Der Antichrist: Fluch auf das Christentum | Friedrich Nietzsche
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Der Antichrist: Fluch auf das Christentum
Friedrich Nietzsche
Anaconda
, 2008 - 96 Seiten
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"Der Priester herrscht durch die Sünde"
"Ich verurteile das
Christentum
, ich erhebe gegen die christliche Kirche die fruchtbarste aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie ist mir die höchste aller denkbaren Korruptionen, sie hat den Willen zur letzten auch nur möglichen Korruption gehabt. Die christliche Kirche ließ nichts mit ihrem Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht. Man wage es noch, mir von ihren 'humanitären' Segnungen zu reden! Irgend einen Notstand abschaffen ging wider ihre tiefste Nützlichkeit, sie lebte von Notständen, sie schuf Notstände, um sich zu verewigen ..."
Dieses Zitat stammt aus dem letzten der 62 kurzen Kapitel. Schon im kurzen Vorwort schreibt Nietzsche, dass dieses Buch für eine Minderheit geschrieben ist und dass man es wohl zu späteren Zeiten besser verstehen würde. Man tut das hoffentlich heute, 120 Jahre nach Niederschrift.
Es ist kaum möglich, dieses Werk zu knapp zu würdigen: da ist die intensive Sprache, in der jeder Halbsatz ein Volltreffer, eine Punktlandung ist. Nitzsche bringt es fertig, nicht nur eine erbarmungslose, begründete Kirchenkritik zu verfassen, er findet auch Kritik an den großen deutschen Philosophen, besonders an Kant, die zu sehr Knechte der Theologie seien.
Er vergleicht Buddhismus mit Christentum, geht auf das Judentum ein und bringt eine interessante Interpretation von Jesus. Nitzsche stellt das Verhältnis der Kirche zur Wissenschaft dar - mit vielen Seitenhieben auf Paulus: "Der 'Glaube' als Imperativ ist das Veto gegen die Wissenschaft, - in praxi die Lüge um jeden Preis ... Paulus begriff, dass die Lüge - daß der 'Glaube' not tat; ...".
"Der Priester kennt nur eine große Gefahr: das ist die Wissenschaft, - der gesunde Begriff von Ursache und Wirkung. Aber die Wissenschaft gedeiht im ganzen nur unter glücklichen Verhältnissen, - man muß Zeit, man muß Geist überflüssig haben, um zu 'erkennen' ...'Folglich muß man den Menschen unglücklich machen', - dies war zu jeder Zeit die Logik des Priesters. - Man errät bereits, was, dieser Logik gemäß, damit erst in die Welt gekommen ist: - die 'Sünde'... Der Schuld- und Strafbegriff, die ganze 'sittliche Weltordnung' ist erfunden gegen die Wissenschaft, - gegen die Ablösung des Menschen vom Priester...; der Priester herrscht durch die Sünde."
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Sehr gehaltvoll!
Friedrich Nietzsche liefert mit seinem Spätwerk "Der
Antichrist
" eine sehr anschauliche und wahrhaftige Darstellung des sogenannten "
Christentum
s", das er in seinem Buch - zu Recht - klar in Frage stellt. Er liefert hiermit also eine berechtigte Kritik am Christentum, die er mit zahllosen herausragenden Argumenten zu begründen weiß. Ich kann das Buch nur jedem empfehlen, der sich ebenfalls als Freigeist fühlt oder bestrebt danach ist, ein solcher zu werden. Manchem mag der hohe Fremdwortanteil etwas kompliziert sein, aber das durch dieses Buch vermittelte Wissen wird in jedem Fall darüberhinwegtrösten.
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"Gegen den Priester hat man nicht Gründe, man hat das Zuchthaus" (Gesetz wider das Christenthum).
Zur Zeit rollt die Welle der sogenannten "new atheists" über Deutschland und den Rest der Welt. Der in Oxford lehrende Evolutionsbiologe Richard Dawkins ist der bekannteste Vertreter dieser Bewegung und sein neuestes Buch "Der Gotteswahn" (orig: "The God Delusion") ist diesen September auf Deutsch erschienen. Nur wenige Wochen später kam Christopher Hitchens "Der Herr ist kein Hirte" (orig: "Why God is not Great") auf den deutschen Buchmarkt. Beide Autoren rechnen in schärfster Polemik mit dem unkritischen Glauben an eine göttliche Instanz ab und ziehen sich so den Hass vieler Gläubigen zu. Und dennoch, gegen Friedrich Nietzsches Spätwerk "Der
Antichrist
" wirken Dawkins, Hitchens & Co eher harmlos. Was Nietzsche hier liefert, ist der brutalstmögliche nur denkbare Angriff auf das
Christentum
sowie dessen zersetzende Wirkung auf die Menschheit.
