Dieses Buch enthält Tagebuchaufzeichnungen von Georges Simenon aus den Jahren 1960 bis 1963 und ist einfach faszinierend. Der nackte Mensch Simenon schreibt über sich und den nackten Menschen an sich.
"Andere Autoren mögen mehr wissen über die Gesellschaft. Über den einzelnen Menschen weiss keiner so viel wie er", wird Georg Hensel auf dem Backcover dieses Taschenbuchs zitiert. Und das ist keine leere Phrase.
Am 20. September 1960 notiert er: "Seit dreissig Jahren versuche ich, verständlich zu machen, dass es keine Verbrecher gibt."
Dieser Satz ist - unter anderem seit seinem Landsmann Dutroux - natürlich schwer nachvollziehbar. Dennoch, oder gerade deswegen, ist die Lektüre der intimsten Aufzeichnungen des Mannes, der die Frauen liebte und auch in seinen Verbrechern lebte, so interessant.
Wer Simenon mag, wird dieses Buch verschlingen und viel über einen Schriftsteller, sein Leben und auch über sich selber erfahren. Er wird im Privatleben eines Autors lesen und Lust auf die Lektüre seiner Bücher bekommen. Und wer schon einmal Simenon gelesen hat, bekommt hier Hunger auf noch mehr "Sim".
Simenons Romane spiegeln das tägliche Leben auf dem Lande oder in einer französischen Kleinstadt wieder, aus dessen Banalität der Mensch plötzlich herausgerissen wird oder sich selber absetzt. Menschen wie Du und ich, die auf einmal an einem Wendepunkt ihres bis dahin so alltäglichen Lebens stehen. Oft wusste Simenon bei Beginn des ersten Kapitels selber noch nicht, wie der Roman enden würde, der unter seiner Feder sozusagen seine Eigendynamik oder seine eigene Dramatik entwickelte.
Zwar ist Kommissar Maigret zu einem Markenzeichen geworden, aber diese Krimis hat Sim, wie er gerne übertrieb, "nur zur Erholung" zwischen diesen "harten" Romanen geschrieben.
Ich habe schon unzählige Romane von Sim gelesen, meist in der französischen Originalversion und in Frankreich.
Empfehlen kann ich sie alle und allen.
Zu Maigret passt am besten ein Pastis oder ein trockener Weisswein.