Monsier Hire ist ein einsam lebender Mann mittleren Alters, der seinen Lebensunterhalt mit einer selbstständigen Bürotätigkeit am Rande der Legalität verdient. Sein Tagesablauf ist durch ein sich stets wiederholendes Schema geprägt, vom Aufstehen, Anziehen, Arbeiten gehen, Essen, Schlafen gehen -- bis hin zu seiner Zeit am Fenster seines möbelierten Zimmers, die er der Beobachtung des jungen Dienstmädchens Alice widmet.
Daran hätte sich nichts geändert, wäre nicht plötzlich im Viertel ein Mord passiert, und wären Alice und M. Hire nicht die Einzigen, die den Täter kennen. Diese Komplizität führt zu einer auf den ersten Blick wechselseitigen Begehrlichkeit, die das Leben des einsamen Herren völlig aus den Angeln hebt, ihn zu einem Schritt veranlasst, den ihm wohl niemand zugetraut hätte -- am wenigsten er sich selbst. Was dann folgt, soll nicht verraten werden. Der Schluss wird allerdings endgültig mit den vielerorts herbeiphantasierten Vorstellungen von der positiven Weltsicht Simenons aufräumen. Der Autor ist gerade 30 Jahre alt, als Monsier Hire entsteht, und der Roman ist das Werk eines erschreckend abgeklärten Menschen. --Hannes Riffel
Sicher, auch die hier andernorts gelobte Verfilmung von Patrice Leconte ist meisterlich, doch zeichnet sie einen anderen Hire, einen willensstarken, einen filmgemäßen Gegenspieler für die Polizei, was der Hire Simenons zu keiner Zeit ist, einen Menschen, der durch seine Unfreundlichkeit die Ablehnung der anderen provoziert, wo doch Simenons Hire ganz im Gegenteil mit Entschuldigungen auf den Lippen durchs ihn zurückweisende Leben stolpert. Der Film hebt einen Inspektor aus den holzschnittartigen Skizzierungen Maigrets hinaus, gibt Erklärungen für sein Tun und schwächt gerade dadurch die fast surreale Situation der befremdenden Überwachung Hires.
Es ist eine andere Geschichte, die der Film erzählt, auch er auf seine Art und durch die versiert genutzten audiovisuellen Mittel bewegend, eine viel tiefere Intimität, die er in der Beziehung zwischen Hire und Alice zeichnet. Doch die Geschichte wird damit zur Geschichte zwischen zwei Menschen und eines Verrats, nicht zum Schicksal eines Einzelnen in der ihn wie einen Fremdkörper ausstoßenden Umwelt.
Man kann nur empfehlen, sich beide zu Gemüte zu führen: Film und Buch (insbesondere das von Bögel im bester simenonscher Nüchternheit vorgetragene Hörbuch) und sich sein eigenes Bild zu machen: welcher Hire geht einem näher? Beide sind auf ihre Art bewegende Kleinode, die lange in einem nachhallen.
Georges Simenon, vor allem durch seine Kommissar-Maigret-Erzählungen bekannt geworden, stellt in diesem Roman nicht die meisterhafte Aufklärung eines Kriminalfalles dar, sondern der Kriminalfall dient als Hintergrund und Auslöser der Geschehnisse. "Die Verlobung der Monsieur Hire" trägt novellenhafte Züge, eine unglaubliche Begebenheit, klar und schnörkellos erzählt, die den Leser in ihren Bann zieht, ihn gleichsam zum Voyeur macht, welcher das Treiben aus sicherer Entfernung mitverfolgt. Und auch wenn man den Ausgang der Geschichte kennt, verliert sie nichts von ihrer Wirkung; ein Buch, das man auch ein zweites und drittes Mal liest...