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  China ist kein Reich des Bösen. Trotz Tibet muss Berlin auf Peking setzen | Georg Blume
 
 
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China ist kein Reich des Bösen. Trotz Tibet muss Berlin auf Peking setzen
Georg Blume

Edition Körber Stiftung, 2008 - 104 Seiten

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China ist besser als sein Ruf

Erneut hat die Hamburger Körberstiftung einen neuen, interessanten Titel unter der Rubrik Standpunkte" herausgebracht. Ziel ist es, durch jene unbequemen Einsichten" den Blick auf ein Thema mal von einer anderen, gerade nicht im Trend" liegenden Seite aus zu richten.
Dieses Mal ist es China, das von Georg Blume behandelt wird. Blume, Auslandkorrespondent für die linke taz" und die Wochenzeitung Die Zeit", lebt seit 1997 in Peking. China ist kein Reich des Bösen - Trotz Tibet muß Berlin auf Peking setzen" lautet seine provozierende These, die derzeit gar nicht in das allgemein publizierte Bild von China paßt. Daß der Autor kein leichtgläubiger Gutmensch ist, hat er bereits bewiesen, denn 2007 erhielt er den Liberty Award für seine Reportagen über Menschenrechtsverletzungen und Umweltskandale in China. Also kennt der Autor die tiefsten Abgründe dieses Riesenreiches, trotzdem empfindet er Bewunderung für das Land.
Angela Merkels China-Politik hält er für falsch. Das Land nur als Verletzter von Menschenrechten und Patentschutz zu sehen, sei viel zu vereinfachend. Auch müsse die Welt zumindest derzeit keine Angst vor China haben, denn China braucht die Märkte der Welt, um seinen Menschen den Wohlstand zu liefern, den diese inzwischen erwarten.
Blume klagt an, daß nirgendwo in den deutschen Medien darüber informiert würde, daß die Chinesen das optimistischte Volk der Welt seien. 76 Prozent glaubten, daß die Welt in fünf Jahren für sie eine bessere ist. Ja, aus europäischer Sicht ist es unfaßbar, daß manche Chinesen sich in China sieben Tage die Woche für umgerechnet 100 Euro den Rücken krumm arbeiten, auf dem Gelände ihres Arbeitgebers nächtigen und keine Privatsphäre haben. Gleichzeitig sei das für die meisten dieser Wanderarbeiter schon ein riesen Schritt Richtung Freiheit und Selbstbestimmung. Es mag aus europäischer Sicht merkwürdig anmuten, doch für die Menschen, die dem feudalistisch geprägten Bauerntum entkommen sind und jetzt als Wanderarbeiter ihr Dasein fristen, sei dies schon Wohlstand, der durch Gesetze vom Staat jetzt auch noch mit Arbeitnehmerrechten versehen wird. Seit diesem Jahr haben nämlich die 800 Millionen chinesischen Arbeiter ein Recht auf einen Arbeitsvertrag, in dem bestimmte Bedingungen geregelt sind, so daß ab sofort der Ausbeutung ihrer Arbeitskraft Grenzen gesetzt wird.
Georg Blume meint, daß man ein 1,4-Milliarden-Menschen-Reich, das über Jahrzehnte extrem kommunistisch geprägt war, nicht von heute auf morgen an die westliche Zivilisation anpassen könne. Natürlich gebe die kommunistische Partei ihre Macht sehr ungern aus den Händen, trotzdem würde man merken, daß China die Richtung hin zur Demokratie einschlüge. Das Land habe seit dem Tod von Deng Xiaoping den Schritt von der willkürlichen Alleinherrschaft hin zur funktionierenden Alleinherrschaft geschafft. Bereits seit zehn Jahren dürften Bürgermeister frei gewählt werden und Todesstrafen dürften nur noch von Richtern und nicht mehr von Parteifunktionären ausgesprochen werden. In den letzten zehn Jahren sei die Zahl der Privatunternehmen von 900000 auf 4,9 Millionen gestiegen, für Georg Blume ist dies ein Anzeichen dafür, daß die Kommunistische Partei akzeptiert, nicht mehr überall mitzumischen. Die Menschen, die immer selbstbewußter und offener würden, erwarteten von ihrer Regierung in Peking, daß sie sich für die Steigerung des Wohlstandes einsetzt. Diese Erwartung zu erfüllen sei die Pflicht der Kommunistischen Partei. Bisher käme es nur vereinzelt zu Unruhen, aber es zeichne sich ab, daß in baldiger Zukunft die Chinesen sich eine eigene Arbeiterbewegung schaffen, die ihre Interessen durchsetzt. Zudem gäbe es laut Blume nicht mehr unendlich viele Arbeitskräfte in dem Land, so daß die Position der Arbeiter aufgrund von Verknappung der Arbeitskräfte sich verbessern wird. Bedauerlicherweise würden jene positiven Entwicklungen in den deutschen Medien von Konflikten wie derzeit in Tibet überschattet werden. Zwar sei das, was in Tibet geschieht, dramatisch, allerdings gäbe es auch Kritik an der Politik des Dalai Lamas, die in Deutschland vor lauter Mitleid mit den Tibetern in den Hintergrund gerate, so Blume. So sei es kein Wunder, daß die kommunistischen Chinesen das medienwirksame Hollywood-Gebaren des geistlichen und aus Sicht der Chinesen fatalerweise ja auch politischen Oberhauptes der Tibeter nicht in Gesprächsstimmung versetze.
Der Autor provoziert mit der These, daß Deutschland auf China zugehen sollte, um das Land mit deutschem Wissen, Rechtswesen und deutscher Gesellschaft vertraut zu machen. Da die Deutschen in China einen guten Ruf haben, könnten sie helfen, die im Aufbruch befindliche Gesellschaft zu prägen und so aus dem Konkurrenten in vielen Dingen einen Partner zu machen.


