Eine ereignisreiche Bahnreise

Die erste Reise meines Enkels, damals 4 Jahre alt, und mir sollte rund 800 km lang sein. Zwar fuhr ich auch gerne mit dem PKW, aber eine so lange Strecke alleine mit einem kleinen Kind wollte ich ganz bequem per Eisenbahn zurücklegen. Ich hatte Sitzplätze reserviert, so dass wir beim Einsteigen nicht lange suchen mussten. Die ersten Stunden der Fahrt vergingen schnell und unterhaltsam. Mein Enkel staunte, wie schnell die Landschaft an uns vorbei flog, vergnügte sich mit allerlei Leckereien und Spielsachen, die ich vorsichtshalber eingepackt hatte und so waren wir guter Dinge. Dann wurde er langsam müde, denn wir waren schon früh aufgestanden. Er kuschelte sich auf seinem Sitz zusammen und war schnell eingeschlafen. Nun konnte ich die Nase endlich in mein Buch stecken.

Kurz darauf ging die Abteiltür auf und zwei junge Männer stiegen zu. Sie lächelten mich freundlich an, grüßten und setzten sich uns gegenüber. Dann unterhielten sich die Männer leise und ich las weiter. Nach einer Weile bemerkte ich, dass mein Enkel wieder wach wurde. Er öffnete die Augen, war in einem Moment noch ganz verschlafen und etwas desorientiert und im nächsten Moment zuckte er zusammen, riss die Augen weit auf, deutete auf die Männer und rief: “Omi, da ist ja mein Bimbo!“ Würde es in Eisenbahnen Mauselöcher geben, hätte ich mir schnellstens eines gesucht, so peinlich war mir der Ausruf. Und das kam einerseits daher, dass einer der Männer ein Schwarzer war und andrerseits mein Enkel ein Kinderbuch besaß, das er heiß und innig liebte, in dem ein schwarzer Junge namens Bimbo in Afrika die Hauptperson war. Heute gibt es Bücher in der Art vielleicht nicht mehr.

Aber dieses stammte noch aus meiner Kinderzeit und da waren schwarze Menschen eben „Bimbo“. Da wir auf dem Lande lebten, hatte mein Enkel noch nie in natura Kontakt zu schwarzen Menschen gehabt und war umso erstaunter, dass sein Kinderbuchheld nun auf einmal leibhaftig vor ihm saß. Bevor er nun weiter reden konnte, gab ich ihm schnell etwas zu trinken und entschuldigte mich wortreich bei den Männern. Zum Glück sprachen beide ein ausgezeichnetes Deutsch und der Angesprochene war überhaupt nicht beleidigt, sondern lachte. So kamen wir ins Gespräch. Er erzählte, dass er in einer Großstadt lebte, wo seine andere Hautfarbe nicht mehr so sehr auffiel. Eine solche Reaktion, wie die meines Enkels hatte er noch nicht erlebt. Aber er amüsierte sich sichtlich darüber. Er sagte meinem Enkel, dass er leider nicht Bimbo heiße. Aber mein Enkel ließ nicht locker. Er wollte unbedingt wissen, ob er Bimbo denn kennen würde. Der Mann bejahte diese Frage und nun gab es für meinen Enkel kein Halten mehr. Er fragte den Mann Löcher in den Bauch und er beantwortete geduldig alle Fragen. Ich merkte sehr wohl, dass der Mann von dem Kinderbuch noch nie gehört hatte. Wie sollte er auch? Aber sehr geschickt lenkte er die Fragen weg von Afrika und hin zum Leben schwarzer Menschen in Deutschland. Wie sich herausstellte, war er selbst in Deutschland geboren und noch nie in Afrika gewesen.

Nicht nur mein Enkel, auch ich lernte während dieser Eisenbahnfahrt sehr viel. Unsere Reise neigte sich dem Ende zu. Die beiden Männer fuhren noch ein paar Stationen weiter als wir. Kurz bevor wir aussteigen mussten, fragte der Schwarze mich, ob ich ihm wohl meine Adresse geben würde. Er würde meinem Enkel sehr gerne eine Erinnerung zuschicken, die, wie er fand, gut zu dieser Reise passte. Was es war, wollte er nicht verraten. Trotz der guten Unterhaltung, die wir hatten, war ich zwar etwas skeptisch, einem fremden Menschen meine Adresse zu geben, mochte aber auch nicht nein sagen. An unserem Zielbahnhof halfen die Männer uns noch mit unserem Gepäck und wir verabschiedeten uns herzlich voneinander.

In den folgenden 2 Wochen Urlaub sprach mein Enkel immer wieder von unserem Erlebnis und war auf der Rückreise sehr enttäuscht, andere Mitreisende zu haben. Wieder daheim, dachte ich zunächst kaum noch an die Männer, bis 1 Woche später ein Päckchen mit dem Absender des Mannes eintraf. Da mein Enkel am nächsten Tag zu Besuch kommen sollte, ließ ich das Päckchen geschlossen. Am nächsten Tag öffnete mein Enkel es voller Spannung. Es enthielt eine naturgetreue Spielzeugeisenbahn, ein Kinderbuch über Afrika, eine kleine Trommel und einen Brief. In diesem Brief bedankte er sich für die tolle Reisebegleitung und schrieb zum Schluss, dass er sich freuen würde, Antwort zu bekommen. Die bekam er selbstverständlich, von meinem Enkel diktiert und von mir geschrieben. Das Ganze ist nun über 20 Jahre her. Schon lange schreibt mein Enkel seine Briefe selbst. Es ist eine richtige Freundschaft entstanden. Was wäre uns entgangen, wenn wir diese Reise statt mit der Eisenbahn mit dem Auto angetreten hätten.