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Fortunatus

Reclam, Ditzingen, 1996 - 358 Seiten

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"Fortunatus", ein frühneuzeitlicher Prosaroman.

Fortunatus (1509)

?Fortunatus" ist ein Prosaroman, der nach heutigen Erkenntnissen Ende des 15. Jahrhunderts entstanden ist und 1509 erstmals gedruckt wurde. Mit grosser Wahrscheinlichkeit kommt der Verfasser aus einem der merkantilen Zentren des süddeutschen Raums, vermutlich aus Augsburg. Der Roman gehört zu den populärsten Volksbüchern des 16. Jahrhunderts. Es existieren davon frühneuzeitliche Übersetzungen in 13 andere Sprachen. Der Verfasser verwendet herkömmliche Märchenmotive, gibt aber auch Einblick in Gesellschaftsverhältnisse und schildert realistisch die Welt des späten 15. Jahrhunderts. In unseren Tagen ist der Text zu einem exemplarischen Repräsentanten der epischen Literaturgattung der frühen Neuzeit avanciert.

Der Roman ist zweigeteilt. Der erste Teil handelt von Fortunatus, dem Sohn verarmter Eltern, der in die Welt zieht um dort das Glück zu suchen. Von einer Glücksjungfrau erhält er eine Glücksgabe, welche er vorsichtig nutzt und so zu Macht und Reichtum kommt. Der zweite Teil handelt von seinen beiden Söhnen, welche die Glücksgaben erben, sie aber nicht richtig einsetzen und daran zugrunde gehen.

Zu Beginn der Lektüre hatte ich ein wenig Mühe mit der frühneuzeitlichen Sprache. Im Vergleich zu andern Büchern dieser Epoche (z.B. Dil Ulenspiegel) scheint mir die Sprache im ?Fortunatus" etwas anspruchsvoller zu sein. Doch sobald die Sprache einmal vertraut ist, wird der Roman unterhaltsam. Auch kann aus jedem Märchen etwas gelernt werden und für mich ist es interessant herauszufinden, was der Autor mit dem Buch sagen will. Ich finde es schwierig, eine Sprache zu analysieren, die mir nicht geläufig ist. Im Roman besteht keine eigentliche dichterische Gestaltung. Ich kann auch keinen besonderen Stil erkennen, die Ausdrucksweise des Verfassers ist ähnlich wie bei anderen Autoren dieser Zeit. Er erzählt die blossen Ereignisse, die Charakterisierung der Personen erfolgt nicht durch Gedanken oder Äusserungen.

Meiner Meinung nach ist das Geld-Weisheit-Motiv das Hauptmotiv des Romans. Ich denke aber, dass man das Problem nicht schwarz-weiss (Geld = negativ, Weisheit = positiv) auffassen kann, denn Reichtum bedingt auch ein gewisses Ausmass an Weisheit. Das Wichtige ist die Kombination der beiden Motive, was der Verfasser mit der Person von Fortunatus darstellt. Den Gegenbeweis dafür liefert der Untergang der beiden Fortunatussöhne, die durch Unklugheit ihren Reichtum (und ihr Leben) einbüssen. Die erzieherische Absicht des Erzählers ist es, dem Leser sowohl ein nachahmenswertes Vorbild (Fortunatus) als auch ein abschreckendes Beispiel (Söhne) verschiedener Verhaltensweisen im Zusammenhang mit Geld respektive Reichtum zu geben. Die Stadt und mit ihr das städtische Bürgertum als repräsentative Verkörperung der neuen Zeit spielen im Volksbuch eine entscheidende Rolle. Ich denke, dass sich der Verfasser aufgrund seiner genauen Schilderungen von Handelsangelegenheiten in dieser Sparte sehr gut auskannte. Was im Roman auch immer wieder zum Ausdruck kommt, ist die neuzeitliche Spezialisierung der Berufe und Handwerke (im Buch vor allem im Wirtschaftssektor dargestellt). Dass der Besitz von Geld allein nicht mit dem ?richtigen" Reichtum und mit dem Grossadel im Verbindung gebracht wird, zeigt mir die Tatsache, dass immer noch Wert auf Besitz von Land und Leuten gelegt wird. So sieht Fortunatus die soziale Gleichstellung mit dem Grossadel als erstrebenswertes Ziel. Im Roman kommt der strukturelle Umbruch des späten 15. Jahrhunderts zum Ausdruck: der Niedergang des Adels und der Aufstieg der bürgerlichen Welt. Ich denke, der Verfasser steht nicht auf Seite des Adels, was viele Stellen mit beschämenden Bildern des Adels zeigen. Aber er kritisiert auch das Bürgertum, und gegen das Bauerntum hegt er tiefe Verachtung. Meiner Meinung nach bezieht der Verfasser allgemein kritische Stellung zu dem grob-materialistischen Verhalten sowohl der Vertreter des Bürgertums wie auch des Adels. Eine Parallele zur Epoche zeigt sich mir im humanistischen Bildungsstreben, welches der Autor durch Streben nach Weisheit darstellt. Ein Beispiel für die Zunahme der Bildung des Bürgertums ist Fortunatus, der einen Lernprozess durchläuft und Verhaltensweisen entwickelt, um sich in der von Eigennutz und Gewinnsucht beherrschten Gesellschaft zu behaupten. Im Gesamten zeigt der Verfasser dieses Romans die Probleme und Möglichkeiten des Übergangs vom Feudalen zum Bürgerlichen Zeitalter sehr deutlich auf.

Seiner schwierigen Sprache wegen kann ich das Buch nur bedingt empfehlen. Wer aber ein für die epische Literatur der frühen Neuzeit repräsentatives Buch sucht, ist mit ? Fortunatus" gut bedient. Ein Anreiz für die Lektüre dieses Romans könnten die verschiedenen extremen Deutungspositionen sein, denn damit ist die Aufgabe, den Text zu deuten, dem Leser selber überlassen.

Gian Andrea Prevost, Kantonsschule Chur


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