Buch: Krisis, Bd.16/17 | Roswitha Scholz, Robert. Bösch
Bücher:
krisis, bd.16/17
Krisis, Bd.16/17
Roswitha Scholz
,
Robert. Bösch
Horlemann Verlag
, 1999 - 221 Seiten
Kundenbewertung:
(1 Bewertung)
weitere Infos, Preis & Bestellmöglichkeit
Zur politischen Ökonomie des Antisemitismus
Globale Finanzkrise und Renaissance des Antisemitismus - so lauten die Schwerpunkte dieser Publikation der
Krisis
-Gruppe.
In dem einleitenden Artikel ?Die Himmelfahrt des Geldes" schildert Robert Kurz die Entwicklung des Kapitals und der Kreditvergabe als untrennbarer Bestandteil der kapitalistischen Industriegesellschaft bis zum Ausklang der fordistischen Ära Ende der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts. Mit dem Steckenbleiben der fordistischen Expansion und der zunehmenden Freisetzung von immer mehr Arbeitskräften aus dem Industriesektor (was freilich territorial höchst unterschiedlich verlief) gelangte nach Ansicht des Autors in den 80er Jahren die kapitalistische Reproduktionsfähigkeit an ihre absolute Grenze. Die Folge wäre in den 90er Jahren ein enthemmter "Kasinokapitalismus": eine Abkoppelung der Finanzmärkte von der schrumpfenden Wertsubstanz. Der rein spekulative Boom beruhe auf einer gigantischen - und immer größer werdenden - Seifenblase ?fiktiven Kapitals", und es sei tatsächlich nur eine Frage der Zeit, wann diese platze und ein Entwertungsschock die tatsächlichen Verhältnisse wieder zum Vorschein brächte. Da sowohl die Mengen substanzlosen Geldes die reale Reproduktion mittlerweile bei weitem übersteige als auch Privatwirtschaft und Staatsfinanzen per Kreditvergabe untrennbar ineinander verwoben seien, würde dieser Entwertungsschock auch die Finanzierungsfähigkeit des Staates irreversibel treffen.
Ernst Lohoff beschreibt - quasi als Ergänzung zu Kurz - in einem zweiten Artikel ?Die harte Landung des Dollar" den Aufstieg und Fall der Weltwährung Dollar. Grundlage dieses Aufstieges war nach seiner Darstellung die Aufgabe der weltweiten Konvertibilität des Goldes - weitgehend als Folge der Kriegsökonomie der führenden Industriestaaten 1914-18. Im Zuge des Abkommens von Bretton Woods, wo 44 Länder im Juni 1944 ein Abkommen über die Ausgestaltung ihrer Währungsverhältnisse nach Abschluß des 2. Weltkrieges trafen, konnte sich der Dollar - damals noch goldkonvertierbar - als faktisches Weltgeld durchsetzen. Der Zusammenbruch des Systems von Bretton Woods erfolgte sehr schnell - endgültig mit der Aufgabe der Goldkonvertibilität des Dollar im Jahre 1971. Da eine Neuorganisation des internationalen Währungssystems nie zustande kam, erfolgte (faktisch als Notbehelf) die Einführung eines Systems fester Wechselkurse - gekoppelt an den Dollar. Das Resultat dieses seitdem permanenten Notbehelfes sei - gemäß Lohoff - sowohl der andauernde Verfall des Dollars als auch seine Ehe mit der globalen Spekulation. Der sich anbahnende weltweite Finanz-Gau könne weder durch eine weitere Stützung des Dollar, noch durch seine Ablösung als Quasi-Weltgeld mehr aufgehalten werden. Denn die Existenz eines Weltgeldes sei mit der Existenz eines Weltmarktes vom Grundsatz her unvereinbar.
Mit der ?politischen Ökonomie des Antisemitismus" beschäftigt sich Robert Kurz in dem letzten Artikel dieser Ausgabe. Mit den ersten Finanzcrashs als Vorboten eines weltweiten Zusammenbruchs des Wirtschafts- und Finanzsystems würden verschiedene, mehr oder weniger offen antisemitische Sekten und politische Strömungen eine Renaissance erleben. Gemeinsamer Faktor solcher Ideologien sei zumeist nicht eine Kritik des Kapitalismus als warenproduzierende Gesellschaft, sondern der mangelnden Tauschgerechtigkeit im Kapitalismus. Statt einer Kritik der Warenproduktion und des Geldes als allgemeiner Ware erfolge eine Kritik des Geldes als Quelle von Zins und Wucher. In den als ideologischen Überbau derartiger Sekten fungierenden Geldutopien würde mittels verschiedener Taschenspielertricks versucht, dem Geld als allgemeines Äquivalent die ihm innewohnenden Eigenschaften abzulisten. Offen antisemitisch würde die aus diesen Theorien resultierende Unterscheidung in ?schaffendes" und ?raffendes" Kapital.
Der gegenwärtige Trend hin zu obskuren Weltverbesserungssekten und -vereinen resultiert - gemäß Kurz - nicht nur aus dem ideologischen Zusammenbruch des überlebten Arbeiterbewegungsmarxismus (der eigenartige Sprünge in nicht wenigen Biographien hervorbrachte und verschiedene gewesene Anhänger in den absonderlichsten politischen Lagern hinterließ). Den Boden für diese Strömung würde auch die allgemeine Stimmungslage bereiten, die für beginnende Zusammenbrüche von als immerwährend stabil angenommener Banken und Wirtschaftsimperien nicht die inneren Gesetze dieser warenproduzierenden Gesellschaft, sondern DEN gewissenlosen Spekulanten verantwortlich macht, der sich in diesem einen Fall wirtschaftlich verkalkuliert oder an der Börse verzockt hat. DER SPEKULANT ist - nach Kurz - das neue, alte Feindbild der politischen Ökonomie des Antisemitismus.
In dem größten Teil dieses Artikels beschäftigt sich Kurz sehr intensiv mit der Lehre von Silvio Gesell - dem derzeitigen theoretischen Guru (nicht nur) eines großen Teils der Anarchisten. Mittels eines administrativen Tricks (Entwertung umlaufender Banknoten - sog. ?Schwundgeld") solle sowohl die Wirtschaft angekurbelt als auch das Übel des ?zinstragenden Kapitals" beseitigt werden. Daß damit die Grundlagen (und auch die Widersprüche) der warenproduzierenden Gesellschaft keineswegs angetastet, sondern im Gegenteil neoliberal verschärft würden, höre man in diesen Kreisen nicht gern. Abgesehen davon hätte eine solche ?Reform" des Ware-Geld-Systems in der Gegenwart noch weniger Aussicht auf Erfolg, als vor 60 Jahren die Vorschläge des Ökonomen J. M. Keynes (der übrigens starke Anleihen bei Gesell aufgenommen hatte).
Von der Ideologie der Gesellianer (und ähnlicher Sekten) bleibt also nur der pure, irrationale Haß auf das ?zinstragende Kapital" und damit - so Kurz - die ?Politische Ökonomie des Antisemitismus". Und gerade in der Zeit einer heranreifenden internationalen Großkrise berge diese falsche, irreale Alternative eine höchst reale Gefahr zu Ausbrüchen barbarischer Denk- und Handlungsmuster.
gb.
weitere Infos, Preis & Bestellmöglichkeit
Suche nach Büchern
krisis
zufällig ausgewählt
Buch:
Einübung in die Literaturwissenschaft: Parodieren geht über Studieren ...
Bitte aktivieren Sie JavaScript, damit diese Seite korrekt funktioniert!