Vita Nuova: Guarnaccias vierzehnter Fall | Magdalen Nabb
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Vita Nuova: Guarnaccias vierzehnter Fall
Magdalen Nabb
Diogenes
, 2008 - 321 Seiten
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Leb' wohl, Salva Guarnaccia
Wie entfernt man Rotweinflecken aus einer Hose?
Wenn es um banale Alltagsdinge geht, ist Maresciallo Guarnaccia hilflos. Außerdem hat er von seiner abwesenden Ehefrau den Auftrag erhalten, sich um den Kauf einer geeigneten und bezahlbaren Eigentumswohnung in Florenz zu kümmern. Damit ist er endgültig überfordert, zumal ihm sein aktueller
Fall
vermutlich den Posten in der schönen Stadt am Arno kostet und sogar seine Familie in Gefahr bringen könnte. Die Versetzung in die tiefste Provinz droht, wenn er seinen Grundsätzen und Moralvorstellungen treu bleibt. Und wann wäre er jemals von ihnen abgewichen?
Guarnaccia werden wir in diesem Buch endgültig zum letzen Mal durch die verschlungenen Wege der Stadt der Medici gehen sehen, denn, Magdalen Nabb lebt nicht mehr. Sie starb sehr plötzlich in ihrer Wahlheimat, die sie uns durch den Maresciallo auf so liebenwürdige, kluge und doch so leise Weise nahe brachte. Salva
Guarnaccias
14. Fall mit diesem jetzt so denkwürdig erscheinenden Titel endet für ihn dann doch nicht im Desaster, so viel sei verraten. Seine Erfinderin war mit ihrem originellen Serienantihelden noch lange nicht fertig, aber der Tod nahm ihr leider die Feder aus der Hand. So bleibt der "Tyrann von Syrakus" zurück, irgendwo im Touristengewimmel rund um den Palazzo Pitti, geerdet durch seinen Charakter und fest verankert in seiner Familie. Am Ende der Geschichte wird er keine Wohnung gefunden haben und abgenommen hat er auch nicht. Aber Teresa ist zurück. Sie wird sich um alles kümmern, auch um den Zustand seiner Kleidung und die Erziehung der gemeinsamen Söhne, die langsam erwachsen werden. Alles wird sein wie immer, aber wir Leser werden nicht mehr dabei sein dürfen.
Begleiten wir also den Maresciallo noch einmal bei seinen Ermittlungen. Wieder einmal ist August, die Stadt kocht in der toskanischen Sonne. Alle, die es sich leisten können, sind ans Meer geflohen und haben ihre Stadt den Touristen überlassen. Guarnaccia ist froh, dass seine Anwesenheit in einer jahrhundertealten Villa mit dicken, kühlenden Mauern erforderlich ist. Sie wird allerdings gerade mit einem Haufen neuen Geldes kaputtsaniert, ihr Charme für Protz und Tand zerstört. Außerdem liegt eine Tochter des Hauses tot mit einer Kugel im Hinterkopf im zweiten Stock des zum Anwesen gehörenden Turms. Die andere ist fassungslos, die Mutter wirkt emotionslos und der Vater liegt nahezu reglos mit einem Schlaganfall im Krankenhaus. Die Tote war unverheiratet und hinterlässt einen kleinen Sohn, dessen Vater nicht zu existieren scheint. Trotz des hohen Lebensstandards hat die Familie kein gesellschaftliches Leben; auch die Nachbarn, und das will etwas heißen, wissen wenig über sie. Staatsanwalt De
Vita
nimmt sich des Verbrechens an und der Maresciallo ist mit im Boot, was ihn etwas wundert, weil De Vita schon lange gar nichts von ihm hält: "Dieserdieser Kerl, begreift nichts, aber rein gar nichts!" Guaranccia hätte gar nichts dagegen, wenn er von diesem Fall verschont bliebe; mit reichen, empfindlichen Leuten kann man sich mehr Ärger einfangen, als man verkraften will. Außerdem beruht die Abneigung auf Gegenseitigkeit: der Kerl hat viel zu weiße Zähne und gefärbte Haare. Und er riecht nach Parfüm!
Doch Pflicht ist Pflicht. Guarnaccia recherchiert. Die Tote hat Chemie studiert. An der Universität weiß man nichts von einem Kind. Der kleine Piero gibt Rätsel auf. Und seine Existenz ist bei weitem nicht das einzige Geheimnisvolle an dieser Familie. Außer der Polizei interessiert sich auch Nesti, ein ehrgeiziger Journalist mit Hang zu exquisiter Kleidung und Nahrung, für die Familie Paoletti. Der Name ist sauber, der Polizeicomputer gibt nichts preis. Nesti aber weiß, dass Paoletti dunkle Flecken auf seiner Weste hat. Zuhälterei und Mädchenhandel stehen plötzlich im Raum, getarnt durch eine private Arbeitsagentur. Das schmutzige Geschäft mit dem großen Elend und die nie versiegende Gier bestimmter Männer auf junge, manchmal sehr junge Mädchen. Als Guarnaccia begreift, in welche einflussreiche Kreise seine und Nestis Ermittlungen führen, zieht es ihm fast den Boden unter den Füßen weg...
Dieser Roman zeigt einmal mehr, dass für Kriminelle das Milieu der Zwangsprostitution und des Menschenhandels nur deshalb so interessant ist, weil damit sehr viel Geld auf einem Markt verdient wird, der sich durch die ganze Gesellschaft zieht. Die lukrativsten Pfründe liegen im Milieu der "besseren" Gesellschaft, wo es hinter der schönen Fassade oft alles andere als fein zugeht. "Vita
Nuova
" handelt aber auch davon, dass die eigene Familie das Schlimmste sein kann, was das Leben zu bieten hat.