Was Nietzsche anprangert ist die Tendenz des Christentums, Schwäche und Demut zur Tugend zu erklären. Seine Wut richtet sich vor allem gegen die Primärtugend des Christentums, das Mitleid: "Die Schwachen und Missrathnen sollen zu Grunde gehen: erster Satz unsrer Menschenliebe. Und man soll ihnen auch noch dazu helfen. Was ist schädlicher als irgendein Laster? - Das Mitleiden der That mit allen Missrathnen und Schwachen - das Christentum..." (Abschnitt 2). Da die Nazis sich Nietzsches Rhetorik zu Eigen gemacht haben, benötigt sie heute einige erklärende Worte. Das "Schwache und Missrathne" bezieht sich bei Nietzsche niemals auf irgendwelche körperliche Eigenschaften oder ähnliches. Als schwach prangert Nietzsche die freiwillige Unterwerfung eines jeden Menschen unter ein göttlich legitimiertes Moralkonstrukt wie das des Christentums, zum Beispiel, an. Sich davon zu befreien, alle aufoktroyierten Werte abzulehnen und sich selbst seine Lebensmaximen zu schaffen, das bedeutet für Nietzsche Stärke. Diesen potentiellen Zustand eines jeden Menschen bezeichnet Nietzsche in "Also sprach Zarathustra" als den Übermenschen. Das Konstrukt des Göttlichen sei der Haupthinderungsgrund für den Menschen, den Zustand des Übermenschen zu erreichen, da Religion von Grund auf diesseitsverachtend sei: "Gott die Formel für jede Verleumdung des 'Diesseits', für jede Lüge vom 'Jenseits'! In Gott das Nichts vergöttlicht, der Wille zum Nichts heilig gesprochen!" (Abschnitt 18) Religion also als der Wille zum Nichts. Demgegenüber steht Nietzsches Wille zur Macht, der nichts anderes ist als der Wille zum Übermenschen.
Und so geht es munter weiter: "Das Christenthum ist ein Aufstand aller Am-Boden-Kriechenden gegen das, was Höhe hat" (Abschnitt 43). "Der Christ, diese ultima ratio der Lüge" (Abschnitt 44). An anderer Stelle wird das Christentum als "Gehirn-Dressur" (Abschnitt 59) bezeichnet, um im letzten Abschnitt zu bilanzieren: "Ich heisse es den Einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit" (Abschnitt 62). Jede mögliche Beleidigung, die man sich nur denken kann, findet sich an irgendeiner Stelle in "Der Antichrist". Für jeden, der political correctness sowieso für überschätzt hält, ist das genau das Richtige. "Der Antichrist" ist im höchsten Maße unterhaltsam, politisch unkorrekt und trifft abseits aller Polemik genau den Punkt. Alle Religion basieren auf dem Grundsatz der bedingungslosen Akzeptanz bestimmter Wert- und Moralmaßstäbe. Kritisches Denken wird in sämtlichen Schriften der monotheistischen Religionen als Gefahr diskreditiert. Darin lag damals und darin liegt heute eines der Hauptprobleme der Menschheit.
Fazit: Hart, polemisch, gnadenlos. Da die Nazis Nietzsches Terminologie für ihre Zwecke missbraucht haben, ist es unbedingt erforderlich Begriffe wie den "Übermenschen" oder das "Schwache und Missrathne" zu erklären und im Kontext zu verstehen. Ist das geschehen, ist es leicht nachzuvollziehen, warum Nietzsche bis heute einer der faszinierendsten und aktuellsten Philosophie geblieben ist.
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Präludium zum Zarathustra
Es gibt wenige Werke, die die Jahrhunderte überdauern, aber Nietzsches Zarathustra gehört dazu und "Der
Antichrist
" ist ein verständliches Präludium dazu. Hier sagt Nietzsche offen, was im Zarathustra dann später nicht ganz so klar, teilweise in lyrischen Metaphern und Gleichnissen versteckt, rübergebracht wird. Der Antichrist ist die Urschrift ins Unreine, der Entwurf, der Zarathustra dagegen die in Kunst erhobene Ausführung. Die Sprache im Antichrist ist Gelehrtendeutsch, die im Zarathustra ist Dichtung, ist Kunst. Nietzsche ist nämlich nicht nur Philosoph, er ist auch ein ganz großer Lyriker, ein Dichter von hohem Format. Und - er ist der Dichter der Umwertung aller Werte. So stellt er alles in Frage, was abendländisches Denken bisher bedeutete, reformiert die angelesene Moral, zerschlägt die alten Tafeln, propagiert Gottes Tod und setzt allein den Menschen als verantwortliche Instanz ein. Wir können unser Handeln nicht mehr einem Gott delegieren, wir müssen selbstverantwortlich handeln, für unser Tun einstehen, Selbstbewusstsein lernen, Verantwortung übernehmen, selbst haftbar werden, den Griffel, den die Bibel schrieb endlich selbst in die Hand nehmen, uns nicht mehr ducken, uns nicht mehr unterordnen einem Willen, sondern selbst zum Willen werden, selbst unser Schicksal steuern, selbst zu Göttern werden.
