Geschichte der Kriegskunst. Das Altertum. Die Germanen. Das Mittelalter. Die Neuzeit: 4 Bde. | Hans Delbrück
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geschichte der krieg...
Geschichte der Kriegskunst. Das Altertum. Die Germanen. Das Mittelalter. Die Neuzeit: 4 Bde.
Hans Delbrück
Nikol Verlag
, 2003
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Revolutionär und unübertroffen
Hans Delbrücks
Geschichte
der
Kriegskunst
ist heute noch so innovativ und modern wie bei ihrem Erscheinen vor über achtzig Jahren. Mit erstaunlichem Nachdruck macht dieses Werk deutlich, daß die Wissenschaftsgeschichte nicht gradlinig verläuft. Manchmal gehen wichtige Erkenntnisse verloren und müssen von späteren Generationen mühsam wiederentdeckt werden.
Anders als viele heutige Historiker wußte Delbrück nicht nur theoretisch, daß Armeen als soziale Organisationen in den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen ihrer Zeit wurzeln, sondern brachte diesen Zusammenhang auch auf Schritt und Tritt in seiner Darstellung zur Geltung. Warum griechische Phalanx und römische Legion ohne den antiken Stadtstaat undenkbar gewesen wären, die
mittelalter
lichen Ritteraufgebote aber den Feudalismus und die
neuzeit
liche Infanterie der Schweizer unabhängige Gemeinden bäuerlicher Bergbewohner voraussetzten, wird in keiner anderen Militärgeschichte so eindringlich erläutert.
Dieser 'ganzheitliche' Zugriff, die Fähigkeit, eine Heeresorganisation in ihrem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang zu sehen, erlaubte es Delbrück, tiefe strukturelle Veränderungen in der Kriegsgeschichte weit besser zu erklären als die meisten seiner Vorgänger und Nachfolger. So konnte er zeigen, daß die klassische römische Armee, jene Institution, der die Stadt am Tiber ihre Weltherrschaft verdankte, in der großen Krise des dritten Jahrhunderts n. Chr. zugrunde ging. Danach verteidigte sich das Reich zwar noch mühsam mit germanischen Söldnern, aber sein Untergang war lediglich eine Frage der Zeit. Die Völkerwanderung war also nicht der Höhepunkt des Kampfes von Römern und
Germanen
, sondern eine Auseinandersetzung der Germanen untereinander - der von außen eindringenden gegen solche, die in römischen Diensten standen. Nirgends konnte ich bislang eine überzeugendere Erklärung für den Fall des Römischen Reiches finden.
Schonungslos räumt Delbrück mit dem Mythos auf, die Niederlage des Rittertums am Ende des Mittelalters verdanke sich den aufkommenden Feuerwaffen. In den Burgunderkriegen, der entscheidenden Auseinandersetzung der alten Ritteraufgebote mit der neuen Infanterie der Schweizer, wurden die Feuerwaffen vielmehr auf Seiten der Burgunder eingesetzt und konnten den Untergang des Rittertums nicht verhindern. Die militärische Revolution der Neuzeit ging von einer taktischen Innovation aus, nicht von einer neuen Technologie. Das Rittertum verschwand nicht wegen, sondern trotz der Feuerwaffen. (Generationen späterer Historiker scheinen davon nie etwas gehört zu haben. Man nehme nur W. H. McNeill, "Krieg und Macht" und G. Parker, "Die Kriegskunst und der Aufstieg des Westens". Delbrücks Einsichten machen deutlich, warum kriegshistorische Forschungen keine Liebhaberei, sondern zum Verständnis der allgemeinen Geschichte unverzichtbar sind).
Überhaupt ist die Entwicklung des 'taktischen Körpers' von der antiken Phalanx über den Gevierthaufen der Schweizer bis zur Lineartaktik des Siebenjährigen Krieges einer der zentralen Gesichtspunkte, die Delbrücks Werk durchziehen und sicherstellen, daß dessen enorme Stoffülle sich als übersichtlich erweist. Durchgehend bestätigt sich dabei die sekundäre Rolle von Technik und Bewaffnung in der Kriegsgeschichte.
