Die Brockenlegende | Werner Mittenzwei
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die brockenlegende
Die Brockenlegende
Werner Mittenzwei
Faber & Faber, Leipzig
, 2007 - 253 Seiten
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Lesenswerte deutsche Zeitgeschichte
Werner Mittenzwei, über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannter Literatur- und Theaterwissenschaftler, hat auf einem anderen Gebiet ein interessantes Werk verfasst.
Mit gebotener Vorsicht und gestalterisch ungewöhnlich berichtet er über die deutsche Wendezeit. Hier kann man spüren, wie einer der Wahrheit verpflichteter Intellektueller, ohne den Zeitgeist zu bedienen, Befindlichkeiten und Schicksale ostdeutscher Menschen in den Kontext von Zeitgeschichte stellt.
Ich wünsche diesem mutigen, spannend und gut geschriebenen Buch viele Leser, vor allem auf der Seite der Altneudeutschen.
Dem Verlag Faber & Faber gilt ebenfalls Dank.
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Den Verlierern wird (leider) keiner zuhören
Ein enorm zwiespältiger Eindruck bleibt nach der zum Teil sehr spannenden und fesselnden Lektüre dieses merkwürdigen Buches einem Doppel-Zwitter aus Sachbuch, Roman, Monographie und Bekenntnis! Werner Mittenzwei, einer der letzten Vertreter jener tatsächlichen geistigen Elite der DDR, im Hauptberuf einst Literatur- und Theaterwissenschaftler, Brechtherausgeber und zuletzt Verfasser solcher Standardwerke wie Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945-2000 und Die Mentalität des ewigen Deutschen. Nationalkonservative Dichter 1918-1974, begibt sich hier künstlerisch-artistisch auf ein ihm unbekanntes Terrain, weil er nicht recht wusste, wie anders er die Problematik hätte darstellen können, ohne sich selbst zu desavouieren. Inhaltlich geht es dabei um den Vernichtungsfeldzug des etablierten westdeutschen Bildungsbürgertums gegen die ostdeutschen Intellektuellen in der Nachwendezeit, um die so gut wie vollständige und undifferenzierte inhaltlich-adminstrativ-institutionelle und vor allem personelle Ausmerzung des Marxismus als Wissenschaftstheorie und Philosophie. Es geht um den Sieg der westdeutschen Politik und Wirtschaft über das gescheiterte Experiment des Sozialismus, um die Auslöschung der DDR im physischen und psychischen Sinn, ihre Vertilgung aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen. Es ist ein Buch eines Verlierers der Geschichte über andere Verlierer der Geschichte, geschrieben eigentlich für die Sieger, die es nicht lesen werden, um nicht aufgeschreckt über ihre Untaten unruhig in ihren Pfründenlehrstühlen hin und her zu rutschen; lesen aber werden es wohl nur die Verlierer selbst, um noch unglücklicher und trauriger und vor allem hoffnungsloser zu werden, als sie es bislang schon waren.
Aber der Reihe nach! Die Grundidee ist schlicht! Ein Schweizer Literaturwissenschaftler erfährt über die Boulevardmedien etwas über einen Gulag für unliebsame ostdeutsche Intellektuelle im Harz und geht der Sache nach. Über eine Reihe bestimmter Nachforschungen, Recherchen, Gespräche und Briefwechsel präzisiert sich das Projekt eines Roten Klosters, das ostdeutsche Intellektuelle mit Hilfe der staatlichen Organe und auch des Ministeriums für Staatssicherheit initiiert und tatsächlich über ein Jahr lang bis zur Wende ausgeführt haben. Die DDR-Wissenschaftler nutzten die selbst gewählte Isolation nach monastischen Kriterien, um ungestört von Partei, Staat, Stasi und Westmedien an bislang aus ideologischen Gründen nicht bearbeitbaren Themen zu feilen. Da geht es um die Verfolgungen des Stalinismus, um Dekadenzvorwürfe in der Kunst und schließlich um die unvollendete Demokratie. Der Herbst 1989 macht freilich diese Bemühungen gegenstandslos. Von den Protagonisten ist später nur noch einer auffindbar, zwei sterben, einer verschwindet spurlos. Die ganze Affäre hat auf die Nachforschenden unauslotbare Nachwirkungen der Emeritus verstirbt resigniert, weil er seine Hoffnungen auf eine neue Objektivität im nachideologischen Zeitalter nicht verwirklicht findet; seine Schülerin Christine Moser, die in der Hauptsache den Leser durch die überkommenen Manuskripte ihres Meisters führt, sitzt resigniert vor eben diesen Materialien und scheint unfähig, ein Werk (sei es eine Quellenedition oder eine Biographie) daraus zu gestalten. Sieht man nur auf den Inhalt des 250-Seitenbüchleins, wird ein intelligenter Leser mit ostdeutscher Vergangenheit und dem gewissen Alter resigniert und traurig und zuweilen bitter lächeln. Da steht man inmitten der Bücherhalde und es grimassiert das schöne Wort vom Leseland DDR wie ein Kobold alptraumhafter Märchen. Aber die Qualität liegt allein im Stofflichen nicht, auch wenn Mittenzwei natürlich kein Schriftsteller ist und deshalb im Grunde an formalen Aspekten des Erzählens scheitert. Der Autor bleibt Wissenschaftler, wo er den Künstler spielen will. Das Eco-Syndrom befällt wahrscheinlich jeden Geistigen einmal im Leben. Aber es gibt weitaus schlimmere Vergehen im Reiche des Geistes!