Aber bis dahin ist ein weiter weg. Der Übermensch ist kein Mensch, der sich über die Dinge oder über die Menschen stellt, wie es von späteren Machthabern vereinnahmt wurde, sondern ein Mensch, der über die Brücke ging zu sich selbst. So gibt es auch in Nietzsches Buch den Übermenschen noch nicht, aber wir sind alle ein Weg zum Übermenschen. Wir sind ein Übergang. Das Menschsein ist Entwicklungsgeschichtlich ein Übergang. Laut Nietzsche sind wir immer noch ein Mischung aus Mensch und Affe und erst auf dem Weg zum wahren Menschsein. Der Mensch ist laut Nietsche noch gar nicht Mensch, sondern erst auf dem Weg dorthin, zum Menschsein. Und dieses wirkliche Menschsein ist sein Übermensch.
Und dazu müssen wir wieder Kind werden, müssen an den Ursprüngen anfangen. Das Bild des Kamels trägt die ganze Last des überkommenen Daseins. Das Kamel muss zum Löwen werden, muss mit Kraft einreißen, was Überlieferungen in uns anrichteten, um zum unschuldigen Kind zu werden. Der Zarathustra ist wirklich schwer zu verstehen, wenn man die Bilder nicht auf sich wirken lässt, bis sie einen Sinn entfalten. Aber die Bibel ist ja auch nicht besser in dieser Beziehung. Nietzsche hat eine neue Bibel entworfen, eine der Freiheit von Gott.
Man kann Nietzsche natürlich einen genialen Spinner nennen, aber wie bei so vielen Werken darf man seinen Lebenslauf nicht außer Acht lassen: Nietzsche hat sich früh ein Syphilis zugezogen und wusste, dass er todgeweiht war. Vielleicht deshalb sein Hadern mit Gott? Manisch schrieb er alles auf, was ihm durch den Kopf ging. Vieles, was er schrieb, bezog sich also auch auf seinen persönlichen Zustand und sein Verhältnis zum Leben. Vieles, was verallgemeinert wurde, trifft nur auf ihn selbst zu und vieles, was nur auf ihn selbst zutrifft, wurde verallgemeinert.
Sein Leben war ein Verstecken. Er versteckte sich und seine Krankheit. Ein gutes Beispiel dafür ist sein Schnauzer. Die Syphilis zeigt sich zuerst an den Geschlechtsorganen, aber auch im Mund und an den Lippen. Deshalb ließ er sich den Oberlippenbart über die Lippen wachsen und hatte immer einen kleinen Spiegel dabei, um zu kontrollieren, ob die verräterischen Lippenpusteln auch ja nicht zu sehen sind.
Nietzsche starb in geistiger Umnachtung und unter der Diagnose "Wahnsinn". Das Werk dieses genialen Verrückten lebt weiter. Und es hatte Auswirkungen, denn leben nicht Genie und Wahnsinn oft nah beieinander? Sind wir nicht alle ein Bisschen Nietzsche?
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"Todfeindschafts-Form gegen die Realität"
Unübertroffen, so schreibt Nitzsche sei diese Todfeindschaft gegen alle Realität und man meint mitunter, er übertreibe. Dann wieder ist man ganz und gar mit ihm einig, auch wenn man im Grunde heute und jetzt als gestandener Mensch vielleicht einiges schätzt an der christlichen Religion und sich vielleicht wundert, daß doch alles sich derart entwickelt hat bis heute (einschließlich aller Scheußlichkeiten). Obwohl, und da ist man auch schon mittendrin, eigentlich ist das, was unerträglich ist, doch auch mit dieser Religion gewachsen. Das sollten diejenigen sich zu Gemüte führen, die heute noch meinen, diese oder eigentlich jede andere Religion auch bringe das Heil, vor allem deren absolute Sicherheit oder sogenannte Dogmen.
Genug damit. Wir schätzen die Kultur, die frühzeitig errichteten Universitäten, Neoplatonismus, Didaktik, Entwicklung der Musik über die Kirchentonarten hin zur Moderne, Chorgesang, Liturgie, vielleicht auch Dichtung usf. Gebäude, die der Religion dienen, Moscheen, Dome, Synagogen, Tempel jeglicher Art erfordern unsere Achtung, ausgenommen diese neuartigen, der Vermarktung dienenden unerträglichen - ausnehmend der westlichen Zivilisation entstammenden fundamentalen Neureligionen- (ist das nicht erneut der Beweis für eine grenzenlose Idiotie?).
Aber wir verachten alles, was gegen unsere Vernunft ist und wir verstehen nach der Lesung dieses Büchleins von Nietzsche etwas besser, warum sich gerade Judentum und
Christentum
derart bekämpften und noch heute sich nicht unbedingt unbefleckt gegenüberstehen.
Es ist halt doch so, daß philosophische, gedankliche Erzeugnisse in der Form von Religion eben das sind, was sie sind, geistige Ergüsse. Und die können (das wissen wir auch vom Autor Nietzsche selbst) mal so sein oder so, mal erheiternd und aufbauend, mal etwas krankhaft und abbauend, mal aber auch echt gefährlich.
Man fragt sich, wann endlich eine aufarbeitende und ehrliche Antwort auf alle anstehenden Fragen in bezug auf Religion (vor allem der christlichen) von offizieller Seite kommen wird, Zeit ist es längst und sie wartet wohl nicht mehr lange.
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