Es steht viel zwischen den Zeilen. Es wird viel ausgelassen, und das Übriggebliebene lenkt auf überraschende Weise den Gedanken ins Nicht-Erwartete. Das ist ein Erlebnis, das man nicht nur bei der Gruppierung der großen Stoffmassen hat, sondern auch in jedem einzelnen Abschnitt oder gar Satzbau. Insofern ist es fast eine Vorwegnahme aphoristischen, von Lichtenberg erfolgreichst im deutschsprachigen Gebiet begründeten Denk- und Schreib-Stils: Pointe, gegenläufiges, nicht der Menge verhaftetes, moralisches Urteilen, untergründiger Spott, psychologisches, fast diabolisches, verstecktes Argumentieren.
Wie kommt es zu so einer solch vor-modernen Bewußtseinslage? Durch die Spaltung, die jeder heutige Gymnasiast am eigenen Leibe erleben darf: Dem Zwang zur Anpassung und dem Hang zur nicht indoktrinierten Selbstfindung. Mit diesem Eiertanz mußten fast alle römischen Schriftsteller leben: Gehorsam nach Außen gegenüber der Macht der mit verächtlichen Todesurteilen nur so um sich werfenden Kaiser-Cliquen einerseits und andererseits Selbst-Respekt nach Innen als Aufbruch zum würdigen Aufschreibekünstler und unbeirrten Chronisten, der sich vorsichtig soviel Bitternis erlaubt, wie gerade noch tolerierbar bleibt. Dieser Drahtseilakt - ist es dies, was man den heutigen Schülern und Schülerinnen nahelegen will, die immer noch Tacitus durcharbeiten müssen?
Oder ist es gar noch simpler? Wird in Deutschland GERMANIA so gern hervorgekramt, weil man sich bis zur Trotteligkeit selbstverliebt an Tacitus hängt, der die wertkonservativen Verhaltensweisen bäurischen, germanischen (Un-)Wesens höher stellt als die dekadent großstädtischen der verruchten römischen Genußgesellschaft? Diesen Fingerzeig sollte man vielleicht taciteisch zu unterlaufen beginnen: spöttisch, unbeweisbar, lakonisch... Vielleicht hat uns Tacitus vorgemacht, wie man sich schützt, wie man unter hemmungslos waltenden Machtsystemen trotzdem am Aufbau einer eigenen Meinung arbeitet. "A desire to resist oppression is implanted in the nature of man..." dieses Tacitus-Zitat fand ich in einer amerikanischen Besprechung. Man hat da nicht das Unzutreffendste von ihm ausgewählt...