Die Freibadclique | Oliver Storz
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die freibadclique
Die Freibadclique
Oliver Storz
Schirmergraf
, 2008 - 256 Seiten
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Freischwimmen
"Wir waren die, die dazwischenhingen auf immer und ewig: aus der militanten Tradition des Konservativ-Nationalen herausgefallen wie unflügge Jungvögel aus dem Nest und für die Rückkehr in die reinlichen Behausungen des Bürgerlichen zu viel Dreck gesehen, selbst zu dreckig geworden. Weder Krieger noch Honnêtes hommes, wir verachteten beide. Wir hassten den Krieg, aber kaum weniger den Frieden, der da kommen würde mit Schule, Tanzstunde und Hausmusik. Wohin mit uns? Wir passten nirgendwo rein."
Diese beinahe letzten Worte in Oliver Storzs Roman "Die
Freibadclique
" sind bezeichnend für die "Neunundzwanziger". Im Sommer des Jahres 1944 treffen sich fünf Jungs jeden Tag im Freibad eines nicht benannten Städtchens in der Nähe von Mannheim (alles deutet darauf hin, dass es sich um den Heimatort des Autors - Schwäbisch Hall - handelt). Drei von ihnen werden das nächste Jahr jedoch nicht überleben. Das teilt Oliver Storz schon auf den ersten Seiten mit.
Doch noch tangiert das Kriegsgeschehen die Fünfzehnjährigen nur beiläufig, in Form von silbernen Fliegerstaffeln am sonnenklaren Himmel oder den Luftwaffenfähnrichen des benachbarten Fliegerhorsts. Sie setzen andere Prioritäten: "Lore, eine Nachrichtenhelferin (...), blitzblankblau wie die Söderbaum im Kino, aber nicht so tränenkeusch, eher mit sündigen Augen - mag aber auch sein, dass unsere Augen den ihren das Sündige nur andichteten, weil wir inmitten von Appellen und Endsiegverkündigungen gern ein bisschen Sünde gehabt hätten." Für die Neunzehnjährige mit dem leuchtendroten Badeanzug stürzen sie sich kühn vom Zehnmeter-Turm. Für einen Blick auf vage angedeutete nackte Frauenhaut im erst ab 18 freigegebenen Film "Münchhausen", diskutieren sie strategische Vorgehensweisen, um unbemerkt ins Kino zu gelangen.
Doch bald kommen auch ihre Sehnsucht und ihre Träume zum Erliegen und die Gegenwart bricht mit voller Wucht über ihnen herein. Nichts nützt es, wenn Lale Andersen im Radio singt: "Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei". Nach dem Attentat auf Hitler wird das Leben, "also der Krieg eben", auch für sie jugendfrei. "Heilige Pflicht der Juuugend, dem frevlerisch-frechen Vordringen des jüdisch-plutokratischen Bösen Einhalt zu gebieten mit dem Spaten in der Hand - Ausbau von Auffangstellungen für die heldenmütig kämpfende Wehrmacht, die vielleicht, aber nur vorübergehend, hinter den Rhein ausweichen müsse...", agitiert Bannführer Seidebrant.
Sie folgen, denn immerhin sollen auch kriegsdienstverpflichtende Mädels ganz in der Nähe sein. Die erwachenden Lenden sind allgegenwärtig. "Eros und Thanatos, die alte Sache, ein Schutzmechanismus." Man blendet das Grauen einfach aus.
Oliver Storz - ein vielfach ausgezeichneter Filmregisseur - weiß dies professionell in Szene zu setzen. In kurzen Sequenzen, ohne großes Getöse und viel Tamtam, beinahe wie in einem Stummfilm und mit viel Weichzeichner, lässt er die Geschehnisse der letzten Kriegsmonate am Leser und der "Freibadclique" vorüberziehen. Tote und die näher rückende Front im Schwäbischen gleiten wie flüchtige Schatten vorbei.
Und schon breitet sich der Duft von amerikanischem Kaffee und Natrongebäck aus. Fürs Wundenlecken bleibt da keine Zeit. "Als es vorbei war und wir wieder zu Hause, fing eine Zeit an, die uns aufgesaugt hat, (...), die 'Goldgräberzeit', wie wir sie später nannten. Keiner (...) ist auf die Idee gekommen, rückblickend Ordnung zu bringen in den Ablauf dieser Irrfahrt". Sogar der stotternde Studienrat "Ströh-Ströhle" knüpft in der ersten, wieder aufgenommenen Schulstunde an, als wäre nichts passiert: "Weiß je-jemand, wo wir ste-stehen geblieben waren?"
