Doktor Faustus, 8 Audio-CDs | Thomas Mann
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Doktor Faustus, 8 Audio-CDs
Thomas Mann
Dhv der Hörverlag
, 2007
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Kauftipp
Thomas Manns Alterswerk
Der vierte der großen Romane Thomas Manns (neben Buddenbrooks, Zauberberg und Joseph) ist gleichzeitig sein düsterster und sein am schwersten verständlicher. Doch es lohnt sich, die Mühe auf sich zu nehmen, die vor allem die ersten 200 Seiten bereiten, denn in seiner Gesamtheit betrachtet handelt es sich hier um einen der großartigsten Romane der Weltliteratur. Der mythisch-heitere Ton der Joseph-Romane (neben Goethes Faust das wohl ambitionierteste und in seiner Genialität unübertroffene Werk deutscher Literatur) weicht dem unheilschwangeren schweren Ton, der die deutsche Geistesgeschichte analysiert und eine Kontinuität von Luther bis zu Hitler konstruiert. Adrian Leverkühn, der geniale Komponist, der sich seine Schaffenskraft mit dem Wahnsinn erkauft, stellt einen "Akkord" (Gunilla Bergsten) dar, bestehend aus Personen der Geistes- und Literaturgeschichte, von Christus über Faust bis zu Nietzsche. An seiner Lebensgeschichte wird der Niedergang Deutschland bis zum Untergang 1945, der nicht nur dem Nationalsozialismus ein Ende machte, sondern auch der bürgerlichen Welt, exemplifiziert. Ob Leverkühns Charaktereigenschaften - hohe Intelligenz, extreme soziale Kälte, Menschenscheu und ein Hang zur Selbstinszenierung - für den typischen Deutschen stehen können, der den Pakt mit dem Teufel (also mit Hitler) schloss, ist diskutabel.
Die vielfach kritisierte Sprache des Romans zeigt sich hier als Stilmittel, das Thomas Mann bewusst einsetzt: Hier redet der Biograph Serenus Zeitblom, ein braver Gymnasiallehrer, sehr gebildet, aber eben doch beschränkt. Zeitblom ist ein bemühter, mitunter jedoch nicht allzu zuverlässiger Zeuge. Welche Kluft zwischen ihm und seinem Freund Leverkühn besteht, zeigt sich darin, dass die besten Kapitel des Romans - neben den beiden Echo-Kapiteln - diejenigen sind, in denen Leverkühn selbst zu Wort kommt: Die Briefe aus Leipzig, das (imaginierte?) Teufelsgespräch und Leverkühns Abschiedsrede, der "Oratio Fausti ad studiosos" aus der "Historia" von 1587 nachempfunden.
Ein Wort zu den musikologischen Passagen. Sie sind für einen Laien mitunter schwer lesbar, doch es zeigt sich schnell, dass es für das Verständnis dieser Passagen nicht auf Detailkenntnis ankommt, sondern auf das Künstlerbild, das ausgebreitet wird: Das des genialen Künstlers, der seine Genialität mit seiner Gesundheit bezahlen muss. Als Beispiel dient im Roman Beethoven. Leverkühns Konzept ist das der gebundenen Freiheit, der man die Gebundenheit nicht mehr anmerkt, eine Freiheit aus Gebundenheit. Erreicht werden soll das durch die Verbindung von Mathematik und Magie (sprich: irrationale Genialität), augenfällig gemacht durch das "Magische Quadrat" aus dem Kupferstich "Melencholia I" Albrecht Dürers. Leverkühns letzte Komposition, "Dr. Fausti Weheklag" ist die Erfüllung dieses Modells, ein rundum negatives Werk der Klage, der 9. Sinfonie Beethovens gegenübergestellt. Der letzte ambivalente Ton, der leise verhallt, gemahnt an den ambivalenten Schluss der "Götterdämmerung" Wagners. So ist auch dieser düstere Roman mit seiner Verschränkung vom Ende der Kunst als dem Ende der Menschheit, das sich im totalen Zusammenbruch Deutschlands zeigt, ambivalent, es besteht die Hoffnung auf eine neue Kunst und ein besseres Deutschland. Diese Hoffnung hat sich im zweiten Punkt erfüllt, was den ersten Punkt angeht, steht Thomas Mann in der deutschen Literatur nach Goethe - neben Fontane - ziemlich allein.
