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  Buch: Aufzeichnungen aus dem Kellerloch | Fjodor Dostojewski
 
 
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Aufzeichnungen aus dem Kellerloch
Fjodor Dostojewski

Anaconda, 2008 - 191 Seiten

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Häutungen

Eine Schlange überlebt nicht ohne Häutungen, bemerkte Nietzsche richtig. Dostojewski (F.D.) beginnt mit: "Ich bin ein kranker Mensch ... Ich bin ein bösartiger Mensch"; seine feinsinnige Erzählung aus dem tiefsten Inneren eines Menschen, der dann, als er bemerkt, dass "ordentliche Menschen mit dem allergrößten Vergnügen" über sich reden, auch er nun über sich reden möchte. Und in den Errungen- und Leidenschaften F.D. eingebettet ist nun auch dieser Mensch, der als "Sünder" von sich zu berichten weiß und sich eine Strafe aufbürdet, die vielleicht in einer Entäußerung des Selbst wie eine Häutung erfolgen muss, um letztendlich in sich selbst zu überleben, auch wenn er sein Übermaß an Bewusstsein als schwere Krankheit empfindet. Der geschärfte Blick auf "alles Herrliche und Erhabene" zwang ihn wie unter einer Last stehend nicht nur das Schlimmste als Antipode zu sehen, sondern es auch zu tun.

Die von F.D. herangezogene Metapher des Kristallpalastes (Gebäude der Londoner Weltausstellung 1851) dient der Darstellung der Übergröße einer äußeren Welt, die im Zuge des zunehmenden Kapitalismus kollektives Glück verheißen wird aber gleichzeitig die persönliche Freiheit durch die Zwänge der schon hier angezeigten globalen Kapitalwirtschaft einschränken wird. F.D. übernimmt die Verteidigung der persönlichen Freiheit gegenüber dem kollektiven und abhängigen Glück, das er als minderwertig festschreiben will, um letztendlich der Diktatur der Vernunft den Garaus zu machen.

Der Protagonist verharrt gegenüber der Utopie des Glücks in seiner schäbigen Petersburger Wohnung. Sowohl das Glück als kollektiver Nutzen eines fortschrittlichen Jahrhunderts noch das mögliche private Glück im zweiten Teil sind ihm wichtig. Er ist geblendet von seiner Vorstellung und interpretiert die äußere Welt gemäß seiner inneren Wirklichkeit und versäumt damit bewusst; bösartig im Handeln untermauert er seine Wirklichkeit, die dadurch vorbereitet, erst eintreten kann. Wahre Größe einer Moral entdeckt er erst in seiner durch eine Frau im Bordell gespiegelten Armseligkeit.

Es ist ein sehr tiefsinniges Werk; F.D. hat es geschrieben in einer Zeit, die den Umbruch durch die industrielle Revolution persönlich erfahrbar machte und die zu einer neuen Identifikation des eignen Ichs führen musste. Seine Ideale der Freiheit sind es immer wieder, die den Vergleich und den Kampf eingehen müssen mit den von außen einwirkenden Positionen der Gesellschaft. F.D seziert den Menschen wie kein anderer, ihn zu lesen, ist eine Bereicherung. Sich selbst nie zu verlieren, ist sein Credo, "ein selbstständiges Wollen, was diese Selbstständigkeit auch kosten und wohin sie auch führen möge."

Sehr empfehlenswert!


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