Helga Kurz
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Wehmut bleibt zurück
Da die Autorin 2007 plötzlich verstorben ist, ist dieses Buch wohl der letzte (und 14.)
Fall
mit Salvatore Guarnaccia in der Hauptrolle.
Was bleibt von Magdalen Nabb und ihrem Helden? Für einen passionierten Krimileser, der Italien liebt (in den Zeiten von Berlusconi keine leichte Sache), ist die Kombination Magdalen Nabb - Salvatore Guarnaccia ein Glücksfall: Die Autorin lässt ihren Helden von einem Seitenflügel des Palazzo Pitti aus ermitteln (spaziert man durch die Boboli-Gärten Richtung Palazzo Pitti, erblickt man tatsächlich eine Carabinieri-Station!) Magdalen Nabb schuf damit schon einmal das unverwechselbare Florenz-Flair.
Auf der anderen Seite unser Held: kein "Held" im traditionellen Sinn, aber auch kein "Antiheld" - nur ein Polizist, der mit Frau und 2 Söhnen in einer funktionieren Beziehung lebt und - neben der Lösung des jeweiligen Falls - vor allem die Nöte und Sorgen der kleinen Leute "oltrarno" ernstnahm.
Magdalen Nabb, eine kleine, eher unscheinbare Dame (ich konnte sie noch im Frühjahr 2007 bei einer Lesung in Wien erleben), mit neugierigen, wachen Augen wird ihren Lesern in aller Welt fehlen (und natürlich ihrem Stammlokal in Florenz, dem "Casalinga", Via dei Michelozzi, 9 r). Vielleicht sollte man beim nächsten Florenz-Besuch diesem Lokal (in dem man übrigens herrlich isst) einen "Gedenk-Besuch" abstatten?
Daneben verblasst fast die Handlung, die natürlich wieder einmal total am Puls der Zeit ist: Auf einem feudalen Landgut wurde eine junge Frau, eine der Töchter von Signor Paoletti, bestialisch ermordet. Vordergründig sieht die Tat wie ein Raubmord aus, doch Guarnaccia findet sehr schnell heraus, dass hier so einiges nicht passt. Die Situation eskaliert dann so sehr, dass Guarnaccia sogar seine Kündigung einreicht...
Summa Summarum: Die gewohnte Qualität der Story; das liebevoll gezeichnete Flair der Gegend rund um den Palazzo Pitti - und die leise Wehmut des Lesers, dass die Autorin ihre Wahlheimat Florenz viel zu früh Florenz für immer verlassen musste.
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Leider der letzte Band einer beispiellosen Krimireihe einer Schriftstellerin, deren Tod eine große Lücke hinterlässt
Wer Donna Leon Brunetti mag, dürfe Guarnaccia, die Hauptfigur von Magdalen Nabbs Romanen, nicht verpassen, so hat man es in den letzten Jahren immer wieder in zahlreichen Besprechungen gelesen. Leider wird der vorliegende, vierzehnte
Fall
des sizilianischen Maresciallo Guarnaccia in Florenz auch der letzte sein, denn die aus England stammende, seit langem in Italien lebende Schriftstellerin Magdalen Nabb ist im August 2007 in Florenz an einem Hirnschlag gestorben.
Mit Salvatore Guarnaccia hatte sie eine Figur geschaffen, der anders als etwa Donna Leons Brunetti in Venedig sich nicht im gebildeten Milieu bewegt, sondern aus einfachen Verhältnissen stammt. Wer die Reihe beginnt mit dem ersten Band "Tod eines Engländers" und sich dann weiter durchliest, erfährt nicht nur viel über den Lebensweg dieses tapferen Carabiniere und die Organisation der Carabinieri, sondern er kann über einen Zeitraum von fast 25 Jahren die italienische Innenpolitik aus dem Blickwinkel eines Polizisten verfolgen, der das Herz auf dem richtigen Fleck hat und der immer wieder die Nähe zu den Menschen sucht, mit denen er bei seinem Fällen konfrontiert wird. Diese Art, in die oft persönlichen Hintergründe der Taten, die er aufzuklären hat, einzudringen, bemächtigt ihn während einer Ermittlung so vollständig, dass er fast alles andere vergisst.
Im vorliegenden, leider auch letzten Roman, lebt er allein in der Florenzer Wohnung. Seine Frau, die immer wieder größtes Verständnis für seine Arbeit aufbringt, hat wegen einer Krankheit von
Guarnaccias
Schwester mit den beiden Kindern vorübergehend den Wohnort gewechselt und ist zur Schwester nach Sizilien gezogen. Salva, wie sie ihn liebevoll nennt, soll in der Zwischenzeit in Florenz nach einem Haus oder einer Wohnung suchen, denn die alte wird zu klein und außerdem muss man für das Alter vorsorgen.
Doch der neue Fall lässt ihm dazu keine Zeit. Ein Mord an einer jungen Frau im Haus des Geschäftsmanns Paoletti führt Guarnaccia und seine Kollegen nicht nur in den Mädchenhandel und die Sexsklaverei, sondern auch in die Verwicklungen höchster Kreise in diese kriminellen Machenschaften, etwas, das in Italien offenbar gang und gäbe ist.
Der Fall macht ihm so sehr zu schaffen, dass er zwischenzeitlich sogar seinen vorzeitigen Ruhestand beantragt. Doch sein Capitano steht zu ihm und natürlich auch seine Frau ...
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