Autobahn zum Mutterkreuz: Historikerstreit der schweigenden Mehrheit | Wolfgang Wippermann
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Autobahn zum Mutterkreuz: Historikerstreit der schweigenden Mehrheit
Wolfgang Wippermann
Rotbuch Verlag
, 2008 - 128 Seiten
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Die Herman-Kontroverse
Viele Fernsehzuschauer erinnern sich noch an Eva Hermans Auftritt in und ihren Hinauswurf aus der Talkshow von Johannes B. Kerner im Oktober 2007. Der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann, der an dieser Sendung als NS-Experte teilgenommen und Eva Herman kritisiert hatte, erhielt anschließend ein Flut von Zuschriften, in denen er beschimpft, beleidigt und sogar bedroht wurde.
Er hat dies zum Anlass genommen, Hermans Äußerungen, deren Vorgeschichte und die anschließende öffentliche Debatte in dem nun vorliegenden Buch darzustellen. Dabei stützt er sich auf die Auswertung von rund zweitausend Leserbriefen an die Bild"-Zeitung sowie der Diskussionen in einer Reihe von Blogs und Internetforen.
Die Debatte entzündete sich speziell an Hermans lobenden Äußerungen zur nationalsozialistischen Familien- (Stichwort
Mutterkreuz
") und Verkehrspolitik (Stichwort
Autobahn
en") sowie ihrer Kritik an den ihrer Meinung nach gleichgeschalteten" Medien, die es unmöglich machten, solche Dinge öffentlich zu äußern.
Während die traditionellen Medien diese Auffassungen überwiegend zurückwiesen, artikulierte die von Wippermann so genannte schweigende
Mehrheit
" in Leserbriefen und im Internet oft lebhafte Zustimmung. Deren Tenor lautete, es sei tatsächlich unter Hitler nicht alles schlecht gewesen, bestimmte Werte hätten damals noch gezählt, die Achtundsechziger" hätten die alle zerstört und als faschistisch denunziert, und die von ihnen beherrschten Medien übten eine Meinungsdiktatur aus, die Kritiker mundtot mache. Dabei wurde der rassistische Kontext speziell der nationalsozialistischen Familienpolitik meist ausgeblendet. Häufig wurden auch ausgesprochen antisemitische Ressentiments geäußert, etwa die unterstellte Meinungsdiktatur auf den Einfluss der Juden" zurückgeführt.
Wippermann folgert daraus, eine schweigende Mehrheit" identifiziere sich mit Positionen, die nur scheinbar konservativ, tatsächlich aber latent oder offen pro-nazistisch seien. Er macht das Internet dafür verantwortlich, dass solche Einstellungen, besonders Verschwörungstheorien, immer stärkere öffentliche Verbreitung erführen, und schließt mit dem Aufruf, sie noch deutlicher als bisher als faschistisch zu brandmarken.
Obwohl Wippermann in der Einleitung beansprucht, quellenkritisch, ideologiekritisch und diskursanalytisch vorzugehen, ist sein Buch von wissenschaftlichen Standards weit entfernt. Bereits die verwendeten Begriffe sind weder theoretisch untermauert noch hinreichend definiert:
Er nennt traditionell-katholische Positionen fundamentalistisch", CSU-Politiker extrem rechts", verwendet den Begriff faschistisch", ohne deutlich zu machen, auf welche der vielen Faschismusdefinitionen er sich bezieht, und spricht penentrant häufig von der
schweigenden
Mehrheit", wobei er offenlässt, ob er dabei ironisch auf das Selbstverständnis des betreffenden Personenkreises anspielt oder buchstäblich eine Mehrheit der Bevölkerung meint.
Solche Schlamperei ist mehr als nur eine lässliche Sünde. Sie entspringt vielmehr der Absicht des Autors, die von ihm abgelehnten konservativen Werte (Ehe, Familie, Patriotismus) und ihre Verfechter in die Nähe des Nationalsozialismus zu rücken. Der Komplexität der Zusammenhänge zwischen konservativen Werten und nationalsozialistischer Ideologie wird er damit kaum gerecht, es hat auch nichts mit wissenschaftlicher Ideologiekritik zu tun. Mit politischer Polemik schon eher.