Die Fiktion eines Nachlasses ist so alt wie die neuere deutsche Literaturgeschichte selbst, die gewählte Perspektive aus der Sicht des Schweizer Germanisten Tobias Bitterli und seiner ehemaligen Assistentin sicher viel zu hanebüchen, als das hier der gewollte objektivere Blick von außen zu verwirklichen gewesen wäre. Die ganze ineinander verschachtelte Textkolportage von Tagebuchnotizen, Briefen, Kommentaren und Gesprächsmitschriften wäre im Grunde unnötig gewesen, hätte sich der Autor gleich für eine meines Erachtens ehrlichere monographische Darstellung seiner eigenen Gedanken zur Problematik entschieden. Er wollte aber hinter dem Text zurücktreten und im freien Spiel der künstlerischen Kräfte intensiver wirken. Ob ihm das angesichts der zu bemühten Textkomposition gelingt, darf zumindest bezweifelt werden.
Die Stärke dieses Buches liegt neben dem Zug zur historischen Wahrheit in den vorgeführten Personen und Charakteren. Verständlicherweise gelingen Mittenzwei die Ostdeutschen am Besten, während die beiden Schweizer eigentlich nur als Karikatur von Klischees und Fremdvorstellungen durchgehen können. Der über die Maßen gescheite und berühmte Ordinarius aus Zürich mit seinem untadeligen Ruf, seinen perfekten Manieren, seiner eleganten Erscheinung und seinen Vorbehalten ist ein Unsympath ersten Ranges und taugt eigentlich überhaupt nicht als Motor für diese ganze fein gesponnene Detektivgeschichte; seine spießige, engstirnige und tratschige Schülerin kann ihren Status als höhere Schweizer Bürgertochter an keiner Stelle verleugnen und man fragt sich, wie Mittenzwei als Mann und DDR-Bürger diese vernagelten Urteile und Einschätzungen jener Akademikerin in die Feder bekommen hat. So etwas kann man sich nicht ausdenken, das muss man a la Kraus Die letzten Tage der Menschheit erlebt haben! Da ist diese Schnepfe, die nur dem gesellschaftlichen Umbruch ihre C4-Professur, ihren germanistischen Lehrstuhl im Osten verdankt, doch tatsächlich pikiert und beleidigt, dass man ihr in einem Cafè ihren abgewickelten Vorgänger vorstellt, der nunmehr als Sprechstundenhilfe bei seiner Zahnarztgattin zu arbeiten gezwungen ist. Diese gediegene, betuliche, abwägende, ganz und gar vorsichtige und damit im Grunde lebensfremde Art und Weise des Denkens, Lernens, Lehrens und Urteilens der eidgenössischen Vorbild- und Gutmenschen ist für einen Leser wie mich nur schwer erträglich. Wie anders da die Verlierer! Da ist zum einen der unpolitische Jörg Bittmann aus Berlin, ein Wissenschaftler, der in seiner fröhlichen Naivität auf seine wissenschaftlichen Meriten vertraut und nie und nimmer auf den Gedanken kommt, dass nach seiner Entlassung aus der Akadmie keine Universität der Welt ihn mehr aufnehmen würde und der eben diese Blauäugigkeit mit seinem Leben bezahlt. Von den wirklich im Buch präsenten Figuren sind freilich nicht immer die redseligsten die interessantesten. Norbert Querfeld, der so vieles enthüllt, bleibt eben wegen seines ideologischen Engagements blass, die von ihm aufgewühlten Biogramme von Heinrich Steinschreiber (Historiker und Bibliograph) und Götz Wurlitzer (Kulturbürokrat) die beiden Urheber des Klosterplanes - sind da deutlich wegweisender für die Intention des Buches. Und auch drei der vier roten Mönche sind von ihrer Charakterisierung und Funktion im Werkganzen her weniger konturiert, auch wenn einer von ihnen Neidhart Wipprecht zum Ende hin die eigentliche Geschichte des roten Klosters recht langwierig und weitschweifig offenbart. Der vierte aber Magnus Leppin der schillernd und ambivalent und kaum greifbar oder fasslich das ganze Buch als roter Faden durchzieht ist eine absonderliche Gestalt, dämonisch und doch real, der Vorantreiber und Motivator, der streitbare Wissenschaftler mit dem Mut zum Widerspruch gegen sich selbst und andere, der von den Sicherheitsorganen überwachte, weil hoch gefährliche Intellektuelle mit wirren und genialen Plänen, der Opportunist und Streiter, der Quälgeist seines eigenen Denkens, der Prophet und Knastbruder, der Heilige und Sünder, der Mann, der schon in den 50er Jahren durch skurrile und mit zehn Jahren Haft bezahlte Aktionen einen Rest des Sozialismus retten wollte, den er nun im Herbst 89 gänzlich von der weltgeschichtlichen Bühne verschwinden sah und der sich deshalb selbst in Goethescher Manier am mythischen Schauplatz ins Nichts auflöst, sang- und klanglos verschwindet, unsichtbar wird inmitten des unerträglich Sichtbaren. Leppin ist die künstlerisch gelungenste Figur, obwohl sie selbst gar nicht auftritt und von den eloquenten Darstellern ist Bernd Fahrenheit der Lebensgefährte der Freundin der Assistentin des Schweizer Professors :) derjenige, der seine historischen Urteile über das Ende der DDR und ihrer Intellektuellen am Fasslichsten und Plastischsten in Worte meißelt. Wenn Leppin der emotional-kreative Prophet des Untergangs ist, so Fahrenheit der emotional-rezeptive Analytiker desselben.
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