Die Geschichte beginnt mit einem Prolog, in dem man den Bezug zur Fabeltradition erkennt. Es tritt ein Ich-Erzähler auf, der sich wiederum auf die Geschichte seines Großvaters beruft. Es wird dadurch deutlich gemacht, wie mit der Tradition der mündlichen Überlieferung von Erzähltem über Generationen hinweg umgegangen wird. Ein zweiter, nicht außer Acht zu lassender Aspekt könnte sein, das der Figur des Großvaters als erzählerischer Instanz eine große Glaubwürdigkeit anhaftet.Im Prolog werden die den Tieren zugeschriebenen Eigenschaften benannt: ?Der Wolf ist böse, der Hase ängstlich, der Fuchs schlau und die Eule klug", doch in der vorliegenden Umsetzung trifft diese eindimensionale Charakterisierung der Tiere nicht zu. Der Großvater verwirft solcherart Vorurteile und beginnt nun mit einer Geschichte, in der ?alles ganz anders" war.Der Wolf, einstmals böse, wandelt sich zum Heiler. Er studiert Medizin und sammelt Kräuter, um dann als Arzt in den Wald zurückzukehren. Die Eule wittert eine List und warnt alle Tiere, so dass niemand der Waldbewohner die Dienste des ehemaligen Räubers in Anspruch nehmen möchte. Es wird Winter, die Tiere frieren und werden krank und nur der Fuchs hat einen vollen Magen.Der Wolf nimmt ein halbverhungertes Häschen bei sich auf, das er gesund pflegt und das anschließend den anderen Tieren von den Heilkräften des Wolfes berichtet. Doch die Eule gerät ?in helle Aufregung. ?Du bist ein Lockvogel!" schrie sie. ?Dich heilt er, die anderen frißt er! Ich kenne den Mordzahn!" Sie machte eine Pause und wartete darauf, dass der Fuchs ihr zustimmte. Doch dieser schwieg und krümmte sich vor Schmerzen. Selbst auf ein junges und gesundes Häschen hatte er keinen Appetit mehr. Er flüsterte nur noch leise: ?Es tut so weh! Bringt mich zum Wolf!"Der selbsternannte Doktor verordnet dem Fuchs eine vegetarische Diät und ist seither als Arzt anerkannt. Im Epilog findet man wieder einen Bezug auf den Großvater. Der ?glaubte zwar, der Fuchs sei ab und zu wieder rückfällig geworden und man sollte auch nicht zu jedem Wolf in die Praxis gehen. Er sagte das aber sehr leise und hinter vorgehaltener Hand, denn - so meinte er - dies sei sonst kein richtiges Ende für eine solche Geschichte."Ist diese Geschichte eine Fabel? Diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten, doch klar ist: sie stellt sich bewußt zur Fabeltradition und übernimmt viele Stilmittel der ?klassischen Lehrdichtung". Wir finden - wie schon im Anfang erwähnt - den Bezug auf die feststehenden Charakterzüge der handelnden Tiere. Es treten Tiere auf, die sprechen, sich untereinander verständigen und anklagen, die sogar eine akademische Laufbahn einschlagen können. Auch ist diese Geschichte kurz und wendet sich an das zumeist junge Publikum - eine Eigenschaft, die der Fabel im 19. Jahrhundert (bes. Wilhelm Hey) zugeschrieben wurde. Wie bei einer klassischen Fabel läßt sich eine Erzählebene und eine Ebene der Lehre erkennen. Die Tiercharaktere jedoch sind komplex und lassen keine einfache Zuschreibung von Eigenschaften zu. Eine mögliche Moral könnte lauten: Menschen können sich ändern und einseitige Verallgemeinerungen verlieren ihre Gültigkeit. Gerade der Schluß aber verhindert eine naiv-sentimentale Utopisierung der Welt, in der bedingungslos an ?das Gute" geglaubt wird. Insofern stellt diese Geschichte einen höchst modernen und aktuellen Umgang mit der Fabeltradition dar, der in seiner aufklärerischen Aussage auch heute nichts von seiner Gültigkeit verloren hat.