nan
 
 
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Abschied von Chautauqua
Stewart O'Nan

Rowohlt Tb., 2006 - 704 Seiten

Kundenbewertung:(8 Bewertungen)
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Auf den 700 Seiten des Romans Abschied von Chautauqua passiert herzlich wenig. Man muss das gleich am Anfang sagen, denn sein Verfasser, der 44-jährige US-amerikanische Autor Steward O?Nan, ist mit seinen bisher acht Büchern eher als eine Art ?Stephen King der Hochliteratur? bekannt geworden. In Speed Queen zum Beispiel rasen Mörderinnen meuchelnd durch die Landschaft, und in Das Glück der anderen rottet eine Seuche einen ganzen Landstrich aus. In Abschied von Chautauqua verschwindet nur eine Tankstellenkassiererin. Und bis zum Schluss bleibt eigentlich offen, ob es sich bei dem Ereignis überhaupt um ein Verbrechen gehandelt hat.

In Abschied von Chautauqua ist das Leben ein wenn auch unterbrochener, so doch ruhiger Fluss. Nach dem Tod von Emiliy Maxwells Mann vor einem knappen Jahr hat sich der neunköpfige Rest der Familie im Sommerhaus am Lake Chautauqua im Bundesstaat New York zusammen gefunden, in einem Domizil der Erinnerungen, das jetzt verkauft werden soll. Man geht einkaufen, unterhält sich, kocht zusammen und besucht die Nachbarn, mehr nicht. Und doch sind die acht Augusttage, in denen die Handlung spielt (und nach denen der Roman gegliedert ist), die spannendsten, die Steward O?Nan jemals beschrieben hat.

Denn der Autor entfaltet im scheinbar dahinplätschernden Dasein seiner Hauptfiguren einen wahren psychologischen Makrokosmos, der die Innenwelt der Protagonisten auf unglaublich subtile Art und Weise offen legt. So erfahren wir etwas über die lesbischen Phantasien der 13-jährigen Enkelin Ella, über die Angst des Enkels Justin vor dem Dunkel des Wassers, aber auch einiges über die Psyche von Rufus, dem Familienhund. Das gelingt O?Nan, weil er seine Geschichte jeweils aus der Perspektive einer seiner Heldinnen und Helden erzählt -- unglaublich leise und packend zugleich. Vor allem dieser Kunstgriff macht Abschied von Chautauqua zu einem der einfühlsamsten und schönsten Bücher dieses Jahres. --Isa Gerck


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Nein, eben nicht "gähn"...

...wenn man einen großen Schriftsteller erkennt und weil man ein echtes Meisterwerk in Händen hält.
Ich gebe zu, dass ich auch hin und wieder Schwierigkeiten mit der sogannten Hochliteratur habe, und um genau diese handelt es sich hier (aber "nur" im positivem Sinne, denn da gibt es auch oft "keine" Handlung, und alles plätschert nur so dahin, und man langweilt sich dann doch irgendwann).
Aber O`Nan ist ein Genie, ein Großmeister der neuen amerikanischen Literatur: er beschreibt wenige Tage im Leben einer Durchschnittsfamilie, und in diesen Tagen passiert auch nicht viel, aber ich habe die Seiten verschlungen, ich habe gelacht, ich habe mich empört, und ich war traurig und habe echte Tränen geweint. Weil ich Krankheit, Tod und Abschied in meiner Familie vor Augen habe und O`Nan mit seiner "Nicht-Handlung" so nah meine Seele berührt hat wie kein Autor zuvor.
Wer so etwas langweilig findet, der ist entweder sehr jung und/oder sehr glücklich und von allen familiären Kümmernissen unberührt (geblieben).
Ich werde dieses Buch sicher immer wieder lesen, ich bin ganz sicher, dass es eines meines Lieblingsbücher ever sein wird!



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Stewart O'Nan ist ein begnadeter Erzähler!

Ich habe dieses Buch bereits zum zweiten Mal gelesen und bin völlig begeistert von dieser unspektakulären aber tiefgründigen Familiengeschichte!Zum Inhalt möchte ich nichts sagen,da die Vorrezesenten das teilweise bereits übernommen haben.Ein wunderbarer Schmöker,der einen alles rundherum vergessen lässt.Lesen!


Der Letzte macht das Licht aus

Stewart O' Nan ist einer der produktivsten amerikanischen Schriftsteller der jüngeren Generation. Allein in deutscher Übersetzung liegen mittlerweile acht Bücher mit einem Gesamtumfang von mehr als 3.000 Seiten vor. Nicht alle seine Bücher sind zur Lektüre zu empfehlen. In Deutschland wurde der Autor vor allem mit seinem im Jahre 1993 mit dem renommierten William-Faulkner-Preis ausgezeichneten Roman ?Engel im Schnee" über Nacht bekannt. Ein Ruhm, von dem er noch heute zehrt. Und den er mit jedem neuen Roman festigen möchte. Das gelingt ihm nicht immer. So enttäuschte sowohl sein 1999 erschienenes Weltuntergangsdrama ?Das Glück der anderen" (ein Schelm, der hier nicht an Albert Camus ?Die Pest" denke musste), als auch sein im Jahre 2003 publizierter Tatsachenroman ?Der Zirkusbrand", der den gewaltigsten Zirkusbrand in der Geschichte Amerikas im Jahre 1944 in Hartfort im Bundesstaat Connecticut zum Inhalt hatte, vorrangig aber nur die trockene Faktenlage vermitteln konnte. In seinem neuen Roman ?Abschied von Chautauqua" wendet sich O' Nan wieder aktuellen gesellschaftskritischen Themen zu. Er überschreitet dabei keine Grenzen. Amerika bleibt für ihn das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und wer seine Chance nicht nutzt, ist selber schuld.

