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  Stille in Montparnasse | Ariel Denis
 
 
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Stille in Montparnasse
Ariel Denis

RH Audio, 2007

Kundenbewertung:(6 Bewertungen)
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Erstaunlich, wie schön man über Musik schreiben kann

In dem schmalen Buch von nur 140 Seiten schreibt ein Professor für Kulturwissenschaften aus Paris, einen grimmigen Zornesbericht und eine ebenso leidenschaftliche Liebeserklärung. Missmutig nimmt er den alltäglichen Krach, die allseits nervende Geräuschkulisse um uns herum zur Kenntnis und hält ein fanatisches Plädoyer für stille und damit bessere Musik.

Auf seinen Wanderungen durch Montparnasse begegnen diesem, Musik liebenden Menschen, begeisterten Liebhaber klassischer Musik und ständigen Konzertbesucher, laufend Menschen mit Rollschuhen und Stöpseln im Ohr, Jogger mit Billigkopfhörern, die sich von abscheulicher Musik berauschen lassen. Und egal wo hin er kommt, überall hört er neben täglichem Lärm unterschiedlichster Art, Hintergrundmusik in Kaufhäuser, Supermärkte, Flughäfen, Restaurants, Autos, usw. Seine Gedanken gehen da wehmütig an seinen Schweizer Freund Markus Berger, einem Pianisten, der den großen Schmerz um den Verlust kultureller Schätze dieser Welt mit ihm teilt. Mit ihm kann er die wahre Musik, wie sie auch der deutsche Bariton Hermann Prey zu interpretieren verstand, unter anderem bei seinen Konzertbesuchen in New York genießen.

Wir, die wir heute von den unterschiedlichsten Lärmquellen traktiert werden, haben eigentlich völlig verlernt was Stille ist. Und wenn wir diesen Lärm in der Welt nicht verschwinden lassen, dann werden wir nie mehr richtig Musik hören können, weil in unserm Kopf die Aufnahmebereitschaft nicht mehr vorhanden ist.

Diesem grandiosen Buch liegt eine kleine CD mit drei Liedern von Robert Prey bei.




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Mein Freund Markus Berger geht mir auf den Sack

Wenn ich auch den Musikgeschmack des Autors weithin teile -- außer seine Schnulzen-Macke: fünfziger-Jahre-Schmalz von Heino Gaze und Fritz Schulz-Reichel -- und auch bei seinem Abscheu vor "modernem" Lärm mitleide, so geht mir seine literarische (?) Macke des ständig wiederholten "sagte ich zu meinem Freund Markus Berger in der Brasserie L'Orfeo" ganz schön auf die Nerven. So ab Seite 80 (von etwa 140 Seiten) hatte ich die Nase voll von dem ständig wiederholten Quatsch mit "meinem Freund Markus Berger", und die restlichen etwa 60 Seiten hab ich dann nur noch widerwillig gelesen; dass der "Freund Markus Berger" dann irgendwann nicht mehr im L'Orfeo sondern in einem Restaurant am Time Square auftaucht, rettete da nix mehr.
Vieles ist schön und richtig und nett - und manchmal sogar deutlich - gesagt, vor allem über moderne Musik und Kunst. Nur, wie soll man einem mit vollem Herzen gegen die von ihm andauernd angeprangerte "Diskothekenmusik" glauben oder mitleiden oder zustimmen, wenn er selbst immer wieder einen etwas kitschigen Musikgeschmack vorführt: Kaffeehaus-Schlager wie das immer wieder zitierte Belanglose von z.B. Heino Gaze (!)
Oft hat er mehr als Recht (z.B. über deutsches Regietheater, pp. 62 und 72, und vieles mehr), doch dann kommen plötzlich belanglose Kalenderspruch-Weisheiten ("Musik ist die schönste der Künste", oder: "Ohne Musik ist das Leben nicht lebenswert", o.s.ä) oder gar Irrtümer ("ein nahezu unbekannter Film von Louis Malle" wäre "Mein Essen mit Andre". Wie? Was? Unbekannt??? na na! ... Oder die angeblich "unzähligen Rillen" einer LP, wo man doch inzwischen durch zig Quizsendungen belehrt wurde, dass eine LP nur zwei Rillen hat: nämlich auf jeder Seite eine :-)

Ein schönes Buch, das vielleicht ein besserer Lektor gerettet hätte? Ach, man weiß so wenig...



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Anachronistischer Kulturprotzroman, ganz gut zu lesen

Das Buch ist gut geschrieben, die Sprache lädt zum Lesen ein.
Was man liest, ist zum großen Teil witzig und interessant. Lobeshymnen auf Hermann Prey über viele Seiten; aber auch seitenweise rohe Beschimpfung von Walkmännern und Hintergrundmusik und fast allen Zeitgenossen, die nicht ganz genau so distinguiert und geschmackssicher sind wie der Autor (naja, da ist wohl schon auch Ironie mit im Spiel).

Ich habe das Buch auch wegen dieser Ausfälligkeiten und wegen der unverhohlenen Arroganz, die es ausstrahlt, gerne gelesen. Das ist doch mal was anderes. Freilich: manchmal ballt sich die Faust in der Tasche. Aber man muss sich das vorstellen: da landet jemand mit dem geistigen Hintergrund des neunzehnten Jahrhunderts mitten in unserer Zeit. Das muss ja weh tun.


