Die Befunde sind neu, weil die Bild gebenden Verfahren neu sind. Die klassische Alternative, das Sezieren von Gehirnen, brachte kaum Aufschlüsse, weil in dieser Altersgruppe wenig Leute sterben, sodass nicht genug aussagekräftiges Material zur Verfügung steht. Die Ergebnisse passen auch einigermaßen zu den Aktivitäten des Gehirns, die man von außen beobachten kann. So findet die für die Reifung charakteristische Auslese von Nervenzellen im Stirnlappen, der als für moralische Urteile zuständig gilt, just um die Zeit statt, in der die moralische Einstellung des Jugendlichen sich zu festigen pflegt.
Die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Barbara Strauch ist durch das ganze Land gereist und hat die Entdecker dieser Neuigkeiten, allen voran den Hirnforscher Jay Giedd aus Washington, ausgiebig ausgefragt. Eigentlich hätte sie eine spannende Geschichte zu erzählen.
Aber es gibt ja angeblich die amerikanische Journalistenregel, man solle den Leuten möglichst alles dreimal sagen. Strauch verwässert ihren eigentlich schmackhaften Brei, indem sie diese Regel bis zum Exzess befolgt. Wörtliche Zitate klingen über weite Strecken, als hätte Strauch die Worte so niedergeschrieben, wie sie spontan und unsortiert dem Munde der großen Geister entströmten.
Außerdem versucht sie mit einiger Gewalt den Leser glauben zu machen, mithilfe der wissenschaftlichen Ergebnisse könne er mit seinen pubertierenden Kindern besser zu Rande kommen. Schon recht, dann ist eben nicht der Überschuss an Geschlechtshormonen, sondern der im Umbau befindliche Stirnlappen Ursache eines Verhaltens, das den Eltern auf die Nerven geht oder ihnen schlaflose Nächte bereitet. Aber hilft dieser wissenschaftliche Erkenntnisgewinn gegen schlaflose Nächte? Eben nicht, denn direkt eingreifen kann und sollte man ins Gehirn ebenso wenig wie in den Hormonhaushalt.
Schließlich erweist die Autorin ihrem erklärten Ziel -- Verständnis für die wilden Jugendlichen -- einen Bärendienst, indem sie die Helden ihres Buches bei jeder Gelegenheit als exotische Monster hinstellt. Mit starken Worten versucht sie jene Mischung aus Bewunderung und Abscheu zu erwecken, die eher zu Berichten über den sibirischen Tiger oder den weißen Hai passt. Was für ein Unfug. Wenn ich meine Kinder besser verstehen will, sollte ich nicht nach dem Verrückten in ihnen suchen -- das es zweifellos gibt --, sondern nach dem Vertrauten.
Und das findet man in dem Buch mühelos, wenn auch unter dem Etikett "verrückt". Bis zum Mittag im Bett bleiben; von mehreren Aufträgen alle bis auf höchstens einen vergessen; von einem Moment auf den anderen die Stimmung wechseln; den nächsten greifbaren Menschen als Ursache allen Übels beschimpfen; trinken oder kiffen bis zum Vollrausch; nicht zu vergessen den Überschwang der Hormone, das sollte man sich ja alles abgewöhnen, wenn man erwachsen wird. Aber Hand aufs Herz, ihr Erwachsenen: Tut doch nicht so, als sei euch das vollkommen zuwider. --Christoph Pöppe
Doch Gegenstand dieses Buches sind nicht die Alten, sondern die Jungen, genauer gesagt die Pubertierenden, die Teenager. Seit der bekannte Neurologe die Pubertät als eine der prägenden Lebensabschnitte für die Bildung persönlicher Verhaltensmuster bezeichnete, werden die Teenager auch neurologisch begutachtet. Dass Gerhard Roth im Literaturverzeichnis fehlt ist mehr als eine Unterlassungssünde. Es zeigt eben einmal mehr, dass der alte Kontinent für Amerikaner nicht als Ort der Erkenntnis gilt. Wenn auf dem Klappentext also steht, hier würden die neusten Erkenntnisse der Gehirnwissenschaft in leicht verständlichen Häppchen präsentiert, stimmt dies nur bedingt. Und viele der beispielhaften Geschichten zu Veranschaulichung müssen von der europäischen Leserschaft durch örtliche Varianten ergänzt werden. Eine Übersetzungsleistung, die mir allerdings zumutbar scheint. Denn die Gehirne der amerikanischen Teenager funktionieren prinzipiell nicht anders als die ihrer Altersgenossen jenseits des grossen Wassers.
Faktum ist, dass viele Eltern den Kapriolen ihrer heranwachsenden Sprösslinge gelassener gegenüber stehen können, wenn sie von der Normalität solcher Verhalten wissen. Ob dieses Wissen aber nicht die Loslösung von den Eltern erschweren kann, steht auf einem anderen Blatt. Faktum ist auch, dass das pubertierende Gehirn eine einzige Baustelle ist, deren Besichtigung sich absolut lohnt. Und Barbara Strauch liefert uns einen Lageplan, der ziemlich genau ist und uns die Orientierung erlaubt. Dass das Ganze so praxisnah daherkommt, ist sicher auch das Verdienst der beiden Töchter, die mit ihren Freundinnen und Freunden zusammen der Autorin eine Fülle von Anschauungsmaterial lieferten. Für mich eines der besten Bücher zum Thema, was allerdings mangels Konkurrenz noch kein Verdienst ist. Die Leistung der Autorin liegt in der unterhaltsamen Präsentation schwer verständlicher und immer wieder überraschender Zusammenhänge.