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Beklemmend und unterhaltsam zugleich
Ich habe mich im Zuge eines Hauptseminars fast ein dreiviertel Jahr sowohl mit dem Roman selbst als auch mit diesem Hörspiel praktisch täglich auseinandergesetzt. Die schlechten Rezensionen zu diesem Produkt kann ich nach dieser intensiven Rezeption überhaupt nicht nachvollziehen. Die Kürzungen finde ich insgesamt sehr sinnvoll, die wesentlichen Sujets des Romans kommen noch immer voll zum tragen. Auch die Musik trägt wesentlich dazu bei, dass aus diesem Mammutwerk kein Langweiler geworden ist: Mal pompös, mal albern, mal subtil und finster, die mannigfaltigen Stimmungen des Romans werden gekonnt konterkariert. Nein, es ist keine Zwölftonmusik und kein Mahler was dargeboten wird, auch ist der Musikteppich häufig noch nichteinmal besonders anspruchvoll oder komplex. Ich verstehe ihn eher als einen modernen, leicht skurrilen Soundtrack zu diesem "Hörfilm", der seine Funktion, nämlich die Inhalte zu untermalen, vollends erfüllt.
Die opulente Sprecherriege ist ebenfalls superb! Vor allem Adrians Sprecher fährt eine beeindruckende Bandbreite schauspielerischen Könnens auf. Als sehr gelungen empfinde ich auch Zeitbloms Sprecher: Leicht verstockt, mit einem Hauch von schwulem Touch in der Stimme, ist er sogar relativ nahe bei Thomas Manns eigenem Sprachduktus.
Weil hier Gert Westphals Lesung erwähnt wurde: Im Vergleich zu dieser Fassung wirkt (der zweifellos brilliante) Westphal mit seiner monolithischen Mammutlesung, frei von jeder Musik und Spannnungsbögen, wirklich wie ein verstaubtes Fossil von vor dem Kriege.
Wie bereits erwähnt wurde, soll derjenige, der dem Buch in die Tiefe folgen will, ohnehin zum Volltext greifen. Aber warum nicht beides ergänzen? Ich empfehle dieses Hörspiel uneingeschränkt, man hat über Monate sein Vergnügen damit!
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Doktor Faustus. In Stücke gerissen.
Über das Gesamtwerk Thomas Manns soll es über 20 000 fachwissenschaftliche Veröffentlichungen geben. Eine erkleckliche Anzahl beschäftigt sich mit
Doktor
Faustus
. Es ist hier nicht der Ort, diesen eine weitere hinzu zu fügen.
Es geht ausschließlich um die Bewertung der Umsetzung dieses Großromans in eine Hörbuchfassung (10 Audio-
CDs
je 80 Min., der hörverlag, München).
Zwei wesentliche Gruppen von Hörern sind zu unterscheiden:
1. Leser, die sich mit dem Originalroman bereits vertieft auseinandergesetzt haben.
2. Hörer, die sich über eine zwangsweise verkürzte Fassung ein erstes Bild von diesem epochalen Roman machen wollen.
Es ließe sich trefflich streiten, ob die Auswahl der Romansequenzen wirklich gelungen ist. Selbst der Leser, der die Vielschichtigkeit des Textes kennt, findet in dieser Fassung nicht immer gleich den rechten Faden. Dem nicht vorbelasteten Hörer wird dies noch schwerer fallen.
Vorteilhaft gegenüber reiner Vorlesung ist die hörspielartige Umsetzung. Sie lässt Passagen mit Zwiegesprächen oder Gesprächsrunden auch durch folienhafte Hinterlegung mit zurückhaltenden Umgebungsgeräuschen plastischer werden. Auch können die typisch Mannschen Montage- und Perspektiv-Techniken hörbar und der Kolportageansatz der Erzählerfigur Zeitblom deutlicher gemacht werden.