Seit Jonathan Franzens' hervorragenden Familienroman ?Die Korrekturen" (der übrigens ohne Richard Yates ?Zeiten des Aufruhrs" aus dem Jahre 1961 überhaupt nicht möglich gewesen wäre) feiert das Genre des amerikanische Familienromans Hochkonjunktur. Und so steht in den Romanen zahlreicher US-Autoren die Familie wieder im Mittelpunkt. Ein beliebter Grundplot: die Mitglieder meist durchschnittlicher Familien treffen zu mehr oder weniger sinnvollen Anlässen zusammen. Zumeist geht es um das Thema des Abschieds. Ein allerletztes Mal soll sich dann die ganze Sippe an einem für die Familiebande einst bedeutsamen Ort einfinden. Das ist auch bei Stewart O' Nan nicht anders. Und so findet sich in seinem 700 Seiten starken Roman zwecks Abkehr von einem jahrzehntelang genutzten Sommerhaus am Lake Chautauqua im Bundesstaat New York die neunköpfige Familie Maxwell plus Hund Rufus ein. Der Romantitel ist Programm: ?Abschied von Chautauqua" handelt von Verlust und Abschied von der Vergangenheit.

Damit schlägt auch Stewart O' Nan, der oben erwähnte Hinweis auf die aktuelle Boom-Literatur deutet es an, in eine überaus Erfolgsversprechende Kerbe. Kein böser Vorwurf: er bedient den Mainstream. Der eigentliche Plot ist uns seltsam vertraut. Dabei ist sein Familienepos handwerklich perfekt. Auch wenn ihm der Text mitunter etwas zu langatmig geraten ist. Und uns die detailverliebte Schilderung alltäglicher Verrichtungen schlichtweg plättet. Vielleicht ist das Absicht. Denn aufmerksame Leser merken schnell: der Teufel steckt im Detail. Auch wenn in Stewart O' Nans' Roman ?Abschied von Chautauqua" auf den ersten Blick nicht viel passiert. Ereignisarmmut von der ersten bis zur letzten Seite. Nur langsam wird deutlich: es geschieht doch jede Menge.

Die Handlung: Henry Maxwell ist tot. Seine 70-jährige Ehefrau Emily lebt in tiefer Trauer. Sie will das Familiensommerhaus am Lake Chautauqua verkaufen. Ein letztes Mal aber sollen ihre Kinder Meg und Ken ihren Urlaub hier verbringen. Und tatsächlich: sie reisen mit Kind und Kegel an. Die Stimmung ist getrübt. Dafür sorgt auch der Regen, der die Familie im Haus einsperrt. Zudem fühlt sich Ken, der als Fotograf beruflich gescheitert ist, am Ort seiner Kindheit mit seinen unerfüllten Lebensentwürfen konfrontiert. Die Enttäuschung über sich selbst sitzt tief. Seine Frau Lisa spendet ihm keinen Trost. Seine verbitterte Schwester Meg, frisch geschieden und verlassen, flüchtet in Alkohol und Drogen. Und kann ihre Wut auf den Rest der Welt doch nicht betäuben. Die Kinder von Meg und Ken haben derweil ganz andere Sorgen. Ella, Sarah, Sam und Justin kämpfen sich durch die Irrungen und Wirrung der Pubertät. Selbst der altersschwache Hund Rufus hadert mit der Welt. Ballspiele mit den Kids strengen ihn mittlerweile zu sehr an. An Familienausflügen darf er nicht mehr teilnehmen. Er wird im Sommerhaus eingesperrt.

Stewart O' Nans angenehm unspektakulärer Familienroman ?Abschied von Chautauqua" lehrt uns: Ruhe darf man nicht mit Langeweile verwechseln. Eine anstrengende Lektion. Der Autor verlangt seinen Lesern tatsächlich sehr viel Geduld ab. O' Nan empfiehlt sich mit seinem Familienepos als ein ?Meister zelebrierter Langsamkeit" (NZZ, 19.03.2005). Wir lesen und warten. Und vermuten: eine Katastrophe naht. Aber welche? Und wann? Jedes einzelne Mitglied der zerrütteten Familie Maxwell böte eine ideale Zielscheibe. Wir können das drohende Unheil schon erahnen.

Nein, Stewart O' Nan tut uns den Gefallen nicht. Er will uns nicht beruhigen. Kein Happy-End. Und er entlässt seine ?ganz gewöhnlichen Leute" nach ihrem einwöchigen, ohne größere Unglücksfälle verstrichenen Urlaub (Höhepunkt der körperlichen Grausamkeiten ist die minutiös geschilderte Ermordung einer Fliege) in eine ungewisse Zukunft. Zuhause wartet wieder der Kampf mit dem Alltag.

Und das war's dann auch. Der wahrscheinlich letzte gemeinsame Familienurlaub im Sommerhaus am Lake Chautauqua ist vorüber. Nehmt Abschied, Maxwells, ungewiss ist alle Wiederkehr. Dem Leser bleibt am Ende nur die stille Hoffnung, dass Emily, Meg, Ken und die Kids Sam, Ella, Sarah und Justin später doch noch ein winziges Stück vom großen Glück ergattern. Und das Hund Rufus noch ein paar Jahre mit seinem Schwanz wedeln darf. Sommerhaus hin oder her: das wäre doch schon was. In jedem Falle aber besser als nichts.


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