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Bestes Buch zum Thema

Ohne Verständnis für die pauschalierende Buchschelte von H.Dindorf (der offensichtlich nicht bereit ist, Differenzierendes in sein Chinabild mit einzubeziehen, nur weil die sonstige Presse es nicht liefert), möchte ich hier statt eigener Worte nur auf die von dem Journalisten Karl Feldmeyer verfasste Rezension verweisen (Deutschlandfunk dradio.de vom 09.06.2008), der den Hut vor seinem kollegen zieht. (Leider darf man hier keinen Link einbauen, aber mit den Stichwörtern "Blume Rezension von Karl Feldmeyer" findet man die Seite über Google sofort)
Wer Blumes Buch richtig liest, der nimmt auch seine kritischen Worte war. Man muss es nur auch sehen wollen.


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gegen das China bashing

In letzter Zeit scheint das "China bashing" (Draufhauen) zum Volkssport und China systematisch zum neuen Feindbild gemacht worden zu sein. Einen wesentlichen Beitrag dazu leisten Politiker und Journalisten gleichermaßen (häufig aus einer Mischung aus Unkenntnis, Ignoranz und Profilierungssucht).

Um es gleich vorwegzunehmen: Der Journalist Georg Blume bildet mit diesem Bändchen eine wichtige und bemerkenswerte Ausnahme: Geraderücken kann er die Verzerrungen in der China-Wahrnehmung nicht, dazu gibt es zu viele, die Gewinn aus dem neuen Feindbild China ziehen (man denke nur an die Auflagenzahlen des "Spiegel" mit seinen reißerischen China-Artikeln), aber - und das ist das große Verdienst dieses Essays: Blume liefert gewichtige Argumente und öffnet neue Perspektiven auf China, wobei seine Grundhaltung, mit der er das tut, besonders überzeugt: Es braucht überhaupt keine einseitige Haltung gegenüber China, weder die des Befürworters noch die des Gegners. Das klingt ziemlich banal, ist es aber - wenn man sich die öffentliche Meinung in Deutschland vergegenwärtigt - überhaupt nicht. Hinzu kommt, dass Blume diese Haltung nicht nur fordert, sondern durch seine eigene journalistische Arbeit umsetzt bzw. umgesetzt hat.

Inhaltlich kritisiert er politisches Fehlverhalten und diplomatische Schwächen der derzeitigen Regierung, hinterfragt die Tibet- und Dalai Lama Euphorie (die an die Shangrila-Begeisterung zu Anfang des 20. Jahrhunderts erinnert) und stellt - endlich einmal - auch die Leistungen der chinesischen Regierung heraus: den Umbau des Rechtssystems, die Sicherung der Lebensgrundlage von 1,3 Milliarden Menschen sowie die Bewältigung der zahllosen innerchinesischen Herausforderungen.

Dieses Büchlein ist jedem zu empfehlen, der sich auch nur ansatzweise für das heutige China interessiert und in der Lage und willens ist, seine Vor-Urteile zu überprüfen.




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