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  Fräulein Else. Leutnant Gustl | Arthur Schnitzler
 
 
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Fräulein Else. Leutnant Gustl
Arthur Schnitzler

Anaconda, 2007 - 128 Seiten

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Was gibt es Besseres beim Lesen, als einer literarischen Figur ganz nah zu sein? In ihre Haut zu schlüpfen, sie ganz und gar zu verstehen; das denken, was sie denkt, das fühlen, was sie fühlt. Eins werden mit der Person.

Arthur Schnitzler war einer der ersten, denen mit der Technik des inneren Monologs genau dies gelang. Zuerst in Leutnant Gustl 1900, dann in Fräulein Else 1924. Zwei sehr unterschiedliche Figuren werden hier dargestellt, mit zwei völlig verschiedenen Lebens- und Gefühlswelten. Der junge Offizier, der von einem nicht satisfaktionsfähigen Bäckermeister beleidigt wird und sich deshalb, obwohl niemand den Vorfall mitbekommen hat, nach dem Ehrenkodex der Armee erschießen müßte, durchleidet eine Nacht der Todesangst -- bis er morgens erfährt, daß jener Bäckermeister einem Schlaganfall erlegen ist. Dann die junge Anwaltstochter Else, die von ihrer Mutter gebeten wird, den Vater aus einer Schuldenmisere zu befreien und einen befreundeten Kunsthändler um das Geld zu bitten; als dieser seine finanzielle Hilfe aber unter die Bedingung stellt, Else nackt sehen zu dürfen, verzweifelt sie an den moralischen Konflikten, entblößt sich im Musikzimmer des Hotels und nimmt eine Überdosis Veronal.

Das Lesen der beiden Novellen ist wie ein Sog. Man wird immer weiter hineingezogen in die Seelenzustände von Gustl und Else, in ihre Verwirrung, Assoziationen, Erinnerungen. Und man leidet mit ihnen in diesen extremen Grenzsituationen. Am Ende findet man nur schwer zurück in die eigene Welt. Denn das Ich der Personen macht Schnitzler so erlebbar und plastisch, wie kaum ein anderer deutschsprachiger Erzähler dies vermochte. --Lilli Belek


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Leutnant Gustl mit interessantem Charakter

Leutnant Gustl ist ein ausgesprochenes interessantes Buch. Ich habe es zu schulischen Zwecken gekauft, aber lieber zur Freizeit gelesen.
Da sich alle auf das Buch selber bezogenhaben, beziehe ich mich dieses mal auf den besonderen Charakter für die Kaufentscheidung:

Gustl ist ein Leutnant der österreichischen Armee, der Anfang zwanzig ist, in Wien lebt und kaum Kontakt zu seinen Eltern und seiner Schwester hat. Seine Statur ist eher klein und schmächtig, was daran erkennbar wird, dass er den Bäckermeister selbst als "zehnmal stärker" mit einer "Faust wie Eisen" bezeichnet.
Eigentlich wollte Gustl viel lieber zur Kavallerie, doch dieser Traum scheiterte am geringen Vermögen seiner Familie, da jeder Kavallerist ein eigenes Pferd besitzen musste, und so wurde der junge Gustl zur Kadettenschule geschickt. Auf Grund von regelmäßigen Pokerrunden und seines geringen Verdienstes, lebt Gustl fast immer sehr sparsam und hat nie viel Geld.
Darum wird er und auch der Rest seiner Familie von einem reichen Onkel, der Plantagenbesitzer ist, finanziell unterstützt. Es ist Gustl sehr wichtig, was andere von ihm denken und er verhält sich immer so, wie es von ihm erwartet wird, weil er sich immer beobachtet fühlt.
Durch den inneren Monolog dieser Novelle und den schon genannten, kurzen Handlungsstrang, erfahren wir nicht viel über Gustls soziale Beziehungen. Die Sprache ist spontan und mundartlich gefärbt, die Sätze sind oft kurz, abgehackt und unvollständig. Gustl erlebt, begreift und kommentiert das ihm Zugestoßene zur gleichen Zeit, schweift ab in die Vergangenheit, knüpft lockere Assoziationen, um dann wieder abrupt in das Gegenwärtige und die Realität zurückgeholt zu werden.
Dadurch wird die Unstrukturiertheit seiner Gedankengänge und Überlegungen sehr deutlich, weil er oft anfängt über etwas nachzudenken, jedoch kaum einen Gedankengang vertieft um stattdessen wiederum bis zum nächsten Gedankenbruch über etwas anderes nach zu denken.
An seinen Gedanken lässt sich jedoch erkennen, dass er kaum enge soziale Beziehungen und Bindungen hat, sondern nur viele flüchtige
Bekanntschaften, vor allem Frauen, von denen er die meisten noch nicht einmal mehr namentlich kennt.
Das Wichtigste ist für Gustl das Militär und dessen Ruf und Ansehen zu wahren.
Aus diesem Grund verehrt er seine Vorgesetzten und verachtet das einfache Volk, also die Zivilisten.
Hiermit wären auch schon Gustls zwei Hauptthemen genannt, seine Affären und natürlich das Militär. Hierüber denkt er die ganze Zeit nach und hält sich auch ständig vor Augen, wie attraktiv die Frauen um ihn herum sind, so zum Beispiel auch im Oratorium, wo er sich unter anderem damit ablenkt, ein Mädchen in der Loge zu beobachten, das er als "sehr hübsch" bezeichnet.
Hier wiederum zeigt sich Gustls sexueller Trieb, der als einer seiner Haupttriebe bezeichnet werden kann. Gustls zweiter Impuls sind seine aggressiven Neigungen.
Diese Impulse hängen bei ihm jedoch sehr eng zusammen, was sich an dem Beispiel des Mädchens in der Loge sehr gut zeigen lässt. Da er im Moment nicht die Möglichkeit hat, seinem Trieb, mit diesem Mädchen evtl. eine Affäre zu beginnen oder zumindest mit ihm zu sprechen, nachzukommen, möchte er diese angestaute sexuelle Energie am liebsten auf aggressiven Wege loswerden, und zwar bei dem Duell mit dem Herrn Doktor am nächsten Tag .
Im Foyer jedoch ärgert er sich wieder darüber, dass Steffi nicht bei ihm ist und dass eine Frau, die ihm als "bildhübsch" aufgefallen ist, von einem anderen Herrn abgeholt wird. Es hat sich nun also in ihm sowohl sexuelle, als auch aggressive Energie gestaut, die mit einem Mal nach außen tritt, als er schon wieder warten muss. Dies ist die Situation mit dem Bäckermeister, wo er sofort merkt, dass er zu grob reagiert hat und seinen rauen Umgangston deshalb bereut.
Gustls Verhalten ist also stark, wenn nicht sogar rein Triebgesteuert und viele seiner Handlungen passieren im Affekt, ohne dass er darüber nachdenkt.
Er ist insgesamt als völlig orientierungslos zu bezeichnen, da er es nicht schafft, eine seiner Energien auf eine Person zu konzentrieren und somit soziale Beziehungen einzugehen.
Darum hat er außer zu Steffi, die ironischerweise an diesem Abend nicht bei ihm ist, weil sie mit einem anderen Herren zu Abend isst, kaum Bindungen zu anderen. Denn seine einzigen Bindungen sieht er in der Beziehung zu Steffi und in der Repräsentation der Armee. Außerdem ist er eine sehr labile Persönlichkeit, weil er sich sehr von der jeweiligen Situation leiten lässt, und keine Ziele hat, die er verfolgen kann.
Der auffälligste Punkt an Gustls Charakter ist jedoch, dass er während der gesamten Novelle zwar eine unbewusste Entwicklung durchlebt, er am Ende jedoch wieder in sein altes Lebensmuster zurückfällt und es so ist, als sei gar nichts gewesen.
Gustl macht im Laufe der Handlung deutlich, dass er nicht mit der Schande der Verletzung seiner Ehre weiterleben will, selbst wenn nur er davon wüsste, "[] ich muss mich umbringen, es bleibt mir ja nichts anderes übrig - [] so ein Kerl wie ich, der dasteht und sich einen dummen Bub heißen lässt [] - und selbst wenn er sich vorgenommen hat, er red't nicht davon, so sagt er's übermorgen und wenn er's übermorgen nicht sagt, in einer Woche Und wenn ihn heut Nacht der Schlag trifft, so weiß ich's ich weiß es und ich bin nicht der Mensch, der weiter den Rock trägt und den Säbel, wenn ein solcher Schimpf auf ihm Sitzt! So, ich muss es tun, und Schluss!" .
Sein Entschluss, die Ehre durch Selbstmord zu retten, entpuppt sich also als leere Versprechung und Gustl verfällt in seine alten Gewohnheiten, indem er den Herrn Doktor am Ende "[]zu Krenfleisch [hauen will]" .
Für Leutnant Gustl ist dies alles so, als wäre es gar nicht passiert und er lebt normal weiter, indem er die hier gesammelte Erfahrung verdrängt oder sogar vergisst.
Es ist für den Leser jedoch sehr amüsant, dass ein Leutnant nur wegen seinem Ehrgefühl und einer sehr unbedeutenden Begegnung wie die mit dem Bäckermeister solch lebensbedrohliche Ausmaße annehmen kann, da Gustl sich wahrscheinlich umgebracht hätte, wenn der Bäckermeister nicht vom Schlag getroffen worden wäre .