Da hilft es auch nicht, dass der Autor Leserbriefe und Blog-Kommentare als Belege heranzieht. Gewiss ist seit langem bekannt, dass Teile der deutschen Öffentlichkeit die NS-Zeit positiver bewerten als es dem offiziösen Geschichtsbild entspricht. Auch das immer noch erschreckend hohe Maß an Antisemitismus ist wissenschaftlich gut dokumentiert. Bekannt ist auch, dass Menschen, die so denken, sich gerne ein konservatives Mäntelchen umhängen. Daraus aber zu folgern, Konservatismus sei per se vor allem ein bürgerliches Feigenblatt faschistischer Ideologie, wie der Autor an etlichen Stellen zumindest suggeriert, ist intellektuell unredlich und demagogisch.
Nichtsdestoweniger ein interessantes Buch: Die Herman-Kontroverse war ja wirklich in vieler Hinsicht denkwürdig, und es ist ungeachtet der einseitigen Interpretation durchaus verdienstvoll, dass Wippermann sie in Buchform aufbereitet, bevor sie dem Vergessen anheimfällt. In dieser Hinsicht ist das schmale Büchlein außerordentlich informativ.
Zukunftsweisend ist auch, dass der Autor als einer der ersten systematisch die Reaktion der Blogosphäre, also der Internet-Öffentlichkeit, ausgewertet und damit der wachsenden Bedeutung dieses Mediums für die öffentliche Meinung Rechnung getragen hat - auch wenn er diesen Einfluss aus der Perspektive einer um ihre Deutungshoheit fürchtenden wissenschaftlichen Elite allzu negativ bewertet.
Gerade diese Befürchtung hätte ihm Anlass sein können, jenen Anspruch auf Deutungshoheit durch eine entsprechend saubere und wissenschaftlich fundierte Arbeit zu untermauern.
Stattdessen gibt er implizit genau jenen von ihm kritisierten Verschwörungstheoretikern recht, nach deren Auffassung die etablierten Meinungseliten missliebige, weil der Political Correctness widersprechende Positionen als faschistisch abstempelten statt sie inhaltlich zu widerlegen.
Für ein linkes Publikum, das bei Wippermann in den Genuss der Streitschrift eines Gleichgesinnten kommt, ist das Buch allemal lesenswert. Allen anderen bleibt - neben dem reinen Informationsgehalt - immerhin die Überraschung, mit welcher Nonchalance die Verfechter der Political Correctness auch heute noch nichtkanonisierte Meinungen als Ketzerei verteufeln - und im selben Atemzug vehement bestreiten, eben dies zu tun.
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Zur Diskussion um immer noch missverstandene Punke in der neueren deutschen Geschichte
Die Diskkusionen um die Aussagen von Eva Hermann haben in Deutschland ja hohe Wellen geschlagen, dabei wäre die Lösung doch so einfach gewesen. Der Autor Wolfgang Wippermann hat mit seinem Buch
AUTOBAHN
ZUM
MUTTERKREUZ
ganz klar und leicht verständlich seine Position und die korrekte geschichtliche Entwicklung zum Kernthema der Diskussion dargelegt.
Zu aller erst einmal Klarheit, die Autobahnen waren in der Tat keine Erfindung von Adolf Hitler, sie wurden nur geschickt medienpolitisch zum richtigen Zeitpunkt in Szene gesetzt. Das Autobahnprojekt wurde schon viel früher gestartet - obwohl man dann zu Gute halten muss, das während des dritten Reiches einige Tausend Kilometer dann entstanden sind. Doch der Kern ist klar und Eingangs auch schon nun von mir so formuliert, es war keine Erfindung innerhalb der Zeit von 33 bis 45.
Der Autor hat sich diesbezüglich einige sehr unfeine und widerwärtige Schmähungen anhören müssen, was eindeutig nicht gerecht ist, wie der Verlauf der ganzen Diskussion im übrigen zeigt.
Gerade bei der Zeit zwischen 33 und 45 sollte Sachverstand und Quellenrecherche vorherrschen, bevor man sich mit unbedachten Äußerungen aufs Glatteis begibt.
Es wäre auch von Vorteil die Geschichte einmal ganz Vorurteilsfrei aufzuarbeiten, sodaß jeder Bürger alle Seiten kennen lernen kann und mit seiner freien Meinung es auch abzuwägen versteht. Zuviel Missverständtnisse sind immer noch auf dem Markt und müssen ausgeräumt werden.
Schockierend empfand ich am Ende des Buches die Bemerkungen eines Leserbriefschreibers, welcher den Autoren als Ratte bezeichnete, denn wenn wir erst einmal das Mensch-sein jemanden abgesprochen haben und ihn vertiert darstehen lassen, um so einfacher wird es ihn zu erschlagen - ist er doch nichts weiter als eine Ratte (also ein Tier).
