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Frühes Versprechen: Mit zehn Fotos
Romain Gary

Schirmergraf, 2008 - 415 Seiten

Kundenbewertung:(3 Bewertungen)
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Literatur wird zur Wirklichkeit und ein Lebensentwurf zur Realität

Romain Gary Frühes Versprechen

Schimer Graf ISBN 3865550495

Romain Gary ist in die Literaturgeschichte eingegangen als erster und einziger Dichter, der den Prix Goncourt zweimal erhalten hat. Für den Roman < Die Wurzeln des Himmels > 1956 und 1976 noch einmal für seinen Roman < Du hast das Leben noch vor Dir >, den er unter dem Pseudonym Émile Ajar veröffentlicht hatte.
Im vorliegenden Roman hat er seine eigene Lebensgeschichte verarbeitet und seiner skurrilen, abenteuerlichen und einmaligen Mutter ein Denkmal gesetzt.

In den legendären zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, einer dekadenten Epoche, spielt sich das Leben der beiden zuerst in Polen und später in Nizza/Frankreich ab.

Cit: Sie kam nach Hause, setzte sich in die Ecke, zündete sich eine Zigarette an und schaute ihn strahlend an. Komm her und gib mir einen Kuss! Cit Ende.
Mit Sätzen wie diesen hat seine Mutter Nina Kacew ihren Sohn umgarnt, geliebt, verwöhnt und in den Himmel gehoben. Eine seltsame und abgöttische Mutterliebe hat mit ihr Eingang in die Literatur gefunden.
Gary hat mit Ironie und Sarkasmus, humorvoll und sensibel die Welt seiner Kindheit wieder belebt, die im Roman als eine einzige große Inszenierung erscheint.
Die Mutter, Schauspielerin ohne Fortune, redet sich selber und ihrem Sohn täglich ein, wie berühmt, großartig und einzigartiger er seinem eigenen und ihrem Leben zu Glanz verhelfen wird. Offizier, Diplomat oder Schriftsteller soll er werden. Leidenschaftlich Francophil ist sie und bleibt es ihr Leben lang.
Voller Träume und irrwitziger Anstrengungen, sich an der Realität vorbei zu mogeln, schafft sie es immer wieder, ihren Lebensunterhalt auf die abenteuerlichste Weise zu sichern. Sie scheut dabei keine Erniedrigungen und keinen Größenwahn, um sich und anderen den Rausch der Berühmtheit vorzugaukeln. Mit umwerfender Grandezza demonstriert sie bei jeder Gelegenheit ihre Größe. Als Hutmacherin, Besitzerin eines Couture Salons, Hotelbetreiberin und auf vielen Zwischenstationen bis dahin: Gary lässt keinen Zweifel an der Hochachtung, mit der er ihre Bemühungen anerkennt. Sie war nicht nur eine Jongleurin im täglichen Überlebenskampf, sondern auch eine begnadete Altruistin, die um des Sohnes willen enorme Leistungen und Entbehrungen auf sich genommen hat. Anrührend und herzergreifend hört sich die Szene an, in der ein älterer Bewerber bei Romain um die Hand seiner Mutter anhält,--vergebens!

Wo blieb er selbst hinter der Fassade?

Er hat das Beste daraus gemacht: ein wenig Hochstapler, ein wenig Gentleman und Casanova kann er vor allem hinreißende Geschichten aus seinem Leben erzählen. Mit Leichtigkeit und im Wissen um die Vergänglichkeit auch der schönsten Träume, berichtet er von waghalsigen Unternehmungen, seiner unwiderruflichen Treue zu sich selber und zu seiner Mutter und über die Lebensumstände, die sie beide, als er 12 Jahre alt war, von Polen nach Nizza in Frankreich führte.
Mutter und Sohn hatten ein tollkühnes Leben.
Die Abenteuer, die Gary mit ihr erlebt, sind legendär, und sie finden in den Geschichten des gemeinsamen kleinen und großen Alltags ihren Niederschlag. Ob alles am Ende genau so gewesen ist?
In einem letzten Teil ist er im Krieg, und da geht es eher ernst zu. Seine Überlebenskraft zieht er aus der steten inneren Präsenz der Mutter.
Literatur sei zur Wirklichkeit geworden, wird im Begleittext vermerkt.
Keiner kann sich dem Charme der verstiegenen Traumwelt entziehen. Mit sprühenden Einfällen gibt der Autor seinen Schilderungen einen Glanz, der ihm zu Recht Literaturpreise eingetragen hat!
Die enge und dominante Mutter- Sohnbeziehung wird mit erstaunlicher Liebe und Distanz zugleich beschrieben. Sie bleibt frei von allen Deutungen.
Nur ein Gutachten der Prinzessin Marie Bonaparte, der Psychoanalytikerin und engen Mitarbeiterin S. Freuds, in dem seine vermeintliche psychische Abnormität erörtert wird, zeigt er spielerisch und belustigt herum.
Hat seine Seele wirklich Schaden genommen?

