Bahnhöfe: Ein literarischer Reisebegleiter
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Bahnhöfe: Ein literarischer Reisebegleiter
Eichborn
, 2007 - 192 Seiten
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Magische Metapher für Ankunft und Abschied
Kein Wunder, gehören
Bahnhöfe
zu den Lieblingsmotiven der Schriftsteller. Denn schliesslich geht es in jeder tragenden Geschichte um Ankunft und Abschied, um Aufbruch, Bewegung und Stillstand. Und obwohl wir die kleinen und grossen Dramen des allgemein Menschlichen auch vor den Kulissen der Flughäfen aufführen könnten, haben Bahnhöfe ein sinnlicheres, breiteres und tieferes Bedeutungsfeld als die Mittelpunkte von Betonpisten. Das zeigen die von Lis Künzli ausgewählten Texte in aller Deutlichkeit. Obwohl, wenn diese Herausgeberin sich eines Tages dazu entschliessen könnte, nach ihrem Konzept einen literarischen Führer durch die Flughäfen zusammenzustellen, er würde mich wohl ebenso überzeugen. Denn was am Schluss so einfach aussieht und ihr Buch zum Ereignis macht, ist nicht zwingend an ein Objekt gebunden. Was es hingegen unbedingt braucht, ist die Liebe zu menschlichen Biografien und deren Einbettung in die Welt der Dinge.
Für die 24 Beiträge hat die Herausgeberin einen Raster entwickelt, der mich in jeder Hinsicht überzeugt und allen Texten gerecht wird. Mit dem Titel wird der Leser und Betrachter an den Ort des Geschehens geführt. Die jeweiligen Untertitel sind sprachlich so hervorragend auf den Punkt gebracht, dass wir sofort wissen, was uns an diesem Bahnhof erwartet. Und mit wenigen Zeilen schafft Lis Künzli den notwendigen Zusammenhang für das Verständnis des folgenden Textes. Wie viel Liebe und Beharrlichkeit Lis Künzli in ihr Projekt steckte, kann ich beim Betrachten der vielen Fotografien und zeitgenössischen Dokumente erahnen. Die Suche nach dem besten Material ist ungemein aufwendig. Und hat man sich dann für ein Bild entschieden, ist die Suppe noch lange nicht gegessen. Denn mit nur einem Telefonat hat man die Rechte fast nie unter Dach und Fach. Ohne einen Verlag, der sich auf ein solches Abenteuer einlässt, bleiben so schöne Bücher Wunschträume. Zu den vielen Details, die mich für das Buch so einnehmen, gehört den Hinweis "Lektüre für den Wartesaal". Ich bin überzeugt, dass diese Rubrik etliche Leser dazu verführt, wieder einmal vor das eigene Büchergestell zu stehen, einen alten Lieblingsroman herauszukramen und grosse Literatur zu lesen. Ein grosses Kompliment geht auch an die Gestalter.
Mein Fazit: Ein Buch über Bahnhöfe, Schriftsteller und Menschen, das mich in jeder Hinsicht überzeugte. Weil es mit Liebe gemacht wurde und uns die Magie dieser Orte beinahe unmittelbar erleben lässt. Da die Schweizer ihre Bahnen so lieben und ich Schweizer bin, gibt es noch einen Buchtipp zum Schluss: "Alles Bahnhof" von Christoph Grünig und Klaus Koch. Editions Bellevue, 2005. In diesem prächtigen Bildband sind alle 1806 Bahnhöfe unseres Zuglandes versammelt.
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kurzweilig und mitunter traurig
Wer wie ich, seit frühester Kindheit mit dem Zug reist, kennt die Gegensätze von freudiger Aufbruchsstimmung, kurzweiliger Unterhaltung mit anderen Reisenden und tiefer Traurigkeit des Abschiednehmens. All dies kann man in diesem Buch wiederfinden. - Und manche Texte machen Lust, mehr vom jeweiligen Autor zu lesen.
