Anregend: Ettore Ghibellino erhärtet seine These, dass der Dichter und Herzogin Anna Amalia ein Paar waren
Kann das sein? Gab es ausgerechnet im Leben Goethes, von dem jeder Tag, nahezu jede Stunde penibel dokumentiert wurde, eine heiße Liebesgeschichte, die bis heute unbekannt ist? Kaum zu glauben. Doch wer das Buch "Eine verbotene Liebe" von Dr. Ettore Ghibellino liest, der wird grübeln, der wird staunen. Und das mit gutem Grund; denn dieser Forscher und Schriftsteller versucht mit über 900 Belegen zu beweisen, dass Johann Wolfgang von Goethe und Herzogin Anna Amalia ein Liebespaar waren.
Die aus Braunschweig stammende Rokoko-Fürstin, die mit 18 Jahren Witwe wurde und für ihren unmündigen Sohn Carl August mitten im Siebenjährigen Krieg die Regentschaft über das verschuldete Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach übernahm, war eine hoch gebildete, kluge, politisch weitsichtige Frau.
Anna Amalia - auch Weimars weltberühmte Bibliothek entsprang ihrer Initiative - regierte nicht nur mit ökonomischem Geschick, sondern schuf auch die Basis für Weimars Musenhof, der die Großen jener Epoche lockte: Goethe, Schiller, Humboldt, Hegel, Fichte und viele andere. Es wäre kein Wunder, wenn ein attraktiver Mann wie der junge Goethe und diese - nach dem Geschmack jener Epoche - in jeder Beziehung reizvolle Frau sich ineinander verliebt hätten.
Warum hätte das verborgen bleiben müssen? Ghibellino beschreibt es und skizziert auch die Zwänge jener Zeit. Es war Bürgerlichen, selbst Angehörigen des niederen Reichsadels, schlicht unmöglich, eine Ehe oder eine legale Beziehung zu einem Mitglied des Hochadels einzugehen. Der Bestand eines ganzen Fürstentums hätte in Gefahr geraten können. Beispiele für solche Standesvergehen gab es jede Menge. Sie endeten oft tragisch.
Es wäre also keineswegs ungewöhnlich, wenn Goethe und Anna Amalia für ihre Liebe, die angeblich 1775 entbrannte, ein wirkungsvolles Netzwerk der Täuschung gesponnen hätten. Viel spricht dafür, dass es tatsächlich so war, und dass die Hofdame Charlotte von Stein lediglich als eine Art "Strohfrau" fungierte und die 1600 Briefe an sie in Wirklichkeit Anna Amalia meinten.
Doch nicht nur das. Es gibt auch Dokumente, die der Hof jahrelang unterdrückte, und es gibt zeitgenössische Quellen, die bisher niemand ernst nahm. Deren Aussagen gewinnen nun unter dem neuen Blickwinkel durchaus an Bedeutung. So schrieb die Gräfin Egolffstein 1828: "Indessen muss man die Geschicklichkeit bewundern, womit Frau von Stein ihr künstliches Spiel durchzuführen wusste, so dass sie für Goethes Geliebte galt."
Auch die Gräfin Görtz berichtete schon 1778 ihrem Mann, einem preußischen Minister, dass Anna Amalia Goethes Geliebte sei. Nach dieser Görtz-Erkenntnis, so Ghibellino, wurde die Affäre indes für die beiden wirklich gefährlich. Goethe musste - so meint der Autor - nach Italien fliehen, um den Skandal zu unterdrücken. Von diesem Zeitpunkt an lebten Anna Amalia, wie Ghibellino es ausdrückt, als "Entsagende". Die sinnliche Liebe durfte von nun an keine Rolle mehr spielen, aber die Zuneigung der beiden blieb bis zum Lebensende unerschütterlich.
Vor diesem Hintergrund gewinnen zahllose verschlüsselte Botschaften in Goethes Werk verblüffende Klarheit; beispielsweise handelt ja auch der "Tasso" von der Liebe eines Dichters zu einer Prinzessin. Selbst gegenüber Eckermann betonte Goethe einmal: "Die wahre Geschichte der ersten zehn Jahre meines weimarischen Lebens würde die Welt nimmermehr glauben."
Die allgemein gültige Formel juristischer Beweislehre lautet: Überzeugung ist dann gewonnen, wenn ein nach der Lebenserfahrung ausreichendes Maß an Sicherheit vorliegt, dem gegenüber vernünftige Zweifel nicht mehr aufkommen. Nach diesem Grundsatz bleibt nur eine Erkenntnis: Ghibellinos Buch ist ein (übrigens mit vielen Braunschweig-Details angereicherter) Geschichtskrimi, der nun den Goethe-Forschern neue Aufgaben stellt.