Fazit: ein sehr interessantes Buch mit ausgesprochen interessantem Charakter.

Ps:An Herr Jander das ist von Daniel Weber



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Die Innenwelt einer Frau

Wie ist wohl die Innenwelt einer Frau, dachte sich bestimmt Arthur Schnitzler als er Fräulein Else schrieb.
Es ist wirklich faszinierend, wie er diese Erzählung aufbaut, wie er das Innenleben der Protagonistin schildert und wie sie schließlich Aufgrund ihrer doch gefestigten Moral in das Unglück stürzt. Einerseits schwärmt sie von erotischen Abenteuern, aber andererseits nur in ihrer Fantasy. In ihrem selbst beginnt ein Kampf, ob sie ihren Eltern helfen soll, dass sie ein gewisser Dorsday eine Viertelstunde nackt sieht, oder ob sie ihre Eltern ihrem Schicksal überlässt, welche hoch verschuldet sind.
Sie wählt den Ausgang des Lebens und scheidet, wie so viele in der Literatur vor ihr, aus demselbigen.
Man sollte es wirklich mal gelesen haben, denn dass eine ganze Erzählung nur aus der Innenwelt, als innerer Monolog erzählt wird ist sehr selten und hier perfekt umgesetzt.
Vier Sterne sind deswegen wohlverdient!



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Moral und Ehre

Moral und Ehre. Zwei Begriffe, die in diesem kleinen Buch eine große Rolle spielen. Zwei Begriffe, die für Lieutnant Gustl der Inbegriff des Lebens sind. Doch ist es wirklich so?
Im Laufe der Handlung zeigt sich doch sehr deutlich, daß man hier eher von Doppelmoral sprechen muss, und daß Ehre mehr ein leeres Wort ist.
Ein wirklich gelungenes Buch. Voller Schwung begleitet der Leser Gustl durch 12 Stunden seines Lebens voller Höhen und Tiefen, ausgelöst durch einen scheinbar banalen Vorfall im Theater.
Dem Leser wird schnell deutlich, daß die Kritik bezüglich der Frage nach Moral und Ehre sich nicht nur auf Gustl bezieht, sondern auf das gesamte System. Nicht ohne Grund wurde Schnitzler nach der Veröffentlichung aus dem Offiziersstand enthoben.
Ein gelungenes Buch. Ein innerer Monolog ohne Langeweile.


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Zu theatralisch

Fräulein Else, Tochter eines Advokaten, macht mit ihrer Tante und Cousin Paul Urlaub in Italien, genießt den Sommer, flirtet mit Männern und träumt vor sich hin.