"Ein
literarischer
Reisebegleiter
" ist dieses Buch aber noch nicht, denn die gebundene und sperrige Ausgabe taugt nicht fürs Handgepäck. Vielleicht wird das ja mal eine Taschenbuchausgabe, die dann auch ein schönes Abschiedsgeschenk auf
Bahnhöfe
n ist.
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Geschichte und Geschichten im Zug der Zeit.
Ob Moskau, Mailand oder Mumbai:
Bahnhöfe
sind Schicksalsorte, an denen Geschichte und Geschichten geschrieben werden. Einige davon hat Herausgeberin Lis Künzli in ihrem reich bebilderten Erzählband "Bahnhöfe - Ein
literarischer
Führer" gesammelt. Von Leo Tolstoi bis Antonio Tabucchi, von New York bis Kalkutta und wieder zurück entführt diese kleine Blütenlese meisterlicher Bahnhofsgeschichten den Leser auf eine literarische Rundreise um die ganze Welt. Reich bebildert, mit über 200 historischen und zeitgenössischen Fotographien, treten dem Leser die Bahnhöfe der Welt lebhaft vor Augen. Die einzelnen Texte werden jeweils durch ein knappes Vorwort der Herausgeberin eingeleitet, das einfühlsam in Szenerie und Handlung einführt. Historische Ereignisse, persönliche Schicksale und der Bahnhof selbst als Gegenstand der Literatur sind die Themen, die sich wie ein roter Faden in allen Geschichten wiederfinden.
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"Ein tragischer und zauberhafter Ort" (M. Proust)
Die wohl berühmteste Bahnhofsszene der Weltliteratur ist die schicksalhafte Begegnung von Anna Karenina mit Graf Wronskij auf dem Petersburger Bahnhof. Diese wie auch die andere Schlüsselszene von Lew Tolstois Roman - Annas Selbstmord - stehen am Anfang eines wunderschönen literarischen Führers. Die
Bahnhöfe
dieser Welt sind von Dichtern immer wieder beschrieben worden, häufig genug - wie bei Tolstoi - spielen sie eine zentrale Rolle.
Lis Künzli hat mit Akribie die Bahnhof-Texte so großer Schriftsteller wie Thomas Mann (Davos und Venedig), Marcel Proust (Chartres), Kästner (Berlin), Ingeborg Bachmann (New York), Tabucchi (Mumbay) und vieler weiterer zusammen gestellt. So entstand ein wunderschönes Buch über Ankunft und Abfahrt und zugleich eine Kulturgeschichte des Reisens. Denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert war die Eisenbahn ja das nahezu alleinige Fortbewegungsmittel der Reisenden. Wunderbare Schwarz-Weiß Fotos sprechen eine ganz eigene Sprache. Es sind Bilder, die zum einen vom Luxus des Reisens erzählen, aber auch von denen, die diesen Luxus erst ermöglichen konnten: Gleisarbeiter und Zugpersonal. Bis heute ziehen viele Schriftsteller die Bahn den schnelleren Fortbewegungsmitteln vor, so dass auch zeitgenössische Autoren in diesem Band vertreten sind. Das Thomas Wolfe zum Beispiel eine besondere Beziehung zum Aachener Bahnhof hat, entnahm ich erst diesem Buch.
Es sind nicht nur die frohen Texte, die von Aufbruch und dem Beginn von etwas Neuem erzählen, enthalten. Häufig waren Bahnhöfe auch Schicksalsorte, die am Beginn einer Flucht ins Nirgendwo stehen, wie im Falle von Walter Benjamin. Auch in Kriegszeiten spielten Bahnhöfe eine wichtige, strategische Rolle, die häufig literarisch als prägende Eindrücke verarbeitet wurden!
Allen Bahnhöfen gemeinsam ist das Flüchtige, Hektische. Aber auch der Geruch von Abschied und Neubeginn.
Dass solche Orte geradezu eine Steilvorlage für gute Geschichten sind, liegt auf der Hand.
Eine gute Idee, nun dieses etwas andere Reisehandbuch für Literaturliebhaber herauszugeben! Zumal, wenn es so liebevoll, kenntnisreich und kurzweilig zusammen gestellt wurde! Ein Glücksfall!
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