Er wurde Pilot im zweiten Weltkrieg, Diplomat, und am Ende Schriftsteller, -----und er wurde berühmt!
Den mit unglaublicher poetischer Kraft ausgezeichneten Roman liest man in einem Zug und versinkt in der fernen Welt der zwanziger Jahre, die so viele Möglichkeiten für Müßiggang, Hochstapelei, Reichtum und Überlebenskunst bot.

Das Buch ist sorgfältig ediert. In einem Nachwort von Sven Crefeld kann man lesen, welche Intention Gary mit seiner Romanversion verfolgte. Außerdem sind seine Lebensdaten aufgeführt.
1980 hat Roman Gary seinem Leben ein Ende gesetzt. Sein Ruhm wird mit der Neuauflage seines Bestsellers aus den sechziger Jahren in der hervorragenden Übersetzung von Giò Waeckerlin Induni in den Focus einer geneigten Leserschaft gerückt und wird seinen Bekanntheitsgrad sicher festigen.


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Wunderbare Mutter-Sohn Geschichte

Das Buch gab es in den 1960 er Jahren schon einmal unter dem Titel:" Erste Liebe-letzte Liebe", im Original: "La Promesse de l'aube" (Verspechen in der Morgendämmerung). Es ist ein autobiographischer Roman, in dem der 1914 in Vilnius geborene und 1980 in Paris gestorbene Romain Gary, seine Lebensgeschichte und die seiner Mutter, die ihn abgöttisch liebte, bewunderte und verehrte, erzählt. Das Buch ist in drei Teile unterteilt, die Kindheit, die Jugend und der Krieg.

Romain Gary wächst bei seiner Mutter Nina Owczinski, einer russisch-jüdischen Theaterschauspielerin, in Moskau auf. Der Vater hatte die Familie verlassen. Die Mutter führt einen erträglichen Modesalon. Für sie steht eines unumstößlich fest: Ihr Sohn soll es einmal besser haben, aus ihm soll eines Tages jemand Großes werden: Tänzer, Schriftsteller, Politiker, Diplomat, Botschafter von Frankreich. Sie hat Zeit ihres Lebens an ihn geglaubt.

Als ihr Geschäft illiquide wird, wandert sie kurz entschlossen mit ihrem Sohn nach Frankreich aus. Ohne finanzielle Mittel arbeitet sie hart, nimmt Gelegenheitsarbeiten an, verkauft Schmuck und Tafelsilber, feilscht auf den Märkten um die Preise, schlägt sich durch und ermöglicht ihrem Sohn eine Schulausbildung und ein Jurastudium. Die Ausbildung zum Offizier endet nicht mit der Verleihung des Offizierspatens, weil er noch nicht ausreichend lange französischer Staatsbürger ist. Romain Gary erzählt es nicht seiner Mutter, um sie nicht zu enttäuschen, sondern zieht als einfacher "caporal" in den Zweiten Weltkrieg. Er lässt die schwer herzkranke Mutter zurück, ist sich immer bewusst, dass ihm nun nicht mehr viel Zeit bleibt, um ihre Träume zu erfüllen. Sie schreibt ihm regelmäßig Briefe mit Ratschläge und Mutmachungen die sind rührend und herzergreifend schön sind. Wer möchte nicht so eine liebevolle Mutter haben?

Im Laufe des Krieges wir Romain befördert und für seine Verdienste zum Kommandeur der Ehrenlegion erklärt. Seine Mutter hatte hunderte von Briefen geschrieben, die regelmäßig an der Front eintrafen. Als Romain nach Kriegsende nach Frankreich zurückkehrt, erhält er die Nachricht, dass seine Mutter schon vor drei Jahren verstorben ist und das es eine Freundin war, die ihm die Briefe nach dem Tod der Mutter weiter regelmäßig geschickt hat.

Seine Mutter hat es nicht mehr miterleben können, wie Romain Botschafter und Generalkonsul wurde. Er war mit der britischen Schriftstellerin Lesley Blanch in erster und mit der Schauspielerin Jean Seberg in zweiter Ehe verheiratet. Nach Beendigung seiner politischen Karriere reiste er viel und schrieb unter anderem Drehbücher.