Die Auswahl der vielen nötigen Stimmen ist leider nicht so differenziert, dass die handelnden Figuren nach Hörpausen anhand ihrer charakteristischen Stimmlage sofort wieder identifizierbar sind.
Das Spiel, denselben Sprecher häufig von der rechten auf die linke Box und zurück zu schalten, verwirrt. Das ist nicht Sinn einer Stereofunktion, springt man doch während eines Gesprächs nicht wirklich ständig von einer in die andere Ecke eines Raumes. Hier wird Dynamik suggeriert, wo sie fehl am Platz ist.
Das größte Problem sind die Musikeinspielungen. Natürlich haben sie in einem Roman über den Musiker Adrian Leverkühn eine zentrale Bedeutung. Sie dienen einerseits der emotionalen Klammerung in einer stark gekürzten Fassung andererseits der Illustration von Stimmungen, Szenen, Handlungssträngen. Musik hat in diesem Roman immer auch literarische Funktion, geht es auch um den Übergang von der Spätromantik in die Moderne, von z.B. Beethoven zur Zwölftontechnik Arnold Schönbergs. Th. Mann bedient sich einer Leitmotivtechnik.
Der Komponist des Hörbuches schafft aber eine absolute Musik, die in weiten Teilen einen Gegensatz zum Text herstellt. Wirklich störend wirkt besonders ihre Dominanz und Aggressivität durch Lautstärke, wenn sie zwischen die Szenen regelrecht hineinblafft und aus der Konzentration auf das Hörerlebnis der Stimmen aufschreckt. Für den mit dem Roman Vertrauten wird das phasenweise zum Ärgernis.
Es bleibt die grundsätzliche Frage, ob es sinnvoll ist, ein so umfangreiches, komplexes, auch wissenschaftlich so differenziert interpretiertes Kunstwerk in ein zusammengeschnittenes Hörbuch zu pressen.
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"Was dich erhöht, was dein Gefühl von Kraft und Macht und Herrschaft vermehrt, zum Teufel, das ist die Wahrheit" (325f.).
"
Doktor
Faustus
" erzählt die Geschichte eines Paktes, eines Paktes zwischen dem genial veranlagten Komponisten Adrian Leverkühn und dem Teufel, der es ihm erlaubt, im quasi orgiastischen Zustand ein Meisterwerk nach dem anderen zu kreieren. Der zu zahlende Preis ist hoch: "Du darfst nicht lieben" (334). Erzähler des Romans ist der Humanist und Freund Leverkühns seit Kindestagen Serenus Zeitblom, ein bodenständiger Lehrer der Altphilologie. Doch Zeitblom thematisiert nicht nur die Tragödie seines Freundes zwischen den Jahren 1885 und 1940, sondern ebenso die Tragödie seiner Zeit, der Zeit der Niederschrift seines Berichts, welche am 23.5.1943 beginnt. In Einschüben kommentiert Zeitblom die zeitpolitische Situation und ergeht sich in düsteren Vorahnungen: "Es ist aus mit Deutschland, wird aus mit ihm sein, ein unnennbarer Zusammenbruch, ökonomisch, politisch, moralisch und geistig, kurz allumfassend, zeichnet sich ab, - ich will es nicht gewünscht haben, was droht, denn es ist die Verzweiflung, ist der Wahnsinn" (234).
Ist der Roman schlussendlich nur eine Metapher? Steht Leverkühn, das künstlich-geistige Genie, stellvertretend für das deutsche Volk, welches sich, gelockt durch das Versprechen von Größe und Ruhm, dem Satan aus Braunau am Inn anvertraut hat? Der Text bietet hierfür einige Anhaltspunkte, so zum Beispiel Leverkühns Bericht über seine erste Begegnung mit einer Dienerin des Teufels in Gestalt einer Prostituierten, den Zeitblom, sofern wir seinen Worten glauben schenken dürfen, nach dem Tod Leverkühns in dessen Nachlass vorfand: "Neben mir stellt sich dabei eine Bräunliche [...] Esmeralda, die streichelt mir mit dem Arm die Wange" (192). Die Betonung liegt hier wohl auf "Bräunliche".
