In »Beute(l)züge durch die Literatur« haben die Herausgeber Franz / Dielmann erstaunliche Entdeckungen gemacht: Da findet man schon aus dem Jahr 1975 einen langen (mit 12 Seiten der längste im Band) Essay über das dräuende Problem der »artgerechten« Müllentsorgung ? und der Autor Italo Calvino liefert gleich eine regelrechte Soziologie des Umgangs mit Müll in den verschiedenen Ländern und Gesellschaften an. Da gibt es Autoren wie Christa Wolf, die uns die bunte Psychowelt der Nachbarschaftsprobleme anhand von Müllbeuteln und -tonnen neu vorführen, da sind ulkige Beiträge wie das »Gedicht Müllionäre« von Heinz Erhardt, da treten Erzählungen auf von den Berühmtheiten des aktuellen Buchmarktes wie Stuart O?Nan und Stephan King. Was aber besonders erfreulich ist: Man bekommt auch ganz frische, eher unbekannt, sehr überraschende Stimmen zu lesen. Ingrid Mylo kenne ich noch aus ihren immer beschwingenden, dabei Walter-Benjamin-starken Prosasplittern aus dem »Pflasterstrand« (selig), und so ist es die Freude des Wiederentdeckens, mit der man ihren Besuch bei einem wichtigen Medienmenschen liest, zu dem sie vor lauter Aufregung ihre nicht entsorgte Mülltüte mitgeschleppt hat; und das stinkt nun allen Beteiligten. Dirk Hülstrunk ist ein ganz junger Radiomacher, den die Herausgeber mit einem Entsorgungsgedicht aufgenommen haben. Ulrike Draesner ist schon gut angekommen im Literaturbetrieb, denke ich, aber sie ist noch immer für eine lyrische Überraschung gut. Peter Untucht war mir völlig unbekannt ? aber so geht das mit wichtigen und richtigen Büchern: Man findet gleich zwei neue, die man lesen muß, gleich drei alte, die man wiederlesen muß, gleich vier, die man am liebsten selbst schreiben möchte. ? Da das bei den meisten von uns wohl nichts wird, empfiehlt sich dieser »Beute(l)zug« nur um so mehr!
Anfängliche Skepsis war aber ganz schnell durch schallendes Lachen abgelöst. Denn die Beiträge in dem Buch sind Gold wert - nicht nur für jemanden, der mit der Aufhängung seines Mülleimers und den sich verwurschtelnden Mülltüten kämpft und dafür von Freunden verulkt wird!
Höchst unterhaltsam schildern in den Texten Literaten von ihren Kämpfen mit dem täglich anfallenden Müll, und das geht sogar so weit, dass einer der Schriftsteller im Halbschlaf von der Erfindung des idealen Müllbeutelverschlusses träumt. Viele bekannte Autorennamen sind vertreten, aber auch völlig unbekannte. Es bleibt offen, wer die stärkeren Texte liefert und mehr vom Problem mit dem zu entsorgenden Gemülle unserer Zivilistation weiß, die Alten oder die Jungen.
Dass das Buch, das sehr ansprechend hergestellt ist, von dem Müllbeutel-Hersteller Swirl unterstützt wurde, schadet der Sache - entgegen anfänglicher Skepsis auch in dieser Richtung - überhaupt nicht. Im Gegenteil, man merkt den kleinen Begleittexten zu der Literatur an, dass da viel Sachverstand recht informativ eingearbeitet wurde.
Die »Beute(l)züge durch die Literatur« sind ein vergnügliches und aufschlußreiches Buch, bei dem Literatur zeigt, was sie - auch - kann: Auf wichtige Themen hindeuten, unsere Selbstverständlichkeiten hinterfragen, Ideen aufreißen. Ich finde, das lohnt sich gelesen zu werden.