Sie verbringen zwei Nächte in einem billigen Hotel, bevor François sich getraut, sie in seine schäbige Wohnung mitzunehmen. Doch seine Ängste erweisen sich als unbegründet, Kay ist nichts weniger als anspruchsvoll, und -- so viel sei verraten -- es kommt zum einem der ganz seltenen Happy-Ends, die Simenon sich in seinen Liebesgeschichten leistet.
Die Stärken dieses Romans liegen in der erschütternd klaren Darstellung der zwischenmenschlichen Verständnisschwierigkeiten, die vor allem während der langen nächtlichen Spaziergänge der ersten Buchhälfte überdeutlich zu Tage treten. Kay spricht, François hört zu, versagt sich selbst fast alle ehrlichen Meinungsäußerungen, aus Furcht, er könne Kay abschrecken und verlieren. Immer wieder kommt es zu Konfrontationen aufgrund von Missverständnissen, falschen Erwartungen, unausgesprochenen Befürchtungen. New Yorks nächtliche Straßen bilden den Hintergrund für eine trotz aller Klischees ("alternder Schauspieler", "geschiedene junge Frau") alltäglichen Geschichte, die vor allem durch ihre Dialoge lebt und mit spärlich eingestreuten überraschenden Wendungen die Spannung erzeugt und aufrecht erhält. --Hannes Riffel
Bis ihre Liebe sich manifestiert hat, wird ihre sie schon zu Beginn auf eine harte Probe gestellt. Simenon läßt seine beiden Protagonisten durch einen emotionalen Härtetest durchlaufen, dessen Entwicklung auf eine wunderbar subtile Art geschildert wird, so daß triviale Aktionen, wie zum Beispiel ein flüchtiger Kuß eine enorme Rolle für den weiteren Handlungsverlauf spielen kann. Wenn man sich eingelesen hat und sich mit den Gefühlen und Gedanken auseinander gesetzt hat oder sich sogar identifizieren kann, dann erlebt man eine wirklich spannende Lektüre, die zum weiterlesen auffordert, aber auch zu kurzen reflektierenden Pausen. Besonders der Schluß der Geschichte führt den Leser in die Herzen der Protagonisten und vermittelt das Gefühl, daß die Liebe trotz ihrer Dornen durchaus auch bezaubernde Blüten hervorbringen kann
Auch in diesem Roman geht es um eine "Amour fou", das Grundthema vieler Bücher Simenons. Doch diesem Werk schenkte Simenon - meines Erachtens einmalig - ein "Happy End".
Das Buch ragt auch sonst aus den anderen Werken Simenons heraus, als es durchgehend die kurze Geschichte einer als unmöglich erscheinenden Liebe beschreibt und den Erzählstrang (bis auf wenige Seiten) den beiden Liebenden überlässt.
Vom Maigret-Roman "Die Marie vom Hafen" heißt es, dass er zu den drei schönsten Liebesgeschichten der Welt gehöre. Ich meine, dass der vorliegende Titel diesen Anspruch noch stärker einlöst. Georges Simenon wird von vielen als Autor von "Kriminalromanen" unterschätzt. André Gide schrieb passend: "Ich halte Simenon für einen großen Romancier, für den größten vielleicht und den authentischsten der heutigen französischen Literatur."
Dem ist vor dem Hintergrund dieses Buches wahrlich nichts mehr hinzuzufügen.
Ich mag dieses Buch besonders gerne, weil es meiner Meinung nach das Wesen der Liebe und das Großartige an ihr erfaßt. Und ich liebe das Buch dafür, daß darin trotz der trostlosen Ausgangssituation und der Widrigkeiten im Verlauf der Handlung, am Ende die Hoffnung über die Verzweiflung siegt. Dabei schreibt Simenon elegant und präzise und gleichzeitig völlig frei von Pathos. Man sollte dieses Buch unbedingt griffbereit auf dem Nachttisch liegen haben, wenn einen gerade der schlimme Liebeskummer quält. Doch auch wer schon den richtigen Partner gefunden hat, liest die Geschichte mit Anteilnahme und stellt freudig fest: Ja, genau so fühlt es sich an! Das ist es!
Dieser Roman enthält soviel innere Wahrheit und ist wunderbar geschrieben, so daß er bei mir den Leserausch auslöste. Ich wußte sofort, daß er niemals veralten wird. "Drei Zimmer in Manhattan" gehört in die Hausbibliothek, denn man kann das Buch mehrmals im Leben lesen.
Die erstklassig übersetzte und fein ausgestattete Diogenes-Ausgabe - gut gesetzt im handlichen Format mit Leineneinband und Lesebändchen eignet sich auch als schönes Geschenk für die beste Freundin.
Einen Extra-Stern verdient das New-York-Foto von Andreas Feininger auf dem Buchumschlag.