In Abschied von Chautauqua ist das Leben ein wenn auch unterbrochener, so doch ruhiger Fluss. Nach dem Tod von Emiliy Maxwells Mann vor einem knappen Jahr hat sich der neunköpfige Rest der Familie im Sommerhaus am Lake Chautauqua im Bundesstaat New York zusammen gefunden, in einem Domizil der Erinnerungen, das jetzt verkauft werden soll. Man geht einkaufen, unterhält sich, kocht zusammen und besucht die Nachbarn, mehr nicht. Und doch sind die acht Augusttage, in denen die Handlung spielt (und nach denen der Roman gegliedert ist), die spannendsten, die Steward O?Nan jemals beschrieben hat.
Denn der Autor entfaltet im scheinbar dahinplätschernden Dasein seiner Hauptfiguren einen wahren psychologischen Makrokosmos, der die Innenwelt der Protagonisten auf unglaublich subtile Art und Weise offen legt. So erfahren wir etwas über die lesbischen Phantasien der 13-jährigen Enkelin Ella, über die Angst des Enkels Justin vor dem Dunkel des Wassers, aber auch einiges über die Psyche von Rufus, dem Familienhund. Das gelingt O?Nan, weil er seine Geschichte jeweils aus der Perspektive einer seiner Heldinnen und Helden erzählt -- unglaublich leise und packend zugleich. Vor allem dieser Kunstgriff macht Abschied von Chautauqua zu einem der einfühlsamsten und schönsten Bücher dieses Jahres. --Isa Gerck
Seit Jonathan Franzens' hervorragenden Familienroman ?Die Korrekturen" (der übrigens ohne Richard Yates ?Zeiten des Aufruhrs" aus dem Jahre 1961 überhaupt nicht möglich gewesen wäre) feiert das Genre des amerikanische Familienromans Hochkonjunktur. Und so steht in den Romanen zahlreicher US-Autoren die Familie wieder im Mittelpunkt. Ein beliebter Grundplot: die Mitglieder meist durchschnittlicher Familien treffen zu mehr oder weniger sinnvollen Anlässen zusammen. Zumeist geht es um das Thema des Abschieds. Ein allerletztes Mal soll sich dann die ganze Sippe an einem für die Familiebande einst bedeutsamen Ort einfinden. Das ist auch bei Stewart O' Nan nicht anders. Und so findet sich in seinem 700 Seiten starken Roman zwecks Abkehr von einem jahrzehntelang genutzten Sommerhaus am Lake Chautauqua im Bundesstaat New York die neunköpfige Familie Maxwell plus Hund Rufus ein. Der Romantitel ist Programm: ?Abschied von Chautauqua" handelt von Verlust und Abschied von der Vergangenheit.
Damit schlägt auch Stewart O' Nan, der oben erwähnte Hinweis auf die aktuelle Boom-Literatur deutet es an, in eine überaus Erfolgsversprechende Kerbe. Kein böser Vorwurf: er bedient den Mainstream. Der eigentliche Plot ist uns seltsam vertraut. Dabei ist sein Familienepos handwerklich perfekt. Auch wenn ihm der Text mitunter etwas zu langatmig geraten ist. Und uns die detailverliebte Schilderung alltäglicher Verrichtungen schlichtweg plättet. Vielleicht ist das Absicht. Denn aufmerksame Leser merken schnell: der Teufel steckt im Detail. Auch wenn in Stewart O' Nans' Roman ?Abschied von Chautauqua" auf den ersten Blick nicht viel passiert. Ereignisarmmut von der ersten bis zur letzten Seite. Nur langsam wird deutlich: es geschieht doch jede Menge.
Die Handlung: Henry Maxwell ist tot. Seine 70-jährige Ehefrau Emily lebt in tiefer Trauer. Sie will das Familiensommerhaus am Lake Chautauqua verkaufen. Ein letztes Mal aber sollen ihre Kinder Meg und Ken ihren Urlaub hier verbringen. Und tatsächlich: sie reisen mit Kind und Kegel an. Die Stimmung ist getrübt. Dafür sorgt auch der Regen, der die Familie im Haus einsperrt. Zudem fühlt sich Ken, der als Fotograf beruflich gescheitert ist, am Ort seiner Kindheit mit seinen unerfüllten Lebensentwürfen konfrontiert. Die Enttäuschung über sich selbst sitzt tief. Seine Frau Lisa spendet ihm keinen Trost. Seine verbitterte Schwester Meg, frisch geschieden und verlassen, flüchtet in Alkohol und Drogen. Und kann ihre Wut auf den Rest der Welt doch nicht betäuben. Die Kinder von Meg und Ken haben derweil ganz andere Sorgen. Ella, Sarah, Sam und Justin kämpfen sich durch die Irrungen und Wirrung der Pubertät. Selbst der altersschwache Hund Rufus hadert mit der Welt. Ballspiele mit den Kids strengen ihn mittlerweile zu sehr an. An Familienausflügen darf er nicht mehr teilnehmen. Er wird im Sommerhaus eingesperrt.
Stewart O' Nans angenehm unspektakulärer Familienroman ?Abschied von Chautauqua" lehrt uns: Ruhe darf man nicht mit Langeweile verwechseln. Eine anstrengende Lektion. Der Autor verlangt seinen Lesern tatsächlich sehr viel Geduld ab. O' Nan empfiehlt sich mit seinem Familienepos als ein ?Meister zelebrierter Langsamkeit" (NZZ, 19.03.2005). Wir lesen und warten. Und vermuten: eine Katastrophe naht. Aber welche? Und wann? Jedes einzelne Mitglied der zerrütteten Familie Maxwell böte eine ideale Zielscheibe. Wir können das drohende Unheil schon erahnen.
Nein, Stewart O' Nan tut uns den Gefallen nicht. Er will uns nicht beruhigen. Kein Happy-End. Und er entlässt seine ?ganz gewöhnlichen Leute" nach ihrem einwöchigen, ohne größere Unglücksfälle verstrichenen Urlaub (Höhepunkt der körperlichen Grausamkeiten ist die minutiös geschilderte Ermordung einer Fliege) in eine ungewisse Zukunft. Zuhause wartet wieder der Kampf mit dem Alltag.
Und das war's dann auch. Der wahrscheinlich letzte gemeinsame Familienurlaub im Sommerhaus am Lake Chautauqua ist vorüber. Nehmt Abschied, Maxwells, ungewiss ist alle Wiederkehr. Dem Leser bleibt am Ende nur die stille Hoffnung, dass Emily, Meg, Ken und die Kids Sam, Ella, Sarah und Justin später doch noch ein winziges Stück vom großen Glück ergattern. Und das Hund Rufus noch ein paar Jahre mit seinem Schwanz wedeln darf. Sommerhaus hin oder her: das wäre doch schon was. In jedem Falle aber besser als nichts.