Delbrücks wichtigste methodische Neuerung war die 'Sachkritik'. Im Unterschied zur traditionellen Quellenkritik, der es nur um die Überprüfung von Parteilichkeit und innerer Logik der Überlieferung geht, sollte die Sachkritik darüber hinaus die reale Möglichkeit der Quellenangaben untersuchen. Ein Beispiel: Herodot beziffert das Perserheer auf über vier Millionen Mann. Können die Perser im 5. Jh. vor Chr. ein solches Heer einheitlich bewegt und verpflegt haben, wenn Napoleon später mit all den Hilfsmitteln seiner Zeit schon daran scheiterte, nur 600.000 Soldaten in Rußland zu versorgen? (Man kann den Gedankengang fortsetzen: Die Wehrmacht geriet trotz Eisenbahn, LKWs und Flugzeugen in erhebliche logistische Schwierigkeiten als sie die Sowjetunion mit etwa drei Millionen Mann angriff). Ausgehend von derartigen Überlegungen schritt Delbrück zu einer gründlichen Revision der überlieferten Zahlenangaben. Die Perser waren zahlenmäßig nicht stärker, sondern schwächer als die Griechen. Alexander der Große wie auch Cäsar konnten sich in jeder ihrer Schlachten auf die eigene numerische Überlegenheit verlassen. Die Germanenheere, die das Römische Reich eroberten, zählten kaum mehr als 10 bis 15.000 Mann, usw.
Indem er seine realistische Korrektur der Heereszahlen durch eine gründliche Berücksichtigung topographischer, organisatorischer und psychischer Gegebenheiten ergänzte, gelangen Delbrück Rekonstruktionen von Schlachten und Feldzügen, die bis heute mustergültig sind. Vergleicht man damit die teilweise kritiklose Hinnahme auch absurdester Quellenangaben in den Arbeiten neuerer Historiker (z. B. John Keegans Darstellung der Schlacht von Azincourt in seinem Buch "Das Antlitz der Schlacht"), so kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, daß noch viel Zeit vergehen dürfte, bis die Militärgeschichtsschreibung wieder das Niveau Delbrücks erreicht haben wird.
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Mehr als nur ein Standardwerk
In seiner
Geschichte
der
Kriegskunst
untersucht Delbrück Kriegskunst und Heerwesen von den Perserkriegen bis in die napoleonische Zeit. Ausführlich präsentiert er die einzelnen Entwicklungsstufen, widmet sich den Eigenarten der einzelnen Völker bzw. Staaten und gibt soziale, wirtschaftliche und technologische Hintergründe an. Einen wesentlichen Teil seines Werkes bilden die Beschreibungen zahlreicher Schlachten, wobei manche Schlachtenbeschreibungen, abhändig von der Quellenlage und ihrer Bedeutung im inhaltlichen Kontext des Buches, sehr ausführlich, andere nur sehr konzise sind. Neben der eigentlichen Beschreibung werden die Schlachtverläufe analysiert und Gründe für Sieg bzw. Niederlage genannt. Dabei stützt sich Delbrück, Nachfolger Heinrich von Treitschkes an der Universität Berlin, auf die Arbeiten seiner "Schüler", anderer bedeutender Autoren und die historischen Quellen.
Sein wissenschaftlicher Standard und seine Quellenkritik sind hervorragend, seine Schlüsse fundiert und ausführlich dargelegt.
Wer Kriegskunst verstehen will, der ist mit diesem Werk vollständig bedient. (Teils umfangreiches) Vorwissen, sowie Kenntnisse in Latein, (Alt)Griechisch und Französisch sind jedoch hilfreich.
Leider sind die Bücher kaum illustriert, der Mangel an Schlachtskizzen und Skizzen von Truppenformationen und Aufstellungen ist ein Minuspunkt. Delbrück überarbeitete sein Werk bis zu seinem Tode im Jahr 1929 zwar mehrfach, doch sind manche Passagen inzwischen wissenschaftlich überholt und veraltert. Auch weichen einige seiner Theorien von der (schon damals) allgemein anerkannten und inzwischen bestätigten und gefestigten Lehrmeinung ab.
Der Leser erfährt deutlich, auf welch quellenmäßig dünnem Eis sich Historiker in manchen Themengebieten bewegen müssen und in welchem Umfang fundierte Spekulationen möglich bzw. nicht möglich sind.
Im Großen und Ganzen ein Werk, das ich nur wärmstens empfehlen kann!
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