Mit seinem Buch und den Äußerungen hat der Autor ganz eindeutig Recht, auch wenn dies anscheinend nicht jedem gefällt. Die Wahrheit ist ein zerbrechliches Gut, in den Händen von Links, Mitte oder Rechts, sie zu schützen und zu fördern hat höchste Priorität!
Empfehlenswert!
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Sobering documentation of popular German attitudes to the Third Reich
Although controversies about how to interpret the Holocaust and Third Reich have been frequent in recent decades, these exchanges were mostly conducted among various representatives of the intellectual, academic and political elites. The most prominent recent themes have been Ernst Nolte's 1986 thesis on the secondary nature of Nazism that the disputed historian saw as an over-reaction to the primary aggressiveness of Bolshevism, the comparison of Nazism and communism made by the editor of the influential collected volume "The Black Book of Communism," or the explanation of the Holocaust suggested by Daniel J. Goldhagen in his widely discussed monograph "Hitler's Willing Executioners." While these debates were conducted not only in academic journals, but also in high-circulation newspapers and even on television shows, the German public at large was mainly a passive participant observing how Germany's major historians, social scientists, intellectuals and philosophers discussed among themselves or with foreign academics how to understand and where to locate the Nazi period in German history.
The flaring up of this discussion in 2007 documented here in detail by Wippermann too was a dispute involving prominent historians, not the least Wippermann himself. Yet, it was in so far different from the previous exchanges as this discussion took place in, among others, three of Germany's most popular mass media outlets: the popular high-brow weekly "Cicero" with a circulation of ca. 70,000, the TV talkshow "Johannes B. Kerner" of October 9th, 2007 watched by some 2.65 million viewers as well as in Germany's leading daily tabloid "Bild" selling 3 million copies daily. Later on, the various statements made in these and some other outlets were discussed in virtually all major German newspapers. It reached thus a far larger section of the public than the previous exchanges. The debate was also different as it triggered an enormous secondary discussion conducted in thousands of letters, e-mails and blog contributions supporting or criticizing this or that point in the discussion, and involving commentators from virtually all social sections and political camps of Germany.
The essence of this debate was about what surprisingly many Germans continue to see as "positive" aspects of the Third Reich, namely its family policies, social benefits system, or highway construction. It was triggered by a number of ambivalent publications and public statements of Eva Herman, a conservative former lead speaker of Germany's major TV news show "Die Tagesschau," host of various other TVshows as well as prolific book author. In distinction to the main protagonists of former historical debates, this debate was thus triggered by a prominent public figure known to virtually all Germans. It took a dramatic turn after Herman's dismissal from her TV station "Norddeutscher Rundfunk" (North German Broadcasting) which regarded an apologetic statement, by Herman at a presentation of her book "The Arch Noah Principle," on the value system under the Third Reich as unacceptable and fired the popular moderator. This scandal, in turn, led to Herman's invitation to Johannes B. Kerner's talk show. In this widely watched TV program (also available on the WWW), Herman was, after some more awkward sentences and a rejection to apologize for her earlier statements, asked to leave before the end of the show. Wippermann himself was invited to this show and tried to lead the discussion to the difference between conservative family values obviously promoted by Herman, and Nazi family policies which had some similar consequences, yet a rather different value system behind it. Wippermann also rejected Herman's use of "gleichgeschaltet" for current German mass media's political correctness rules as a term that has in Germany a special connotation as it is associated with the Nazi's controll of public life in the Third Reich. However, Herman simply refused to answer to any of Wippermann's points which became one of the reasons for her dismissal from the show. In a follow up to this discussion, the tabloid Bild asked Wippermann to tackle in an interview some of the most controversial issues in the search for "positive" elements of the Third. Reich. Wippermann rejected such interpretations and clarified that the popularity of some of these themes, like the allegedly important role of Hitler in Germany's high-way construction, where results of Nazi propaganda rather than a reflection of reality, and that most of the Third Reich's policies with regard to families where a direct result of the idea of "Rassenzucht" (breeding of the race). After these publications the debate on these issues went on in a number of media outlets, and dozens of public and private websites providing Wippermann with sources for his sobering survey.
Wippermann concludes that German "Vergangenheitsbewältigung" (coming to terms with the past) has been largely successful only with regard to Germany's elite stratum. Whereas academia, politics and intellectual life are now largely uniform in their highly critical of the Third Reich, the larger German public continues to have a more ambiguous relationship to the Nazi dictatorship expressing itself in considerable admiration for certain alleged "achievements" under Hitler. As a result, German Holocaust education needs to be regarded as a partial failure and to be continued in a more sophisticated way.
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