"Was für alle Welt das Unbewusste, ist im kreativen Sinne für den Schriftsteller die Muse. Es sind lediglich zwei Bezeichnungen für dieselbe Sache. Wie wir es auch nennen, die Essenz des Individuums, das wir rühmen, dem wir Altäre bauen und zu dem wir uns in unserer demokratischen Gesellschaft bekennen, liegt darin. Daraus ist das Material der Originalität: Die Gesamtheit der gespeicherten und wieder vergessenen Erfahrungen, formt jeden Menschen, so dass er sich von allen anderen Menschen dieser Welt unterscheidet."
Das habe ich klarer und besser formuliertr noch nirgendwo gelesen. Aber Bradbury sagt nicht nur wie man Kreativität findet, sondern auch wie sie bei einem bleibt, die Muse:
"Mag Kreativität eher laute oder leise Stimmen? ... Die laute, die leidenschaftliche Stimme scheint am besten zu gefallen. Die Stimme im Konflikt erhoben, die Gegenüberstellung von Gegensätzen. Setzen Sie sich an Ihre Schreibmaschine, suchen Sie sich unterschiedliche Charaktere und lassen Sie sie mit großem Getöse aufeinanderprallen. Sofort ist Ihr verborgenes Ich alarmiert. Wir alle sind fasziniert von Entscheidungen, Stellungnahmen - von jemandem, der laut für etwas ist, oder jemandem, der laut dagegen ist.Das soll nicht heißen, dass die ruhige Geschichte zurückstehen muss. Man kann in eine stille Geschichte ebenso viel Leidenschaft einbringen wie in jede andere. In der stummen Schönheit der Venus von Milo liegt sehr viel Erregung. Hier ist der Betrachter so wichtig wie der betrachtete Gegenstand selbst.Seien Sie sicher: Wenn aufrichtige Liebe spricht, wenn wahre Bewunderung beginnt, wenn Erregung aufsteigt, wenn sich Hass wie Rauch emporwindet, brauchen Sie niemals Zweifel daran zu haben, dass die Kreativität lebenslang bei Ihnen bleibt."
Meine Empfehlung: lesen Sie das ganze Kapitel, das alleine ist schon das Buch wert, ganz abgesehen von den anderen nicht weniger faszinierenden - ja: Storys. Denn Bradbury schreibt über das Schreiben wie er seine Geschichten geschrieben hat. Was für ein grandioses "Fachbuch"!
Ray Bradbury ist ein richtiger Dichter, ein Poet und ausgesprochener Rechtshirner. Er hat Science-Fiction-Geschichten geschrieben, die inzwischen zu den Klassikern der Weltliteratur gehören. Wer von ihm ein Rezeptbuch erhofft, das zeigt, wie man einen verdammt guten Roman schreibt, der wird möglicherweise erstmal ordentlich enttäuscht sein. Wer aber beim Schreiben etwas Wahres und Tiefes erreichen will und nicht nur nach Auflage oder Anerkennung in literarischen Kreisen schielt, der bekommt eine wunderbare Anleitung, wie man zuerst ein (neuronales) Wissensnetz anlegt und dann mittels Wortassoziazionen gute Geschichten daraus zutage fördert.
Meiner Ansicht nach braucht man höchstens drei ANLEITUNGSBÜCHER, um Schreiben zu lernen:1. "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt"2. "Schreiben in Cafés"3. "Zen in der Kunst des Schreibens" - alle bei amazon zu kriegen. Dann muß man man aber noch mindestens fünftausend Bücher quer durch alle Genres und alle Wissensgebiete gelesen haben - mindestens dreitausend gute Bücher über alles Mögliche und nochmal zweitausend Bücher über alles Unmögliche. Sonst wird's nix mit der Kunst, sagt Ray Bradbury (...und ich sage das auch).
"Zen in der Kunst des Schreibens" ist übrigens leicht lesbar und so gut geschrieben, daß es auch für diejenigen empfohlen sei, die etwas Zeitloses und Schönes für ihre Hausbibliothek suchen. Außerdem ein prima Geschenk für Science-Fiction-Fans und als Taschenbuchausgabe dazu noch erschwinglich.
Der entscheidende Unterschied ist ganz einfach der: Bradbury schreibt Literatur. Und in diesem Buch schreibt er darüber, wie er schreibt, wie er Ideen aus sich hervorholt (ein wunderbares Kapitel!)und daraus Geschichten formt, die man liest und die - bleiben, die die Zeit überdauern.
Ich finde das Kapitel über Mr. Electrico zum Beispiel grandios oder was er über den Zirkus schreibt - war nicht jeder von uns als Kind vom Zirkus fasziniert, verängstigt oder begeistert? Aber wer hat darüber geschrieben - Bradbury liefert wunderbare Beispiele, die wirklich zeigen, wo der Stoff liegt, über den man schreiben sollte. Und wie lebendige Geschichten entstehen.
Ich finde aber auch die handwerklichen Tipps wertvoll, - welcher große Schriftsteller lässt sich denn schon die Karten blicken - Bradbury legt sie auf den Tisch, für alle, die bereit sind, davon zu lernen.
Und noch etwas: Ich kenne kein anderes Buch, das so motiviert, man möchte sich zwischendurch einfach hinsetzen und schreiben!