Buch: Zeit und Freiheit (Philothek) | Henri Bergson
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Zeit und Freiheit (Philothek)
Henri Bergson
Philo Verlagsges.
, 2005 - 189 Seiten
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Grundlegendes Frühwerk des Nobelpreisträgers
In "
Zeit
und
Freiheit
", einem Werk das Bergson gut 30 Jahre bevor seinem Schaffen mit der Verleihung des Literaturnobelpreises die hochoffizielle Krönung zuteil wurde (- eine Krönung, die in der allem "Literarischen" nicht immer aufgeschlossenen universitären Fachphilosophie leichterdings in regelrechte Stigmatisierung umschlagen konnte und dazu führte, dass Bergson lange Zeit unter den Schimpfworten "Irrationalismus" oder "Intuitionismus" abgefertigt werden konnte -) verfasste, wird der Versuch unternommen, Freiheit in einem Dreischritt durch die Zurückweisung naturwissenschaftlicher Quantifizierungsbestreben und der mit diesen verbundenen materialistischen und deterministischen Theoreme zu sichern.
Das erste Kapitel hebt im Erfahrungsbereich psychologischer Tatsachen an, um zu zeigen, dass "Intensitäten" - etwa die Empfindung eines stärkeren oder geringeren Schmerzes oder die Wahrnehmung zweier verschiedener Blautöne - nicht eigentlich graduelle Abstufungen eines einheitlichen Phänomens sind, sondern qualitativ divergieren. Es handelt sich - so die letztendliche These - um zwei grundständig verschiedene Arten von Empfindungen, die Farbe Blau fächert sich nicht in ein Spektrum unterschiedlichster Abstufungen aus, sondern der Begriff "Blau" stiftet die vermittels Verstandesabstraktion gewonnene Zusammenfassung qualitativ verschiedener Farbeindrücke. Nachdem der fundamtentale Gegensatz zwischen scheinbar quantitativer Abstufung und der tatsächlich qualitativen Divergenz im ersten Abschnitt gewonnen worden ist, leitet der zweite Passus zu einem Kernproblem der Bergson'schen Philosophie in ihrer Ganzheit über: Der Differenzierung von Zeit und Dauer (durée). Zeit analysiert Bergson hier als "Bastardbegriff", als ein Hybridgebilde aus Dauer und Raum. Genaugenommen ist Zeit, wie sie sich unserer alltäglichen Wahrnehmung darbietet, wesentlich Raum. Erfassen wir beispielsweise die Schläge einer Glocke in ihrer Sukzession, so gelingt uns das Zählen einzig, da wir die heterogene Empfindung eines Tonkonglomerats (ähnlich einer Melodie) in diskrete Zeichen, in einzelne Schläge künstliche aufspalten und sie in einem "idealen Raume" nebeneinander aufreihen. Dieser naturwissenschaftlichen Konstruktion, deren Produkt der plane Zeitpfeil (in der Mechanik reversibel, in der Thermodynamik irreversibel gedacht) ist, setzt Bergson nun die "Dauer" des Bewusstseins entgegen. In ihrer heterogenen, sich selbst durchdringenden Vielheit an Zuständen, ist die Dauer des Bewusstseins unabdingbar, um den Raum, der selbst keine Zeit kennt, sondern nur aus wohlunterschiedenen Lagedifferenzen besteht, zu einer Bewegung, einer Geschichte zusammenzufassen. Denkt sich Bergson den Raum also ähnlich einzelnen "Schnappschüssen", einzelnen Bildern, so können diese Bilder nur dadurch "zum Laufen" gebracht werden, dass ein Bewusstsein, das dauert, mehrere Bilder eben "ÜBERdauert" und sie so zusammenzieht, sie ineinander übergehen lässt. Die Dauer ist dem Raum damit fremd.
Auf Basis der Zuschreibung von Dauer ist dem Bewusstsein ein Charakteristikum gegeben, das es der Quantifizierung entzieht, das es gewissermaßen immunisiert gegen die einfache Einbindung in Kausalketten und der aus diesen folgenden Determiniertheit sämtlicher Handlungen. Sofern sich das Bewusstsein seiner Dauer gegenwärtig wird, der Mensch eine Handlung aus der Ganzheit der Verflechtungen und Verschlingungen seiner individuellen Dauer heraus zur Ausführung bringt, setzt es sich über die Determination möglicher (nur künstlich zu trennender) Einzelkomponenten hinweg. Eine These, die Bergson insbesondere in "Materie und Gedächtnis" ausweiten und plausibel machen wird und die in der "Schöpferischen Entwicklung" ihre evolutionstheoretische und metaphysische Wendung erhält.
Auch wenn "Zeit und Freiheit" keineswegs repräsentativ für den "ganzen Bergson" ist und insbesondere der Terminus "durée" hier noch gänzlich auf den Bereich der "unmittelbaren Bewusstseinstatsachen" bezogen, folglich psychologisch definiert, bleibt, handelt es sich hier um eine für das Verständnis des Gesamtwerkes unverzichtbare Abhandlung, die trotz aller späteren Modifikationen bereits die Hauptstränge des komplexen Begriffsgeflechtes der neuerdings wieder aktuellen Philosophie Bergsons freilegt.
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