Eines Tages erhält sie einen verzweifelten Brief aus der Heimat. Der Vater steckt tief im Schuldensumpf und muss innerhalb weniger Tage 30.000 Gulden aufbringen, andernfalls wandert er ins Gefängnis. Else soll den Kunsthändler Dorsay, der sich im gleichen Hotel aufhält, um das Geld bitten.

Ein Auftrag, der Else nicht sehr gelegen kommt, dennoch überwindet sie sich dem Vater zuliebe und fragt den Kunsthändler. Der willigt ein, unter der Bedingung, dass Else sich für ihn auszieht.

Senta Berger liest diese kurze Erzählung mit viel Gefühl und Dramatik. Ihre österreichisch gefärbte Sprache hat mich zunächst ein wenig gestört, die starke Betonung und Dynamik der Stimme empfand ich anfangs als etwas übertrieben und beinahe nervig, doch letztendlich ist es ihr sehr gut gelungen, Else zu porträtieren, ein etwas flatterhaftes, nervöses Mädchen mit wild rasenden Gedanken, hin und hergerissen angesichts des unmoralischen Angebots, manchmal beinahe hysterisch, dann wieder unnatürlich ruhig.

Persönlich bevorzuge ich etwas ruhig fließendere und weniger theatralische Lesungen.


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Vom »Erfinder des Inneren Monologs«

Die Erzählform, in der »Lieutenant Gustl« verfasst wurde, wird als innerer Monolog bezeichnet. Der Leser wird dabei von Schnitzler ausschließlich mit den ungefilterten Gedanken eben jenes Lieutenants Gustl konfrontiert. Dieser sitzt bei einsetzender Handlung in einer Gesangsaufführung und langweilt sich. Dabei schweifen Gustls Gedanken in alle möglichen Richtungen ab und schwanken zwischen belanglos und entlarvend. Mal fragt sich Gustl, ob eine hübsche Frau Blickkontakt zu ihm sucht, oder doch nur zu einem anderen Mann neben ihm. Dann ruht Gustls Aufmerksamkeit wieder auf einer anderen schönen Frau im Publikum, bis er bemerkt, dass ihm ihre Nase zu »jüdisch« ist.
Arthur Schnitzler (1862-1931) war selbst ein jüdischer Arzt und Reserveoffizier. Sein »Lieutenant Gustl« war teils eine Anklage des Antisemitismus seiner Zeit und schlug nach Veröffentlichung hohe Wellen in der österreichischen Gesellschaft. Es reicht jedoch nicht das Werk auf eine bloße Anklageschrift zu reduzieren.
Die Handlung erreicht ihren Höhepunkt als Gustl an der Theatergradrobe von einem Zivilisten gedemütigt wird. Um seine Ehre wiederherzustellen, hätte Gustl diesen, nach geltenden Militärgesetz, sogleich erschlagen müssen. Da er jedoch zögert, verliert er so seine Möglichkeit zu Genugtuung. Einsam zeiht er durch das nächtliche Wien und denkt über seine Möglichkeiten nach: Wird der Zivilist die Ehrverletzung publik machen? Soll Gustl sich unehrenhaft aus der Armee verabschieden lassen? Oder soll er den Freitod wählen, um sich ein letztes bisschen Würde zu bewahren? Schnitzler gelingt so die Darstellung eines moralischen Konflikts zwischen Ehreauffassung und der Wahrung des äußeren Scheins.
Ein wichtiger Aspekt des inneren Monologs »Lieutenant Gustl«, ist das von Schnitzler definierte Wesen des »Mittelbewusstseins«. Hinter dem Begriff verbirgt sich ein Gegenentwurf zu Sigmund Freuds Modell der Aufteilung der Persönlichkeit in »Ich«, »Es« und »Über-Ich«. Gemeint ist beim Mittelbewusstsein ein Zustand des »sich Selbst nicht bewusst werdens«. Bei »Lieteunant Gustl« ließe sich dies daran festmachen, dass Gustl zum Beispiel zwar antisemitische Gedanken hegt, aber diese nicht reflektiert, beziehungsweise sich selbst nicht als Antisemit empfindet.


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reviews: page 1, 2, 3, 4, 5



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