Es ist eine wunderschöne, liebevolle Geschichte, wie Romain Gary mit gekonnter Selbstverspottung und unbarmherzigen Konvivialität, scharfsinniger Einsicht in die Psyche und Einfühlen in die Dilemmata seiner Mutter und mit grenzenloser Liebe von dieser ungewöhnlichen, bizarren, nervigen Mutter berichtet, die ihren Sohn von Kindheit an mit Liebe förmlich zugeschüttet hat. Ein rundum gut erzähltes, atmosphärisch dicht arbeitendes, aufrichtiges Buch, in dem Literatur zur Wahrheit wurde.



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Der literarische Proteus

- Die vielen Gesichter des russisch-französischen Schriftstellers Romain Gary -

Romain Gary machte einer Gestalt aus der griechischen Mythologie - dem Proteus - alle Ehre.
Auch Gary nahm im Laufe seines Lebens viele Gestalten an. Unter sechs Pseudonymen veröffentlichte er sein weit gespanntes Werk, gab getürkte "Interviews" in ausschweifender Länge und schlug dem Pariser Literaturbetrieb das wohl größte Schnippchen, indem er das Unmögliche möglich machte und den Prix Goncourt zweimal erhielt: 1956 für seinen Roman "Les racines du ciel" (deutsch: "Die Wurzeln des Himmels") und 1975 für "La vie devant soi" (deutsch: "Du hast das Leben noch vor dir"), veröffentlicht unter dem Pseudonym Émile Ajar. Der Betrugsfall wurde erst nach seinem Selbstmord enthüllt - von ihm selbst.

Aus ärmsten Verhältnissen stammend, sagte ihm seine Mutter - Nina Kacew - bereits als Kind eine strahlende Karriere voraus: Er werde einmal Botschafter von Frankreich und ein berühmter Schriftsteller (nachdem die Karriere als Geigenvirtuose, Sänger und Balletttänzer mangels Talent ausschied). Anfänglich verständlicherweise von allen verlacht, bewahrheitete sich letztendlich alles. Ausschlaggebend waren sicherlich der exorbitante Ehrgeiz seiner Mutter, ihr unerschütterlicher Glaube und ihr unbeugsamer Wille zur Verwirklichung der eigentlich undenkbaren Laufbahn ihres abgöttisch geliebten Sohnes.

Romain Gary hat ihr dieses Buch - welches erstmals 1960 in Frankreich erschien - gewidmet: ein größtenteils autobiografischer Roman (einiges wurde hineinfabuliert, anderes pittoresk herausgeputzt und große Teile der zeitweise düsteren Lebensumstände aufgehellt) seiner Kindheit und Jugend, der den Aufstieg vom einfachen Jungen aus dem russischen Wilna, über ein gefährdetes Emigrantenschicksal in den 30er Jahren an der Cote d'Azur bis zur schillernden Karriere eines hoch dekorierten Piloten der Royal Air Force erzählt (mit der Rückkehr aus dem Krieg endet der Roman). Gleichzeitig oder vor allem ist es jedoch eine zärtliche Hommage an die Frau, deren alles beherrschende Mutterliebe ihn leitete, lenkte, aber auch überforderte.

"Frühes Versprechen" offenbart eine manchmal beinahe als grotesk zu bezeichnende Liebes- und Lebensgeschichte, gewürzt mit den "expressionistischen Herzensergüssen" seiner Mutter und einer gehörigen Portion Selbstironie. Es ist eine charmante und ansprechende Geschichte der Selbstentdeckung, geprägt von gleichzeitiger gedanklicher Tiefe. Mit Nietzsche gesprochen: Es ist eine Geschichte über das Leben als Kunstwerk.

Die zum Teil erdrückende Mutterliebe und das Implizieren von allzu hochgesteckten Zielen und Erwartungen machten aus dem kleinen Roman Kacew den ruhelosen Romain Gary: Ein Mann, ständig auf der Suche und der Gefahr ausgesetzt, "verdurstend an jeder Quelle zu sterb'n" und letztendlich den Widerständen der Realität nicht gewachsen.
Permanente Ruhelosigkeit zeichnete ihn im Erwachsenenalter aus. Gary bezeichnete es selbst als verzweifelte homerische Schlacht, "um die Welt wieder in Ordnung zu bringen und sie mit dem naiven Traum jener Frau in Einklang zu bringen, die [er] über alles liebte."

Dieses unstillbare Verlangen konnten weder eine Frau - "Ich bin ein Gefangener der Erinnerung geblieben. Einer unauffindbaren Weiblichkeit..." - noch die Kunst stillen.
Romain Gary nahm sich am 2. Dezember 1980 das Leben.

Fazit:
Ein beeindruckendes Buch über die Offenbarung der Schattenseiten einer allzu engen Symbiose, gleichzeitig jedoch eine mit viel Wärme, Zuversicht und Humor geschriebene Hommage an eine äußerst enge Mutter-Sohn-Beziehung.


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