Nachtzug nach Mailand
Reisen bildet, sagt der Volksmund. Zumindest bei dieser Anreise bildeten sich die Augenringe besonders gut aus. Unser Ziel war Mailand, daher nahmen wir den Nachtzug ab Dortmund. Sicher hätten wir auch fliegen können, aber die Anreise zu den jeweiligen Flughäfen war einfach zu weit, außerdem mussten wir ja ab Mailand noch nach Verona. Das Ziel unserer Reise, wir wollten bei dem Profess meiner Cousine beiwohnen. Sie lebt in einem Kloster bei Verona, und hat dort auch ihre Zeit als Novizin verbracht. Aber zurück zur Anreise, wir stiegen in den Zug und der Schaffner wies uns unser Abteil im Schlafwagen zu. Wie von der Bahn versprochen, war es sauber und gut eingerichtet. Im Laufe der Nacht, mussten die Reisenden aber dann feststellen, dass ein weiteres Versprechen der Bahn nicht zu halten war. Die Zusage, ruhig und entspannt am nächsten Morgen in Mailand einzureffen. Ehrlicherweise muss dabei zugegeben werden, die Bahn ist nicht Schuld, sondern die Reisenden des Nachbarabteils.
Nach dem Einsteigen hatte sich schnell die erste Unruhe gelegt, und die meisten Fahrgäste, begaben sich zur Nachtruhe. Bereits nach 30 Minuten drangen Geräusche die an ein Quietschen und Stöhnen erinnerten, an unser Ohr. Der erste Gedanke war nur „super, dass muss ja wohl auch nicht sein – hoffentlich dauert es nicht so lange“. Wir setzen uns noch einmal hin, um das Ende der Vergnüglichkeiten abzuwarten, und dann einen erneuten Schlafversuch zu wagen. Leider warteten wir geraume Zeit, anstatt das endlich Ruhe einkehrte, wurde es immer lauter. Der Blick auf die Uhr verriet, dass wir dann bereits seit einer Stunde unfreiwillig dem Treiben lauschten.
Langsam wurden weitere Geräusche hörbar, nicht von nebenan, sondern von vor der Tür. Offensichtlich waren wir nicht die Einzigen, denen es den Schlaf raubte. Nun hatten wir die Wahl, entweder wir gesellten uns zu den Reisenden vor der Tür, oder wir setzen uns dem Verdacht aus, dass der Lärm aus unserem Abteil kam. Noch bevor wir uns zu einer Entscheidung durchringen konnten, klopfte es bereits leise an unsere Tür. Nach dem Öffnen blickten wir in das Gesicht eines sichtlich verlegenen Schaffners, der nicht so recht wusste, was er zu uns sagen sollte. Leider wurden wir der Aussage beraubt, denn die Geräusche ließen nicht nach, obwohl unsere Tür offen war, er rang sich ein knappes T’schuldigung ab, er wollte nicht stören und nur sehen, ob alles in Ordnung ist. Auf den Gesichtern der anderen Reisenden konnten wir die Erleichterung direkt ablesen, so richtig wusste offensichtlich niemand, was in solch einer Situation zu sagen ist. Trotzdem forderten sie lautstark den Schaffner auf, den Lärm endlich zu unterbinden, da man ja schlafen wolle. Übrigens wurde es immer noch als Lärm bezeichnet, obwohl mittlerweile ziemlich eindeutig war, was sich dort abspielte. Der arme Schaffner, er hatte mein volles Mitleid, klopfte an die nächste Tür. Es erfolgte keinerlei Reaktion der Abteilbewohner. Geöffnet hätte sicher niemand in derselben Situation, aber zumindest den Lärmpegel gesenkt. Denen schien es allerdings vollkommen egal zu sein, dass bereits der halbe Schlafwagen vor ihrer Tür eine Versammlung abhielt. Der Schaffner begann lautstark auf die Reisenden im Abteil einzureden und gleichzeitig an die Tür zu schlagen, als Antwort er kam aus dem Abteil der Satz: „ Hau ab, sonst bist du der Nächste!“. Dem Schaffner entglitten die Gesichtzüge, und er drohte damit, den Zug zu stoppen und die Polizei zu holen. Diese Drohung bewirkte, nichts.
Ungestört schaukelten sich die Reisenden im Abteil dem Höhepunkt entgegen und ließen sich auch nicht mehr von dem tobenden Schaffner vor der Tür beeindrucken. Der Höhepunkt war genau um 2.48 Uhr, wir die Reisen des Schlafwagens über einen Uhrenvergleich zusammen feststellten. Da nun im Abteil Ruhe eingekehrt war, verzogen sich auch die restlichen Reisenden in ihre Betten. Der Rest der Nacht verlief ruhig, und alle schliefen friedlich. Das eigentlich Schauspiel sollte aber erst am nächsten Morgen in Mailand kommen. Das Frühstück wurde serviert, die Ruhestörer verzichteten allerdings darauf. Bei der Ankunft in Mailand platzierte sich der Schaffner genau vor der Abteiltür, wohl um Rache für die nächtliche Beleidigung zu nehmen. Der Zug hielt bereits in Mailand, da öffnete sich die Abteiltür und als erstes erschien eine junge Dame, die einfach umwerfend aussah.
Das Gesicht des Schaffners entspannte sich zusehends, den übrigen Männern des Schlafwagens, die wohl aus reiner Neugier dem Schauspiel beiwohnen wollten, klappte die Kinnlade herunter. Die Damen begannen ihren Gatten mit dem Ellbogen in die Seite zu stoßen, und zischten böse Kommentare. Trotzdem ging niemand, obwohl der Zug in der Zwischenzeit stand und die Türen geöffnet waren. Alle wollten noch den dazugehörigen Herren sehen und die Reaktion des Schaffners. Der Herr kam dann auch, er war knapp 2 Meter groß, und wohl ebenso breit. Der Schaffner wünschte nur noch einen Guten Morgen und verschwand dann eiligst. Die anderen Reisenden taten auf einmal sehr geschäftig, und sortierten ihr Gepäck um dann ruhig aus dem Zug zu steigen. Niemand sagte auch nur ein Wort über die letzte Nacht.