Brillanter Höhepunkt des Romans ist Leverkühns Gespräch mit dem Leibhaftigen höchstselbst, in dem der Pakt geschlossen wird, dem ein philosophisches Duell auf höchstem Niveau vorangeht. Auch diesen Teil seines Berichtes hat Zeitblom nach eigenen Angaben dem Nachlass des Freundes entnommen. Zunächst die Existenz seines diabolischen Gegenübers leugnend, kontert dieser: "Du siehst mich, also bin ich dir. Lohnt es zu fragen, ob ich wirklich bin? Ist wirklich nicht, was wirkt, und Wahrheit nicht Erleben und Gefühl? Was dich erhöht, was dein Gefühl von Kraft und Macht und Herrschaft vermehrt, zum Teufel, das ist die Wahrheit" (325f.). Stärke und Macht gleich Wahrheit; dieses Credo hat auch der Bräunliche aus der österreichischen Provinz gepredigt.
Doch tut man dem Roman unrecht, würde man ihn nur auf diese Parallelen hin betrachten. Thomas Mann hat die deutsche Sprache auf ein Niveau gehoben, welches bis dato nie erreicht wurde und wohl auch nie mehr erreicht werden wird. Allein seine Darlegungen der Leverkühnschen Kompositionsart, angelehnt an die Zwölftonmusik Arnold Schönbergs, sind atemberaubend. Man hat zeitweise wirklich das Gefühl, die beschriebene Musik, das Ineinandergleiten der Töne, hören zu können.
Unerreicht bleibt auch Manns Fähigkeit, die Charaktere seiner Romane gleichsam nachfühlbar und miterlebbar zu charakterisieren, so dass beim Lesen greifbare Bilder in der Vorstellung des Lesers entstehen. Vorbildlich gelungen ist dies bei Nepomuk, Leverkühns von allen geliebter Neffe, "ein Elfenprinzchen" mit seiner "zierlichen Vollendung der kleinen Gestalt mit den schlanken, wohlgeformten Beinchen; der unbeschreibliche Liebreiz des länglich ausladenden, von blondem Haar in unschuldiger Wirrnis bedecktem Köpfchens, dessen Gesichtszüge, so kindlich sie waren, etwas Ausgeprägt-Fertiges und Gütiges hatten, sogar der unsäglich holde und reine, zugleich tiefe und neckische Aufschlag der langbewimperten Augen von klarstem Blau" (608f.). So zum Leben erweckt, ergreift das tragische Schicksal des Kindes, welches Zeitblom vom ersten Kapitel an andeutet, umso mehr.
Und am Ende der Aufzeichnungen, mehr als fünf Jahre nach dem Tod Leverkühns, steht auch das Ende all dessen, wofür unser humanistischer Bildungsbürger in seinem Leben gestanden hat. Nicht so sehr der Zusammenbruch des Nazi-Regimes, welchen er eher begrüßt, sondern der absolute moralische Ruin, der für immer mit der deutschen Nation verbunden bleiben wird: "Man nenne es finstere Möglichkeiten der Menschennatur überhaupt, die hier zu Tage kommen, - deutsche Menschen, Zehntausende, Hunderttausende, sind es nun einmal, die verübt haben, wovor die Menschheit schaudert, und was nur immer auf deutsch gelebt hat, steht da als ein Abscheu und als Beispiel des Bösen" (635).
Fazit: Roman und Zeitdokument. Thomas Mann schrieb "Doktor Faustus" im amerikanischen Exil zwischen den Jahren 1943 und 1947. Ergebnis war und ist nichts weniger als ein Meisterwerk der deutschen Literatur.
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