Bei Oliver Storz hingegen ist ein deutlicher Wandel zu spüren. Sein Duktus hat sich verändert. Der anfänglich stakkato-, rapportartige, forsche und wortreiche Ton - offensichtlich ein Stilmittel des Autors für die Nazi-Realität - verliert sich in der Nachkriegszeit völlig und weicht einem deutlich nuancierteren, feinsinnigeren Schreibstil, der viele eigene Reflektionen des Ich-Erzählers offenbart.
Letztendlich trifft man sich wieder im Freibad, denn die Mädels sind doch eigentlich das, was das Leben ausmacht. Aber etwas fehlt: "Ein Rot (...), ein ganz bestimmtes Rot, das es nur einmal gegeben hat auf der Welt, ein Badeanzugrot, das nie mehr leuchten wird oder nur im Traum." Die übrig gebliebenen Jungs haben ihre kindliche Unschuld verloren und sind erwachsen geworden - zu schnell vielleicht.
Fazit:
Oliver Storz erzählt von einer Jungenfreundschaft zwischen den Welten, zwischen Krieg und Nachkrieg, zwischen Kindheit und Erwachsensein, mitten im Chaos zwischen Untergang und Aufbruch. "Die Freibadclique" ist ein thematisch überzeugender und packender Zeitroman ohne Einschränkung und ein Dokument der dramatischsten Umbruchsphase und den Wirrnissen der jüngeren deutschen Geschichte. Eine Melange aus feinsinnig-eleganter, zeitweilig jugendlich ungestümer, verbal-derber und mit Ironie garnierter Lesekost, mit vielen lebendigen Dialogen und voller Nachdenklichkeiten.
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Freudvolle und tragische Jungenjahre
Oliver Storz Die
Freibadclique
Schirmer Graf
ISBN 3865550576
< Sehnsucht nach Badeanzüglichkeit und meerblauen Augen>! Oh ja, genau das ist es, wonach sich die fünf Jungen sehnen: sie sind 15 Jahre alt, Jahrgang 1929. Und jetzt haben wir das Jahr 1944. Das Attentat auf Hitler passiert just, als sie sich im Freibad verlustieren.
Sie träumen vom Jazz, von Benny Goodman, Billie Holiday und warten auf die Befreiung aus den Bevormundungen durch die Erwachsenen. Für den Film Münchhausen sind sie angeblich noch zu jung, aber zur SS will man sie heranziehen! Es ist eine neugierige, nach Aufbruch und Leben dürstende Jungenschar, die sich regelmäßig irgendwo im Schwäbischen trifft, Witze macht, möglichst anzüglich, und voller Erwartung auf Zukünftiges blickt. Bald aber schon wird es Ernst, und das letzte Aufgebot an Jungen und Alten werden zum Volkssturm geholt, um das < siegreiche > Vaterland zu retten!
Wunderbar eingängig trifft Oliver Storz mit seiner aus der eigenen Erinnerung gespeisten Erzählung genau den Stil der Zeit über das Ende des zweiten Weltkriegs. Die Mischung aus Abenteuerlust, Neugier und frühem Erwachen aus der arglosen Jugend ist hervorragend wieder gegeben. Man lebte mit einer Haltung, die zwischen unbeschwerter Jugend, der Ahnung von einem Ernst, dem man sich nicht entziehen konnte, und lustvoller Erwartung pendelte. Schnodderig, leicht überhöht im Ton und voller sexueller Neugierde begeben sich die Jungs auf ihre tägliche Freibadtour, in der sie die 19 jährige Lore mit einem Fähnrich von der Jagdfliegerschule davon eilen sehen. Sie verfluchen ihr jugendliches Alter, das ihnen derlei Vergnügungen noch verwehrt.
Dann ist der Krieg zu Ende und vieles sieht düster und ahnungsvoll verdächtig aus.
Oliver Storz geht in seinem autobiographischen Roman den Wegen der frühen Jungenclique nach. Nicht immer endet alles so fröhlich, wie es begann. Der eine muss früh sein Leben lassen, der andere gerät in Nachkriegsschiebereien,--alles ist genau jener Zeit nachempfunden, die einerseits vom Untergang und andererseits vom Nachkriegsleben und Weiterleben gekennzeichnet war. Hervorragend sind die Zeitströmungen aufgezeichnet, und milieugerecht die Erlebnisse wieder gegeben, die jene damalige Jugend auszeichnete. Heute sind derlei Lebensabenteuer nicht mehr vorstellbar, damals bedeuteten sie die apokalyptischen Zeichen einer neu herauf ziehenden Zeit.
Als Erinnerung und Mahnung, gelegentlich auch in Nostalgie werden die Aufzeichnungen von Oliver Storz sicher den einen oder anderen Gleichaltrigen berühren; den Jüngeren wird ein Zeitfenster geöffnet, das bar aller gegenwärtigen Freuden und Nöte der Jugend gelten kann.
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