Die Verwirrungen des Zöglings Törleß | Robert Musil
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Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
Robert Musil
Rowohlt Tb.
, 2002 - 139 Seiten
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Kauftipp
Einfache Kost? Nein. Von der Suche nach sich selbst und einer Welt, in die man passt.
Ich habe, wie auch viele meiner Genossen, das Buch in der Schule lesen müssen.
Da der Inhalt mittlerweile oft genug erläutert wurde, komme ich direkt zu meinen Eindrücken.
Es verlangt sehr viel Konzentration von einem ab, die Gedankengänge des
Törleß
nachzuvollziehen, da dessen Verwirrung und verzweifelte Suche nach einem Platz in der Welt sehr ausführlich und durchgehend reflektiert und analysiert beschrieben ist. Tatsächlich wird das Spektrum der jungen Psyche aufgebröselt und der Erzähler berichtet auf einer distanzierten Ebene von Törleß Entwicklung und Veränderung.
Was mich an dem Buch fasziniert hat, ist jedoch was anderes. Es ist zum einen die gelungene Personenkonstellation von Beineberg, Reiting, Törleß und Basini, die meiner Meinung nach das Buch durch diese Gruppendynamik gewissermaßen belebt. Der Zwiespalt zwischen den einerseits selbstbewussten und ihre eigene Rolle erkennenden Beineberg und Reiting und auf der anderen Seite des zweifelnden und sich selbst anfangs keinen Charakter zuschreibenden Törleß. Er ist unbearbeitet von festen Moralansprüchen und ergründet seine eigenen Werte im Verlauf des Romans selbst. Auf der Suche nach sich selbst kommt er auch nicht daran vorbei begreifen zu wollen was die Welt und einen menschlichen Charakter an sich ausmacht. Und das ist nun die zweite Sache, die mich an dem Buch fasziniert.
Die unkonventionelle Sichtweise von Törleß, zu der er gelangt, nachdem er Basinis Missbrauch und andere Erfahrungen gemacht hat, und die schließlich dazu führt dass auch Törleß an Selbstbewusstsein gewinnt und eine ganz eigene Weltsicht entwickelt.
Zwar ist der Roman stellenweise ein bisschen schleppend, so gibt es auch bewegende, spannende und nachdenklich stimmende Szenen.
Es ist ein Roman, dem ich trotz der Makel eine Menge abgewinnen konnte. Allerdings ist dies wohl nur möglich, wenn man auch selbst unkonventionell an diesen herangeht ohne sich von den darin vertretenen Themen wie Gewalt, Sadismus, Sexualität abschrecken zu lassen.
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Und der Mensch ist ein Abgrund
Die
Verwirrungen
des
Zöglings
Törleß
ist der erste Roman des Autors Robert Musil (1880 bis 1942) und erschien 1906. Die Geschichte spielt in einer österreichischen Militärerziehungsanstalt, von welcher Art sie auch Robert Musil Ende des 19. Jahrhunderts besuchte. Man kann also davon ausgehen, dass der Autor seine Erlebnisse in diesem Buch verarbeitet.
Protagonist des Buches ist der in seine eigene Welt vergrabene Zögling Törleß. Mit seinen Mitzöglingen Beineberg und Reiting entwickeln sie Spaß an der Gewalt, indem sie die Situation genießen, Basini, einem weiteren Zögling, der sie bestohlen und hintergangen hat, Herr sein zu können, damit sie ihn nicht auffliegen lassen, und anfangen, ihn zu quälen und sexuell zu missbrauchen. Faszination an Gewalt und Folter spielt eine große Rolle in diesem Roman, ebenso die gesellschaftliche Aufnahme der Homosexualität zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als diese noch relativ verpönt war. Wir haben es hier mit einem grundlegenden menschlichen Phänomen zu tun, nämlich dem Genuss, vollkommen gewissenlos Macht über andere Menschen ausüben zu können, ohne dabei vor den schändlichsten Verhaltensweisen halt zu machen und eine Bestrafung von noch höherer Stelle befürchten zu müssen.
Auch wenn Sadismus und Homoerotik zentrale Rollen spielen, heißt dies jedoch nicht, dass der Roman von anzüglichen Praktiken strotzt - diese werden weder glorifiziert, noch angedeutet gelassen, sondern so geschildert, wie sie die Charaktere im Buch wahrnehmen.
Musil liefert mit seinem Roman eine erschreckende Charakterstudie ab, die die Aspekte der Musilschen Psychologie darstellt: Verhalten in Extremsituationen und das Vergessen der Ethik in Konfrontation mit diesen. Anhand des Zöglings Törleß und seinen Gedanken wird das Aufeinanderprallen der Moral der damaligen Gesellschaft und der Versuchung auf eine exzellente Weise dargestellt. Beschreibungen der Gefühle über mehrere Seiten und seltene Dialoge sind daher vorherrschend, was zudem auch wenig Handlung zulässt. Metaphorisches Schreiben und Monologe im Vordergrund mögen nicht jedem Leser liegen.
Insgesamt kann man deutlich sagen, dass es kaum eine erschreckendere Studie über solche Handlungsweisen und Gründe dafür gibt, wie in diesem Roman, vor allem nicht aus dieser Literaturepoche. Kritiker mögen Musils Darstellungen durchaus als krankhaft bezeichnen, aber beim näheren Hinschauen lassen sich Abgründe menschlichen Handelns ausmachen, die durchaus wichtige Untersuchungspunkte für die Psychologie sind. Musil scheint Bewunderer Freuds und seiner Psychoanalytik gewesen zu sein, denn seine Ausführungen zeugen davon, dass er sich intensiv mit dem Wissensstand der Psychologie des beginnenden 20. Jahrhunderts befasst hat. Dass Musil nicht die Mechanismen des nahenden Faschismus andeuten wollte, dürfte aufgrund der Zeit des Erscheinens des Romans nicht möglich gewesen sein, passt allerdings dennoch ins Schema; nach dem heutigen Wissensstand kann man dies jedenfalls sagen.
Für Törleß war "Ja" die Antwort auf die Frage, ob der Mensch ein Abgrund sei. Wer sich von einer Reise durch die Abgründe des Menschseins nicht abschrecken lässt, sondern vielmehr sich dafür interessiert, was in einem Menschen vorgehen kann, der derartige Dinge tut, wie es dazu kommen kann, wie sich eben diese Verwirrungen des Zöglings Törleß abspielen, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.
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Die Pubertät - eine Geisteskrankheit?
Die Geschichte ist einfach: zwei Schüler eines k.u.k. Internats quälen und missbrauchen einen dritten Schüler, und Törless lässt sich davon abstoßen und faszinieren zugleich. Musil erzählt die Handlung ausschließlich aus der Perspektive des Törless. Dabei legt er dessen seelische Regungen in einer Weise bloß, die an die Arbeit eines Pathologen erinnert. Musil seziert das Seelenleben von Törless, ohne jedoch in platte psychologische Erklärungsmuster abzugleiten. Im Gegenteil verstärk er den Eindruck, dass die Pubertät eine Geisteskrankheit ist, in der die disparatesten Gedanken und Regungen planlos aufeinanderschlagen wie die Wellen in einer Kreuzsee. Am Ende ist der Leser ebenso verwirrt wie Törless derüber, wie das alles passieren konnte ebenso wie darüber, dass er (insofern repräsentativ für jeden Menschen, der die Pubertät hinter sich gelassen hat) das ganze einigermaßen unbeschadet überstehen konnte. Was die drei anderen Protagonisten angeht, dürften Zweifel erlaubt sein. Und der Weltkrieg scharrte schon von fern mit den Hufen ...
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