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Das Bildungsbürgertum schlägt zurück

Ein Mann geht durch Paris, oder er sitzt nach einem Konzert in einer Brasserie mit seinem Freund Markus Berger und sinnt unverschämt elitär darüber nach, welche Kunst - insbesondere welche Musik - gut und welche schlecht ist. Er nutzt die Gelegenheit zu einem Rundumschlag gegen die moderne Massenkultur.
Das wars dann auch schon an Handlung: bissige Ironie oder hasserfülltes Wüten allerorten und stets eine einhellige Meinung zwischen Markus Berger und dem Ich-Erzähler, meistens "gleichzeitig" und "aus einem Mund", als wäre Berger nur die Abspaltung des Autors.
Dass es sich bei der "Stille in Montparnasse" nicht um einen Roman, sondern nur um einen "romanhaften Bericht" oder einen "Romanbericht" handelt, darauf bereitet der Autor fairerweise vor (und erwähnt es enervierend oft). Und doch kommt man nicht umhin zu bemängeln, dass der Text nicht einmal das ist, dass er nicht mehr ist als eine aufgeplusterte Kurzgeschichte, und selbst diese ohne rechten Inhalt; ein Text, der gut mit der Hälfte der Seiten auskommen und dann wohl seine Existenzberechtigung als eigenständiges Buch einbüßen würde. Kurz ist in, unsere Zeit ist schnelllebig, das ist eines der Dinge, die der Autor Ariel Denis ankreidet, und deshalb lesen sich solche Minibücher schnell zwischendurch weg, doch hier wird arg gemogelt. Zum einen ist der Bericht, wie gesagt, nichts als ein Pamphlet für das Elitäre, eine schriftgewordene Hasstirade wider den schlechten Geschmack. Oder was der Autor - ironisch oder nicht - für schlecht hält. Apropo: dass der Ich-Erzähler ausgerechnet die Schlager-Interpretationen Hermann Preys verehrt, erdet wieder ein wenig.
Am meisten stört aber die Form. Der Autor gibt sich ausgesprochen belesen, altes aussterbendes Bildungsbürgertum. Er zitiert die (meist deutschsprachigen) Geistesgrößen des abgelaufenen Jahrhunderts, doch einer fehlt wohlweislich: Thomas Bernhard. Denn den kopiert Denis ziemlich schamlos. Doch was bei Bernhard humorvoll ist und seine Geschichten gleichsam vorantreibt, wird bei Denis erst ermüdend und dann ein Ärgernis: die permanente und penetrante Wiederholung. Und was dem einen sein "naturgemäß", ist dem anderen das Wort "Diskothekenmusiken".
Markus Berger schlug einst eine vielversprechende Musikerkarriere aus, weil er spürte, dass er nie Primus Inter Pares werden würde (da gab es schon Fischer-Dieskau und Prey, immer wieder Hermann Prey). Zufall oder nicht, dass Thomas Bernhard eben dieses Thema in seinem grandiosen "Untergeher" behandelt hat - dort ist Glenn Gould der unerreichbare Gott. Der Primus Inter Pares im literarischen Bereich ist hier eindeutig Bernhard, und hätte sich Denis an seinem Helden Berger ein Vorbild genommen, hätte er sich - Ironie hin oder her - das Schreiben seines Romanberichts noch einmal überlegt. So hat er uns eine leidlich unterhaltsame Geschichte oder eher eine essayistische Fingerübung beschert.


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Neue Klänge aus Paris

Dieser kleine Roman ist schlicht genial! Er handelt nicht nur von Musik, wie Elke Heidenreich in ihrer begeisterten Empfehlung anmerkte, er IST Musik. Allein schon das Einführungskapitel: zunächst das berühmte Nietzsche-Zitat "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum", gefolgt von einem einzigen Satz über acht Seiten, der fulminanten Ouvertüre wie aus einer Wagner-Oper. Das Motiv, das sich durch das ganz Buch durchziehen wird, wird intoniert - ein aberwitziges Drängen im Taumel zwischen amokartiger Verzweiflung und himmelhoch jauchzender Glückseligkeit, bei der die Worte und Wortschöpfungen (in phantastisch-akrobatischer Übersetzung) schwirren und fegen wie die Klänge einer Penderecki-Sinfonie - und plötzlich: Ruhe, Stille, nichts... endlich die herbeigesehnte Erlösung aus dem unerträglichen Weltenkrawall.

Aber nein, bitte nicht zu ernst nehmen. Ariel Denis ist ein Meister des Augenzwinkerns, ein scharfsinniger Schelm mit einer gesunden Portion Anarchismus. So gerät er ins Schwärmen, wenn von seinem Idol, dem ganz großen Bariton, Opern- und Liedersänger die Rede ist, nein, nicht von Fischer-Dieskau, wie es musikalisch korrekt wäre, sondern ausgerechnet von Hermann Prey, diesem Hallodri, der sich auf den Brettern von Bayreuth genauso zuhause fühlte wie in so mancher Tanzkapelle. Auch hier schimmert ein Funken Anarchie durch, eine Mischung aus wahrer Liebe (die darf man A. Denis gewiss abnehmen) und der Lust an querköpfiger Provokation. Aber, hat man sich auf das Buch und seinen Kosmos eingelassen, lauscht man Prey mit anderen Ohren. Kann man ein Lächeln in der Stimme hören? Ja, tatsächlich, "Im Café de la Paix in Paris" (Mini-CD liegt bei). Übrigens, neben Hermann Prey, dem wahren Crooner, sind Elvis Presley und Frank Sinatra Prothesenwisperer.

Man darf gespannt sein auf das nächste Werk des Autors. Laut Biografie gäbe es auch an bereits Bestehendem noch einiges zu übersetzen.



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