Dann schlafen wir halt hier
Zugfahrten sind eine tolle Sache. Man muss sich, dem Lokführer sei Dank, nicht auf die Straße konzentrieren und kann gemütlich aus dem Fenster schauen. Ja sogar umhergehen kann man, spazieren gehen, etwa zum Speisewagen. Trotzdem geht es weiter. Es lässt sich - bei zugezogenen Vorhängen gegen das Schwindelgefühl - wunderbar schlafen. Wenn man möchte, lernt man viele interessante Menschen kennen.
Kein Wunder also, dass wir uns entschlossen eine Europareise mit dem Zug zu unternehmen. Für uns junge Leute war das Angebot erschwinglich und wir hofften, weil es sich in Zügen so wunderbar schlafen lässt, einiges an Übernachtungskosten sparen zu können. Von einer europäischen Stadt in die nächste mit einem Nachtzug zu fahren, ist eine wirklich angenehme Art und Weise zu Reisen. Man schläft gemütlich ein, und macht man am nächsten Tag die Augen auf, ist man da wo man sein wollte. Viele hundert, wenn nicht gar tausend Kilometer von dort weg, wo man gestartet ist.
Auf jedem Bahnhof gibt es Duschen, die man gegen Bezahlung nutzen kann und meistens sind die ganz ordentlich.
Doch Reisen mit dem Nachtzug birgt auch Risiken, das mussten wir am eigenen Leib erfahren. Meistens fahren die Nachtzüge erst spät am Abend oder sogar mitten in der Nacht los. Und so ist man recht aufgeschmissen, wenn der Zug, der einem zum Nachtzug bringt Verspätung hat und man den Nachtzug damit verpasst. Um ein Uhr in der Nacht ist es in den meisten europäischen Städten nahezu unmöglich eine preiswerte Übernachtungsmöglichkeit zu finden. Und mit unserer Fahrkarte hatten wir keinen Anspruch auf einen Platz im Zug. Wir hatten ja keine Reservierung.
Ähnliches passierte und gleich dreimal auf unserer Reise, denn Verspätung haben Züge in ganz Europa.
Das erste mal war in Skandinavien. Wir konnten noch die Rücklichter des Zuges sehen und winkten ihm, traurig und etwas bekümmert hinterher. Erstmal luden wir unserer schweren Rucksäcke ab und verschnauften kurz. Dann suchten wir eine Information erst im, dann außerhalb des Bahnhofs. Doch alles war zu. Als wir zurück kamen sogar der Bahnhof. Es war menschenleer, weit und breit niemand zu sehen. Wir suchten uns eine Bank, packten unsere Schlafsäcke aus und machten es uns gemütlich. Obwohl wir verabredet hatten, dass immer einer von uns wachen sollte, damit wir nicht bestohlen würden, waren wir schnell beide eingeschlafen. Der Schreck kam dann am nächsten Morgen. Ich wurde sanft an der Schulter berührt und auf einer Fremden Sprache angesprochen. Als ich die Augen auf machte, sah ich eine Uniform. Polizei. Das gibt Ärger. Es gab keinen. Der freundliche Herr gab uns zu verstehen, dass der Bahnhof nun wieder geöffnet sei und man dort ein Frühstück zu sich nehmen könne. Das taten wir auch. Ausgeruht, allerdings mit leichten Rückenschmerzen. Denn eine Bank ist kein Bett.
Das zweite mal war nicht so schön. Es war in einer Großstadt im Süden Europas. Es war heiß und recht viele unangenehme Gestalten trieben sich am Bahnhof herum, einige musterten uns völlig unverschämt, ganz so, wie man ein Sofa anschaut, dass man vielleicht kaufen möchte. Wir beide machten kein Auge zu und tranken einen Kaffee nach dem nächsten um ja nicht einzuschlafen. Ich hatte die Hand immer in der Nähe des Taschenmessers. Grauenhaft. Was eine Erlösung, als der erste Zug am Morgen in den Bahnhof einfuhr. Wir nahmen ihn, ohne zu schauen, wohin er fuhr. Nur weg von hier und schlafen. In einem eigenen Abteil.
Das dritte Erlebnis zeigt am deutlichsten, wie unterschiedlich die Service-Vorstellungen der Eisenbahnen in den verschiedenen Ländern sind. Wir bekamen tatsächlich ein Hotel. Und das, obwohl wir nicht reserviert hatten. Einfach so. Weil das Bahnhofshotel schon voll belegt war, wurden wir in das nächste geschickt. Eins mit Sternen. Mit Badewanne auf dem Zimmer. Mit Fernseher, Minibar und am Morgen ein wundervolles Frühstücksbuffet.
So schön das Reisen mit dem Zug ist, so gut man im Zug schlafen kann, so gut die Duschen auf Bahnhöfen sind - wenn man das Bad eines Hotelzimmers nutzen kann, weiß man das auf einmal sehr zu schätzen. Ebenso, dass man die Zimmertüre verschließen kann und weiß, dass keiner hereinkommen und fragen wird, ob noch was frei sei.